Der uralte Baustoff Lehm ist nun auch bei der Elite der Schweizer Architekten angekommen. Herzog & de Meuron, bekannt für das Museum «Tate Modern» in London und das Olympiastadion «Bird’s Nest» in Peking, bauen derzeit das Ricola-Kräuterzentrum in Laufen aus Stampflehm. Die 111 Meter lange und 29 Meter breite Fabrikhalle mit nur einem runden Fenster pro Seite sieht aus wie ein braunes Stück Würfelzucker, besteht aber aus Lehm, der vor Ort gewonnen wurde.

Lehm ist eine Mischung aus Sand und Ton. In Laufen wurde er mit Mergel und Aushub­material gemischt, in einer Schalung gestampft, getrocknet und dann in Blöcken verbaut. «Die Dimension und die räumliche Archaik des ­Gebäudes werden durch diese radikale Mate­rialisierung noch verstärkt», so Herzog & de Meuron.

«Lehm ist etwas Besonderes»

Das Beispiel erweckt den Eindruck, Lehm sei vor allem seiner Ästhetik wegen interessant. Martin Rauch, Lehmbauexperte aus Vorarlberg und einer der Vordenker des modernen Lehmbaus, sagt in der Juliausgabe der Architekturzeitschrift «Hochparterre»: «Erst ist das ästhetische Interesse, dann setzt man sich mit dem Hintergrund auseinander, den ökologischen Fragen.» Es sei wohl die Summe der Dinge, die das alte Material auch in den Fokus von bekannten Architekten rücke, präzisiert er. Also die Nachhaltigkeit, das angenehme Raumklima, die Natürlichkeit und Ästhetik des Materials, ­etwas Besonderes halt.

Anzeige

In der Tat hat Lehm hervorragende Eigenschaften: Schon die Verarbeitung braucht sehr wenig Energie, während etwa Beton für Herstellung und Transport Unmengen Energie verschlingt. Lehm ist zudem fast überall vorhanden und zu 100 Prozent rezyklierbar; man könnte eine Wand mit Wasser aufweichen und anderswo wiederverwenden. Doch die meisten Punkte holt Lehm wegen seiner hohen Speicherfähigkeit. Er nimmt schnell Wärme und Feuchtigkeit auf und gibt sie auch schnell wieder ab. Durch dieses «Atmen» des Lehms ist das Raumklima natürlich und angenehm, denn Lehm enthält keine Schadstoffe, wirkt sogar antibakteriell und weist Schädlinge ab, vorausgesetzt, dass auch die Oberflächen aus Materialien bestehen, die den Transport von Feuchtigkeit zulassen.

So weit das Loblied. Doch Lehm ist wasserlöslich und somit nicht wasserfest; das führt beim Hausbau zu Problemen. Guter Rat ist ­darum gefragt, und dieser kommt meistens aus Vorarlberg. Martin Rauch und sein Team von Lehmtonerde beschäf­tigen sich seit Jahren mit dem Material und ­wissen, wie man modernes Bauen und Lehm verbinden kann. Welche Konstruktionstechni­ken funktionieren, weiss man bereits sehr lange, denn im Lehmbau steckt jahrtausende­altes Wissen. Der Lehmbau ist aber immer noch ein Handwerk, braucht viel Zeit und eben Hände und ist darum in Mitteleuropa eine teure Wahl.

Anzeige

Die gute alte Schafwolle

Zusammen mit dem seit 12'000 Jahren bekannten Baustoff aus der Erde treten heute auch andere alte Materialien wieder in Erscheinung. Schafwolle, Baumwolle und Flachs beispielsweise haben gegenüber künstlich hergestellten Wärmedämmmaterialien den Vorteil, dass sie wenig graue Energie enthalten und schadstofffrei entsorgt oder wiederverwendet werden können. Ganz ohne Chemie geht es aber nicht: Die Materialien werden meist mit Borsalz – einem ungiftigen, wasserlöslichen Mineral – ­imprägniert, um Schimmel vorzubeugen und den Brandschutz zu verbessern.

Schaf- und Baumwolle sind zwar exzellente Dämmstoffe, doch das Rohmaterial kommt oft aus Übersee und ist teurer. Flachs ist eine Pflanze, deren Fasern verfilzt und schichtenweise mit einem natürlichen Kleber zu Platten verbunden werden. Solche Dämmplatten sind formstabil, trotzdem elastisch und lassen sich einfach einbauen, zum Beispiel im Dach zwischen den Sparren oder als Schalldämmung in Wänden. Auch sie sind mit Borsalz imprägniert und durchaus erschwinglich. Die «alten» Dämmstoffe erfüllen aber nicht alle Anforderungen des modernen Bauens. Auf einem Flachdach oder an einer Aussenwand im Erdreich sind Schaumglas oder extrudiertes und expandiertes Polystyrol, bauphysikalisch gesehen, nach wie vor die einfachste Wahl. Denn zu viel Feuchtigkeit, die nicht entweichen kann, schadet den natürlichen Stoffen, und sie verrotten.

