Es war schon dunkel, als der Boden zu beben begann. Ich hörte ein lautes Donnern und Rauschen, ahnte, dass etwas Schreckliches passieren würde. Meine Frau und ich waren gerade beim Abendessen, als ich sah, wie immer mehr dunkelbraunes Wasser die Dornirunse hinunterfloss. Voller Angst rannte ich runter zur Garage und brachte mein Wohnmobil in Sicherheit. Kaum war ich losgefahren, polterte es hinter mir: Hunderte von Steinen donnerten in meine Garage. Einzelne waren so gross wie ein VW-Bus. Holzstämme flogen durch die Luft. Weiter unten am Hang lagen bereits ein Wohnmobil und ein VW Golf, völlig zerstört. Meine Garage samt Holzspaltmaschine und Pneutrax wurden vom Murgang mitgerissen und verschüttet. Wenn das passiert, gibt es nur noch eins: rennen und sich in Sicherheit bringen. Ich hatte wirklich viele Schutzengel.

«Mitten in der Natur fühle ich mich am wohlsten»: Ernst Zgraggen wohnt gerne auf dem unruhigen Berg.

Quelle: private Aufnahme

Schlechter Schlaf bei Regen

An die ständige Bedrohung habe ich mich gewöhnt. Immer wieder verschütten Steine und Dreckmassen unsere Zufahrt zum Haus. Ein Leben im Ungewissen braucht gute Nerven: Schon das Bremsgeräusch eines Zuges lässt mich für einen kurzen Moment aufhorchen. Wenn es regnet, kann ich manchmal nicht schlafen oder wache mitten in der Nacht auf. Ich lausche, ob sich oben in den Hängen etwas bewegt. Mit der Zeit lernt man, das Rauschen eines Murgangs von dem eines Baches zu unterscheiden. Wenn die Erde zu beben beginnt, vibriert auch mein Körper. Das ist unheimlich. Aber das Schlimmste ist, nicht zu wissen, wohin die Masse fliesst und was sie alles unter sich begräbt.

Anzeige

Mit einem Murgang in diesem Ausmass hat keiner gerechnet: Insgesamt sind diesmal 20'000 bis 30'000 Kubikmeter Geröll talabwärts gerutscht. Selbst das für 150'000 Franken frisch sanierte Auffangbecken konnte die Masse nicht stoppen. Die Riemenstaldenstrasse wurde an vier Stellen verschüttet und teilweise unterspült. Die Bewohner und das Gewerbe von Riemenstalden selbst traf es am schlimmsten: Die Zufahrt war für einige Tage unpassierbar.

Ursache dafür war ein Felssturz im vergangenen November. Danach sammelten sich am Berg diverse harte und weiche Steine an. Niemand wusste wie viele. Durch den Regen im Sommer setzte sich die Erdmasse in Bewegung. Ganz langsam bahnte sich der Murgang seinen Weg Richtung Tal. Er war grösser und kräftiger als je einer zuvor. Wie eine Dampfwalze machte er alles platt, was sich ihm in den Weg stellte. Das Ferienhaus eines Bekannten von mir wurde dem Erdboden gleichgemacht.

Zu viel Arbeit, um Ferien zu machen

Es war 1976, als ich zusammen mit meiner Frau hier unser Haus baute. Ich wollte ein Zuhause mitten auf dem Lebensnerv des Berges. Angst, dass unser Heim samt meiner Familie verschüttet werden könnte, hatte ich nie. Nur wussten wir damals noch nicht, wie viel Arbeit auf uns zukommen würde. Seit wir dort leben, bin ich jedes Wochenende mit Aufräumarbeiten beschäftigt. Immer wieder ist unsere Zufahrt zum Haus mit kleineren und grösseren Steinbrocken versperrt. Zeit für die Familie bleibt deshalb wenig. Gerne wäre ich diesen Sommer mit dem Camper ins Tessin gefahren. Wir hätten uns ein schönes Plätzchen am See gesucht und uns in der Sonne bräunen können. Aber nun fallen die Ferien ins Wasser. Zuerst muss die Arbeit erledigt werden – davon gibts immer genug.

Dank der Arbeit kann ich Energie tanken. Beim Schaufeln und Aufräumen der Strassen kann ich mich erholen. Es ist ein Ausgleich zu meinem Vollzeitjob als Elektriker. Mein Beruf hilft mir, das Leben auf dem Berg zu meistern. Bei beidem muss man die Gefahren über die Ohren und Augen erkennen. Weil ich auf der Autobahn arbeite, muss ich immer aufpassen, nicht überfahren zu werden. Einmal erwischte mich prompt ein Laster: Ich war gerade dabei, eine Verkehrszählung auszulesen, als ein LKW-Fahrer mich auf dem Pannenstreifen übersah und anfuhr. Ich hatte Schwein, dass mich dieser Unfall nicht das Leben kostete. Ich kam mit dem Schrecken davon.

In der Stadt leben? Nein danke!

Im Gegensatz zu mir ist meine Frau das Leben auf dem Berg leid. Hätte sie gewusst, wie sich unsere Zukunft entwickelt, hätte sie an einem anderen Ort gebaut. Sie hat genug von den Murgängen, der Arbeit und dem Alleinsein. Sie fühlt sich einsam, jetzt, wo unsere Kinder erwachsen und nur noch selten zu Hause sind. Wenn sie Verwandte oder Freunde besuchen möchte, muss sie zuerst 30 Minuten zu Fuss ins Dorf gehen, weil ich das Auto zum Arbeiten brauche. Das sei eine grosse Belastung für ihre Knie, sagt sie. Wir sind ja auch nicht mehr die Jüngsten. Oft sind die Strassen und Wege aber sogar mit dem Auto unpassierbar. Das ärgert auch meine Tochter. Sie muss dann jeweils nach dem Ausgang bei Freunden übernachten, weil ein Erdrutsch ihr den Weg nach Hause versperrt. Ich muss sagen: Mich stört das alles nicht.

Anzeige

Nie habe ich daran gedacht, dieses Haus zu verlassen. Mitten in der Natur fühle ich mich am wohlsten. Unbezahlbar ist die Aussicht von unserer Terrasse hinunter auf den See. Ich mag diese Ruhe und die saubere Luft.

Ein Leben in der Stadt könnte ich mir nicht vorstellen. Die Menschen sind gefährlicher als die Natur. Jeden Tag lese ich in der Zeitung von Vandalen, Schlägereien und Vergewaltigungen. Diese Schwierigkeiten habe ich nicht. Solange ich gesund bin und Auto fahren kann, gibt es für mich keinen Grund, woanders zu leben. Meine Frau hingegen hätte gerne ein Häuschen im Tessin, flach sollte das Land sein, direkt am See. Mir sind die steilen Berge lieber. Ich bin einfach der Typ dafür.