Beobachter: Eine liberale SVP-Frau ist in den Bundesrat gewählt worden - dürfen wir einen alten Ausspruch von Ihnen bemühen und sagen: «Freude herrscht!»?
Adolf Ogi: Zu diesem Spruch lasse ich mich nicht hinreissen. Ich freue mich für Frau Widmer-Schlumpf. Sie ist eine sehr integre Persönlichkeit. Anderseits ist eine Abwahl für jeden Betroffenen tragisch und somit auch für Bundesrat Blocher.

Beobachter: Nach den Wahlen im Oktober deutete ja nichts auf eine derartige Niederlage der SVP hin...
Ogi: Offenbar haben die anderen Parteien von der SVP gelernt. Plötzlich haben sie angefangen, ebenfalls strategisch zu denken und zu handeln. Am Wochenende vor der Wahl wurden ja noch die Namen Darbellay und Schwaller gehandelt. Wenn Frau Widmer-Schlumpf früher ins Spiel gebracht worden wäre, hätte die SVP vielleicht noch reagieren können, aber so wurde sie auf dem linken Fuss erwischt. Man muss neidlos anerkennen, dass diese Strategie voll und ganz aufgegangen ist.
Beobachter: Können Sie sich vorstellen, wie die angekündigte Oppositionsrolle der SVP aussieht?
Ogi: Dadurch, dass das Volk immer das letzte Wort hat, ist das schweizerische System für eine Opposition nicht ungünstig. Die Oppositionsrolle aber tatsächlich auszuüben wird sehr schwierig sein, das sind wir uns nicht gewohnt. Aber wenn eine Partei sehr grosse finanzielle Mittel hat, kann sie über Kampagnen schon etwas erreichen.

Beobachter: Welche Auswirkungen wird die Oppositionspolitik der SVP auf den parlamentarischen Alltag haben?
Ogi: Es ist durchaus denkbar, dass die Mitte-links-Parteien, also CVP, SP und Grüne, nun in Sachfragen geschlossener auftreten werden, weil sie die SVP als stärkste Partei auf der anderen Seite wissen. Möglicherweise schliessen sie sogar eine Art Legislaturvereinbarung. Durch einen solchen Schulterschluss würde die angekündigte Oppositionspolitik der SVP eindeutig schwieriger.

Beobachter: Denken Sie, dass es nach der Abwahl von Christoph Blocher auch im Bundesrat zu einem Schulterschluss kommen wird?
Ogi: Die Arbeit im Bundesrat könnte tatsächlich einfacher werden, in dem Sinn, dass es etwas harmonischer hergeht. Der Bundesrat muss aber keine Wohlfühlgemeinschaft sein. Wichtig ist, wie man miteinander umgeht, ob man sich vertraut, gegenseitig achtet und respektiert.

Beobachter: Wenn Sie von Respekt sprechen, dann sind Sie wohl ziemlich erschrocken, als Sie hörten, dass die neugewählte Bundesrätin aus ihrer eigenen Partei als «Meuchelmörderin» und «Verräterin» abqualifiziert wurde?
Ogi: Ich bin erschrocken, aber ich kommentiere diese Aussagen nicht, weil man mit einem Kommentar solchen Aussagen nur noch eine grössere Bedeutung gibt.

Beobachter: Unmittelbar nach der Abwahl von Bundesrat Blocher sassen Sie beim Fraktionsessen der SVP zwischen ihm und Samuel Schmid...
Ogi: ...Ich sass nicht zwischen ihnen, sondern ihnen gegenüber. Zuerst war ich lange allein, dann kam erst Herr Blocher mit seiner Frau und dann Herr Schmid. Ich habe mit beiden ein wenig gesprochen.

Beobachter: Und worüber?
Ogi: Herrn Schmid habe ich natürlich gratuliert zu seinem hervorragenden Resultat. Herrn Blocher habe ich ein wenig aufgestellt. Der «Blick» schrieb, ich hätte ihn wie ein Coach aufgestellt. Habe ich nicht. Ich habe einfach mein Mitgefühl zum Ausdruck gebracht. Ich war auch 13 Jahre im Bundesrat, ich weiss, was das heisst.

Beobachter: Und miteinander haben die beiden auch gesprochen?
Ogi: Jaja, sie haben auch miteinander gesprochen.

