Beobachter: Von Pfeifenlangsamrauchen über Tischfussball bis Autolackieren: Die Schweiz ist ein Land der Weltmeister. Weshalb?
Peter Schneider: Bis jetzt hatte ich noch gar nicht gewusst, dass die Schweizer beim Weltmeistern Weltmeister sind. Allgemein kann man vielleicht sagen: Je kleiner ein Land ist, desto weniger kann es klassische Weltmeister stellen, dazu ist die Auswahl an Sportlern schlicht zu klein. Umso reizvoller kann es sein, als David unter Goliaths Disziplinen zu kreieren, in denen man den WM-Titel geradezu schon in der Tasche hat, weil es kaum Mitbewerber gibt.

Beobachter: Welche Disziplinen kommen Ihnen da in den Sinn?
Schneider: Fahnen- und Talerschwingen wären meine Favoriten. Aber man kann auch bei diesen Disziplinen nicht sicher sein, ob einem nicht vielleicht ein ehrgeiziger Koreaner oder Togolese einen Strich durch die Rechnung macht.

Beobachter: Ein Wettkampf mit Ranglisten gilt als spiessig. Weshalb messen sich trotzdem Sportler in so genannten Trendsportarten wie Snowboarden an Weltmeisterschaften?
Schneider: Wenn man etwas besonders gut kann, ist es nahe liegend, sich mit anderen zu messen, die dasselbe gut können. Auch wenn es nur ein kleiner Kreis ist.

Beobachter: Wettkämpfe sind also nicht spiessig, sondern trendy?
Schneider: Mit der Spiessigkeit ist es wie mit der Schönheit: Sie liegt im Auge des Betrachters. Und was gestern noch spiessig war, ist heute schon trendy und morgen vielleicht wieder spiessig. Alles eine Frage des Marketings.
Beobachter: Zeigt sich bei den vielen Titelsammlern die typisch schweizerische Tugend Ehrgeiz? Oder versuchen wir lediglich, mit Hilfe von Titeln einen Minderwertigkeitskomplex wettzumachen?
Schneider: Wenn etwas typisch schweizerisch ist, dann vor allem die Tendenz, sich einen besonderen Ehrgeiz oder aber einen Minderwertigkeitskomplex als besonders schweizerische Eigenart anzudichten. Wahrscheinlich gibt es doch auch holländische Weltmeister im Matjes-Filetieren oder Käserollen.

Beobachter: Was bringt es, Weltmeister in einer Randsportart zu sein, die kaum einer kennt?
Schneider: Von Tucholsky gibt es eine kleine Geschichte mit dem Titel «Es gibt keinen Neuschnee», und die beginnt so: «Wenn du aufwärts gehst und dich hochaufatmend umsiehst, was du doch für ein Kerl bist, der solche Höhen erklimmen kann, du, ganz allein - dann entdeckst du immer Spuren im Schnee: Es ist schon einer vor dir dagewesen.» Vielleicht sind diese exotischen Weltmeisterschaften der Versuch, sich doch noch einen kleinen Claim Neuschnee abzustecken.

Beobachter: Glauben Sie, dass Weltmeistertitel auch deshalb besonders erstrebenswert sind, weil es immer schwieriger wird, klassische Weltrekorde zu verbessern?
Schneider: Ich glaube nicht, dass sich etwa ein Weltklasseläufer aus Enttäuschung, immer wieder den Weltrekord zu verfehlen, schliesslich dem Pfeifenlangsamrauchen widmet. Die Weltmeistertitel-Jagd speist sich vermutlich aus demselben Drang wie die Versuche, sonst wie ins Guinness-Buch der Rekorde einzugehen: auch mal etwas Besonderes zu sein.