Die Aussicht vom winzigen Balkon im Dachgeschoss des Zürcher Altstadthauses ist atemberaubend und verdrängt zunächst alle anderen Eindrücke. Löst man dann aber den Blick von den bunten Dächern und Terrassen, werden plötzlich andere Sinne angeregt: Betörender Duft von Lavendel, Rosmarin, Salbei und Basilikum steigt in die Nase.

In den blauen Töpfen auf dem Boden verstecken sich kleine, weisse Erdbeeren, und hinter dem stattlichen Bambus wuchert ein Strauch mit noch gelblichen Peperoncini.

Man hält es kaum für möglich, doch auf dem anderthalb Quadratmeter grossen Balkon findet sich sogar ein Plätzchen für den Grill! «Was will man mehr?», fragt der Stadtmensch und freut sich über die grüne Oase mitten in der Metropole.

Ganz anders siehts auf der Terrasse des Nachbarn im unteren Stock aus. Dessen Balkongestaltung besteht nämlich im Wesentlichen aus zwei voll gestopften Kehrichtsäcken. Daneben türmen sich leere Bierflaschen und flach gedrückte Dosen.

Die Karriere der Balkone

So verschieden der Stil jeder einzelnen Wohnung ist, so individuell sind die Balkone gestaltet: Für die einen ist die Terrasse Gartenersatz oder eine Liegewiese fürs Sonnenbad, für die anderen Grillplatz, Arbeitsort oder Abstellecke. Klar ist einzig: Balkone, Terrassen und Sitzplätze sind heute für die meisten Benutzer und Architekten Lebensräume. Viele Vermieter und Verkäufer werben denn auch mit der «grosszügigen Fläche» dieser Bereiche.

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Das war nicht immer so. Noch vor dreissig Jahren legte man wenig Wert auf Balkone – und entsprechend mickrig fielen die meisten aus. «Beim Bau der Balkone wurde in Sachen Benutzerfreundlichkeit etwa gleich schwer gesündigt wie bei den fehlenden Wärmeisolationen in den siebziger Jahren», schreiben die beiden ETH-Architekten Sylvia Müller und Michael Furrer in einer Studie. Die Architektur war damals noch fest in Männerhand, die nutzorientierten und ästhetischen Bedürfnisse von haushaltenden Frauen blieben weitgehend auf der Strecke.

Hundert Jahre früher war es nochmals anders. Damals diente der Balkon mit seinen gusseisernen Gittern oder steinernen Balustraden vorwiegend der Repräsentation. Sich im Badekleid in der Sonne zu räkeln wäre damals niemandem in den Sinn gekommen.

Heute sind lauschige Sommernachtspartys auf Balkonen und Terrassen ein nicht mehr wegzudenkender Teil des sommerlichen Lebensstils. Schön bepflanzte Balkonecken, einst Inbegriff der Biederkeit, gelten als «hip». Für die Landschaftsarchitektin Marceline Hauri ist deshalb klar: «Ein hübsch arrangierter Balkon trägt wesentlich zur Lebensqualität bei.» Selbst der Ausdruck «Ferien auf Balkonien» hat längst nicht mehr den abschätzigen Beigeschmack wie noch vor zehn Jahren. Und für betagte Menschen ist der Balkon oft die einzige Möglichkeit, wenigstens beobachtend am sozialen Leben teilzunehmen.

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Es braucht nicht viel, um sich den Lebensraum im Freien zu verschönern. «Bambus oder Zitrusgewächse können in grossen Töpfen auf den Balkon oder in den Garten gestellt werden – und schon wandelt sich das Erscheinungsbild», sagt Otto Rütter vom Verband Schweizer Gärtnermeister. Wer zusätzlich Pflanzen wie etwa Oleander oder Schönmalve mit bunten Schlüsselblumen, Astern oder mit Mohnblumen – in grosse Gefässe gepflanzt – kombiniert, kann sich im Sommer an einem prächtigen Blumenmeer erfreuen. «Sehr dekorativ und nützlich sind zudem Gemüsepflanzen und Küchenkräuter», ergänzt Rütter, «Stangenbohnen, Tomaten, Basilikum und Rosmarin sind anspruchslos und wachsen schnell.»

Da öffentliche Grünflächen und Landreserven im Eiltempo schwinden, gewinnen auch Sitzplatz und Garten an Bedeutung. Konnte man früher den Hausgarten meistens nur über eine Treppe betreten, werden heute in vielen Häusern die Untergeschosse ausgebaut und mit grossen Fensterfronten versehen. Immer beliebter werden auch Wintergärten; selbst in Miethäusern sind heute zahlreiche Balkone und Sitzplätze verglast und beheizbar.

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Wichtig sei, dass Balkone und Wintergärten mit der Haus- und Wohnungsarchitektur korrespondierten, sagt Enzo Enea, Gartenarchitekt aus Schmerikon. «Die Formen und Farben der Töpfe und Pflanzen sollen mit der Inneneinrichtung harmonieren und damit den Wohnraum vergrössern.» Und wie überall gilt auch bei der Balkon- und der Gartengestaltung: Weniger ist oft mehr.

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