Beobachter: Sie selbst hatten ja mit Herrn Blocher während Ihrer Zeit als Bundesrat das Heu auch nicht immer auf der gleichen Bühne. Vergeben und vergessen?
Ogi: Es wurde von den Medien immer wieder übertrieben, wie schlecht unser Verhältnis angeblich war. «Das Heu nicht auf der gleichen Bühne» - gut, so formuliert stimmt das. Aber wir haben uns immer wieder gefunden. Immer wenn wir fast gar unüberbrückbare Differenzen hatten, trafen wir uns in Kandersteg. Nach einer Stunde kamen dann jeweils der Parteipräsident, der Generalsekretär und meine Leute dazu und manchmal auch der Fraktionspräsident. Dann tranken wir etwas, und meist wanderten wir zwei dann noch zum Blausee, assen dort einen Fisch, und dann ging es uns wieder gut.

Beobachter: Und Sie hatten wieder ein wenig Ruhe.
Ogi: Ja, dann hatte ich wieder drei oder vier Monate Ruhe. Man muss halt einfach wissen, wie man mit Herrn Blocher umgeht.

Beobachter: Samuel Schmid und Eveline Widmer-Schlumpf droht jetzt eine Regierungszeit ohne Fraktion. Sie selber waren ja zwar Mitglied der Fraktion, aber Sie hatten zum Teil die Unterstützung der Partei nicht mehr...
Ogi: Völlig falsch! Nennen Sie mir ein Beispiel.

Beobachter: Das EU-Beitrittsgesuch schätzte man in Ihrer Partei nicht wirklich.
Ogi: Stimmt. Aber wir haben doch gar kein Beitrittsgesuch eingereicht! Ich habe damals dafür gesorgt, dass das Schreiben an die EU lediglich ein Gesuch um die Aufnahme von Beitrittsverhandlungen war, nicht ein Beitrittsgesuch. Bei solchen Verhandlungen gibt es ein Resultat, und dieses kann man dann annehmen oder ablehnen, voilà! Das möchte ich mal für die Geschichte richtiggestellt haben.

Beobachter: Machen wir.
Ogi: Nennen Sie mir einen zweiten Punkt, in dem die Partei mich desavouierte.

Beobachter: Bei der EWR-Abstimmung beispielsweise.
Ogi: Der EWR war klar. Ich verstand meine politische Aufgabe immer so, dass ich mich ohne Wenn und Aber für einen Bundesratsentscheid einsetzte, wenn er einmal gefallen war.

Beobachter: Noch einmal: Zwei Mitglieder des Bundesrats werden nun ohne Fraktion im Rücken politisieren. Ist das für Sie überhaupt vorstellbar?
Ogi: Man kann zum Beispiel Koalitionen bilden, etwa mit einem Kern von liberalen Leuten aus der SVP und dann noch Mitgliedern der FDP und CVP und vielleicht sogar von den Sozialdemokraten. Tragfähige Koalitionen zu bilden ist zwar in unserem politischen System theoretisch möglich, aber praktisch sehr schwierig zu handhaben. Auch für die SVP-Fraktion wird es nicht einfach, denn sie hat keine Vertreter mehr im Bundesrat. Es wird für alle ein Experiment sein, ähnlich wie auch die Opposition der SVP ein Experiment wird.

Beobachter: Zurückgetretene sind ja meist sehr sparsam mit Ratschlägen. Trotzdem: Welchen Tipp geben Sie Eveline Widmer-Schlumpf?
Ogi: Ich gebe bewusst keine Ratschläge. Jeder muss sich so einbringen, wie er ist. Frau Widmer-Schlumpf ist konsensorientiert, sie will das Beste für das Land, das spürt man bei ihr. Sie ist eine hervorragende Regierungsrätin, sie hat Erfahrung, und sie kommt aus einem Haus, in dem Politik immer eine Rolle gespielt hat. Ich wünsche ihr viel Glück.

Beobachter: Und was raten Sie Christoph Blocher?
Ogi: Auch ihm gebe ich keine Tipps. Ich nehme an, dass er jetzt Parteipräsident wird und dass man versucht, ihn wieder in den Nationalrat zu hieven. Und ich vermute, dass er irgendeine marode Firma kauft und diese wieder auf Vordermann bringt.

Quelle: UN Photo/Mark Garten