Anzeige

Recyclingmaterialien im Kommen

Neben den bewährten mineralischen Dämmmaterialien wie Stein- und Glaswolle, die zwar hervorragende Eigenschaften aufweisen, aber einen energieintensiven Herstellungsprozess durchlaufen, hat sich in den letzten Jahren das Recyclingmaterial Zellulose bei Sanierungen und Neubauten durchgesetzt. Mit einem Rohr bläst man Flocken aus Altpapier, ebenso mit Borsalz versetzt, in die zu isolierenden Hohl­räume ein. So erreicht man vergleichbare Dämmwerte wie mit Stein- und Glaswolle, und das Material ist auch preislich interessant.

Vorbildlich schreitet die Stadt Zürich mit einem anderen Recyclingmaterial voran: Seit zehn Jahren setzt sie als Bauherrin Recycling­beton ein, aktuelles Beispiel ist der Bettenhausneubau des Triemli-Spitals. Herkömmli­cher Beton besteht aus Zement, Kies und Wasser, beim Recyclingbeton wird der Kies durch Ab­bruchgranulat ersetzt – vereinfacht gesagt, handelt es sich dabei um zerkleinerten Bauschutt.

Anzeige

Einen anderen Zusatz mischt das Forschungslabor der Eidgenössischen Materialprüfungs- und Forschungsanstalt (Empa) dem Beton bei: Im Rahmen eines Projekts hat man ­einen Spezialzement entwickelt, dem Calciumsulfoaluminat-Zement (CSA) beigemischt ist. Dadurch erhält der Beton eine grössere Speicherkapazität. CSA erhöht das Mineral Ettringit in der Betonmischung, das bei Erwärmung Wasser abgibt. Zu Versuchszwecken versetzte man den Beton mit Wasser und Heizschlangen, so dass er durch den chemischen Prozess im Winter Wärme und im Sommer Kälte freigibt.

Die Forschung sucht neue Baustoffe

Das Labor bereits verlassen – gewürdigt mit dem Empa Innovation Award – hat ein hoch­isolierender Verputz aus Aerogel. Zusammen mit dem Industriepartner Fixit entwickelte die Empa diesen Verputz mit einem Zusatz, der fast nur aus Luft besteht. Nur fünf Prozent sind ein Silikat. Aerogel wurde in den sechziger Jahren zur Isolation von Raumanzügen eingesetzt und ist wegen seiner Farbe als «gefrorener Rauch» bekannt. Aerogel-Granulat kann man sich wie zwei Millimeter kleine Naturschwämme vorstellen. Es besteht aus Siliziumdioxid, das heisst aus Sand, und macht den Verputz ultraleicht. Das fertige Produkt dämmt gleich gut wie eine Polystyrolplatte derselben Dicke und wird mit konventionellen Verputzmaschinen bis zu acht Zentimeter dick aufgetragen. Es eignet sich vor allem zur Sanierung von Altbauten.

Anzeige

Ein atmungsaktiver Verputz

In der gleichen Küche experimentiert der Bauphysiker Thomas Stahl für die Firma Sto aus Deutschland. Sie suchte einen Feuchtespeicherputz, denn den heute immer dichteren Häusern kann die Feuchtigkeit nicht mehr schnell genug entweichen; sie setzt sich an den kühlen Oberflächen ab. Das sind beste Voraussetzungen für Schimmelpilz. Nach ausgedehn­tem Suchen, Proben und Mischen fanden Stahl und sein Team ein System, das ihre Erwartungen bei weitem übertraf: Es nimmt um einen Drittel mehr Feuchtigkeit auf als der gute alte Lehmputz. Auf die Frage, warum denn ein Lehmputz für die Firma nicht interessant sei, sagt Stahl: «Nebst dem Vorteil, dass der her­gestellte Verputz mehr Feuchtigkeit aufnimmt, ist die Arbeit mit ihm viel rationeller. Er lässt sich mit der Maschine auftragen, haftet besser und trocknet schneller. Bis Lehm trocknet, dauert es viel länger.» Der neue Putz hat aber noch mehr Vorteile: Er ist alkalisch, bietet daher kein Klima für Pilze und ist wasserfest – nicht zu verwechseln mit dampfdiffusionsfähig. Wichtig ist auch hier, dass die Oberflächen entsprechend atmungsfähig sind – mit einem Ölfarbanstrich beispielsweise ist die Eigenschaft dahin.

Anzeige

Noch mehr Experimente mit Baustoffen und Konstruktionen möchte die Empa künftig mit dem Projekt «Nest» auf ihrem Grundstück in Dübendorf durchführen. Dort soll gewohnt und gearbeitet werden; gleichzeitig will man Baumaterialien testen. Nur der Erschliessungskern und die Geschossdecken sind fix, der Rest sind Module aus dem Labor von nebenan.

Links

www.lehmtonerde.at
Informationen und Projekte des Lehmbauspezialisten Martin Rauch

www.lanatherm.ch
Dämmstoffe aus Schafwolle

www.haganatur.ch
Natürliche Baustoffe

www.empa.ch
Forschung und Entwicklung neuer Baustoffe