Er wirkt zerbrechlich, und immer wieder sucht Ibrahim Özalp den vertrauten Blick von Pflegemutter Dora Jost. Die Stimmung in der Küche des Kinderhauses Nikki in Merzligen bei Biel ist gedrückt, ob des betretenen Schweigens ist manchmal nur das Ticken der grossen Wanduhr zu hören. Seit Sommer 2003 lebt Özalp hier. Der Jugendliche, der im August 18 Jahre alt wird, leidet an der Erbkrankheit Morbus Wilson - einer Fehlfunktion des Stoffwechsels, die der Leber zusetzt, Sprach- und Schreibstörungen bewirken und Zittern auslösen kann. Nur dank 15 Tabletten täglich und regelmässigen ärztlichen Konsultationen behält Ibrahim Özalp die Kontrolle über seinen kranken Körper. Er besucht eine heilpädagogische Sonderschule in Biel und will nach dem Abschluss im Sommer eine Anlehre beginnen. In der geschützten Werkstatt in Oensingen SO ist ein Platz für ihn reserviert.

Schon zwei Selbstmordversuche

Doch Ibrahim Özalp und seiner Mutter Zeliha droht die Wegweisung aus der Schweiz: Das Bundesamt für Migration lehnte ihr Aufnahmegesuch ab, weil sie in der Türkei nicht bedroht seien; die Asylrekurskommission stützte den Entscheid. Eine Situation, die Zeliha Özalp so zusetzte, dass sie die Kontrolle über ihre Handlungen verlor und sich zweimal umzubringen versuchte. Wiederholt musste sie stationär psychiatrisch behandelt werden.

In einem Wiedererwägungsverfahren will Özalps Anwalt die Asylrekurskommission noch umstimmen. Er führt an, dass eine Wegweisung bei beiden zu «einer konkreten Gefährdung ihrer Gesundheit oder sogar des Lebens führen könnte». Özalps Hausärztin Theres Koller-Stebler bestätigt diese Einschätzung. Bei der Mutter sei bei einer Rückschaffung «mit einem Suizid zu rechnen», schreibt sie in ihrem Bericht an die Asylrekurskommission. Und Sohn Ibrahim drohe «gesundheitliche Gefahr und der Absturz ins Elend». Er könne aus eigener Kraft weder Arbeit noch ein geschütztes Umfeld finden. Vor allem aber sei die erforderliche Therapie nicht sichergestellt: Der zum Überleben nötige Medikamentenmix sei in der Türkei nur schwer erhältlich, zudem könne die Familie diese Kosten - 400 Franken pro Monat - nicht aufbringen. Die Rekurskommission will den Fall mit Verweis auf das hängige Verfahren nicht kommentieren.

Ibrahim Özalp flüchtete 2001 mit seiner Mutter in die Schweiz. Hier sollte seine Stoffwechselstörung fachgerecht behandelt werden. Die Krankheit war zwei Jahre zuvor entdeckt worden, nachdem der damals Elfjährige aus scheinbar unerfindlichen Gründen ins Koma gefallen war und sein Gedächtnis verloren hatte.

Zwischen Verdrängen und Angst

In der Türkei wurde Özalps Familie politisch verfolgt - Vater und Onkel waren als Widerstandskämpfer der kurdischen Arbeiterpartei PKK im Einsatz. Die Regierung rächte sich: Der Vater ist seit 1989 verschollen, der Onkel wurde umgebracht, Ibrahims Mutter gefoltert. Durch die Erlebnisse schwer traumatisiert, sei diese in der Betreuung des Sohnes auf Hilfe angewiesen, sagt Heimleiterin Dora Jost, die seit drei Jahren für Ibrahim Özalp sorgt. Sie rühmt seinen enormen Willen, aus diesem schwierigen Leben das Beste zu machen. Er sei integriert und allgemein beliebt. «Wir haben ihn alle gern», sagt Jost.

Ibrahim Özalp will an das Undenkbare nicht denken. Beim Discobesuch mit seiner Clique oder beim Billardspielen versucht er erdrückende Gedanken zu verdrängen. «Trotzdem habe ich manchmal Angst», sagt er. In solchen Momenten rückt sein Wunschtraum, Automechaniker zu werden, in weite Ferne.

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