Beobachter: Herr Reinhart, planen Sie für Ihr Bad demnächst eine Luxusrenovation?
Andreas Reinhart: Wieso?

Beobachter: Sollte das Steuerpaket angenommen werden, können Sie als Wohneigentümer die Kosten über 4000 Franken von den Steuern abziehen.
Reinhart: Deswegen werde ich das Badezimmer nicht renovieren. Ich kann diese geplanten Steuerprivilegien nicht nachvollziehen: die Abschaffung des Eigenmietwerts bei gleichzeitiger Möglichkeit, die Unterhaltskosten von der Steuer abzuziehen. Das ist ein reines Geschenk an uns Wohneigentümer. Die Schere zwischen Reich und Arm wird sich so in der Schweiz noch mehr öffnen. Die es am wenigsten brauchen, erhalten am meisten. Da kann etwas nicht stimmen in der Gesellschaft.

Beobachter: Was stimmt denn nicht?
Reinhart: Wer viel Geld hat, geniesst schon heute viele Steuervorteile. Denken Sie nur an die steuerfreien Kapitalgewinne oder die Kantone, die nach und nach die Erbsteuer abschaffen. Dass man ein Erbe überhaupt nicht versteuern muss, finde ich nicht in Ordnung.

Beobachter: Aber dann müssten Sie als Multimillionär ja auch an den Staat abliefern.
Reinhart: Ja klar. Es ist schliesslich Geld, das man nicht selber erarbeitet hat. Man profitiert, weil man zufällig irgendwo hineingeboren wurde. Ich sage ja nicht, dass man 50 Prozent abgeben müsste. Aber die Schweiz ist für vermögende Leute nach wie vor ein Steuerparadies. In Deutschland bezahlt man viel mehr Steuern. Ich kann zum Beispiel nicht nachvollziehen, wie jemand, der gut verdient, kein Vermögen ausweist und versteuert. Dass man Vermögende jetzt nochmals steuerlich entlasten will, entspricht nicht meinem Verständnis von Solidarität. Das ist eine Ungerechtigkeit und auch Dynamit für die Gesellschaft. Die exzessiven Managerlöhne gehören an dieser Stelle ebenfalls erwähnt.

Beobachter: An was für Dynamit denken Sie genau?
Reinhart: An das Dynamit einer entsolidarisierten Gesellschaft. Jeder schaut nur noch für sich. Das kanns nicht sein. Kommt hinzu: Die Steuern, die da «eingespart» werden, müssen ja irgendwo wieder hereingeholt werden. Gemeinden und Kantone müssten noch mehr sparen.

Beobachter: Wo würde eingespart werden?
Reinhart: Das ist es ja. Man weiss es eben nicht. Wahrscheinlich bei denen, die sich nicht wehren können. Bei den Schwächsten. Und beim Umweltschutz, beim öffentlichen Verkehr.

Beobachter: Aber stimmt wenigstens das Argument der Befürworter, dass tiefere Steuern das Wachstum ankurbeln?
Reinhart: Für Reiche gilt das natürlich nicht – die können ihre Konsumlust schliesslich jetzt schon befriedigen, wenn sie wollen. Auch so einer kann nicht mehr als 24 Stunden am Tag konsumieren. Im Übrigen habe ich die Erfahrung gemacht, dass Leute umso knausriger werden, je mehr Geld sie haben.

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