Thomas Kamm ist um eine Vision ärmer. «Wir engagierten uns für die Idee einer anderen Schweiz – unkompliziert, innovativ, auf neuen Wegen. Und jetzt wird kleinkariert abgerechnet nach der alten Buchhaltermethode», sagt der Modellbauer frustriert.

Vor ihm liegt ein Dutzend Fotos. Sie zeigen, wie die Bühnen der Expo.01 auf dem See vor Yverdon hätten aussehen können. 1,8 Meter lang ist das Modell, eine nussähnliche Schale, gefüllt mit organischen Formen aus lichtdurchlässigem Kunststoff. «Kein Gebastel, sondern eine hochtechnische Sache», sagt Kamm. Fast 90'000 Franken Arbeit und Material stecken in Modellen. Bezahlt hat die Expo bisher nur 50'000 Franken. «Wenn der Rest nicht kommt, ist meine Existenz bedroht.»

Modellbauer unter Druck gesetzt
Der Kleinunternehmer ist nicht allein. Mindestens vier weitere Modellbauer warten auf Expo-Gelder. «Wir haben die Hypothek auf unserem Haus erhöht, um über die Runden zu kommen», tönt es aus einem anderen Atelier.

Es waren hektische Tage im Spätherbst 1998. Am offiziellen Architekturwettbewerb vorbei gab die künstlerische Direktorin Pipilotti Rist bei zwei Architekturbüros Modelle der vier Expo-Arteplages in Auftrag. «Die Öffentlichkeit erwartete langsam Konkretes», erzählte sie später. Ende Januar 1999 sollten die Modelle den Medien präsentiert werden.

Den Druck bekamen die Modellbauer zu spüren. Sie hatten ihre Arbeit zwar mit 50'000 Franken offeriert. Aber: «Wir bauten nach unfertigen Plänen; immer wieder wurde geändert», klagt Kamm. «Der Aufwand stieg massiv, technisch und zeitlich.»

Ein Beispiel: An einem Dienstag im Dezember legte das federführende Architekturbüro Köppel & Martinez einen Fax auf. «Salü Thomas! Sonntagnacht werden die Modelle bei euch abgeholt.» Und: «Achtung – die Teile müssen sehr exakt sein, da an der Pressekonferenz Pipilotti mit einer hochauflösenden Fingerkamera durch die Modelle fährt.»

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Die Modellbauer legten einen Zahn zu, schoben Uberstunden und zogen externe Berufskollegen bei. Denn es war ein Termingeschäft: Geld nur gegen pünktliche Lieferung. Längst war Thomas Kamm klar, dass der Aufwand den Preis in der Offerte übersteigen würde. «Auf unsere Warnungen sagte das Architekturbüro, das sei kein Problem und werde bezahlt.» Wie es bei früheren Aufträgen immer war.

Nicht so jetzt. Am 17. Dezember 1998 – die Arteplage-Modelle waren just auf den Lastwagen gehievt – schlitterte die Expo.01 in die Krise. Pipilotti Rist schmiss den Bettel hin. Auch wegen der Modelle, die Expo-intern plötzlich als Konkurrenz zum Architekturwettbewerb taxiert wurden und unter Leintüchern verschwinden mussten.

Keiner will die Büez bezahlen
«Die Arbeit von Monaten wurde mit einem Handstreich annulliert», sagte Rist im «Magazin», das im letzten November erstmals Bilder der Modellbauten zeigte. «Da hat es mir das Herz zerrissen. Es wurde mir definitiv klar, dass ich nicht arbeiten durfte.» Als «unheimlich frustrierend» erlebte auch Kamm das Einmotten seines Werks.

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Noch frustrierender ist der Kampf ums Geld. Erst im Januar 1999 kam der schriftliche Vertrag der Expo. Garantiert wurden 50'000 Franken. Für die restlichen 30'000 bis 40'000 Franken gab es diffuse Versprechungen. Das werde später über ein anderes Konto abgerechnet, hiess es hier. Die zusätzlich angestellten Modellbauer müssten direkt mit der Expo abrechnen, lautete die Botschaft dort. Tatsache ist: Die Expo verweigerte die Zahlung. «Rechtlich steht das Geld den Modellbauern nicht zu», so Architekt Köppel. Würde aber die alte Expo-Führung noch amten, wäre wohl bezahlt worden, meint er.

Für das Chaos der alten Expo.01 will die neue Expo.02 den Geldbeutel nicht öffnen. Der Schwarze Peter wandert hin und her. «Massgebend für uns sind die schriftlichen Verträge», lässt Rist-Nachfolger Martin Heller ausrichten. «Wir haben uns auf die Zusagen von Köppel & Martinez verlassen», sagt Thomas Kamm.

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Marco Köppel kontert: «Vertragspartner war die Expo.» – «Zu einfach», hält Expo-Sprecherin Marina Villa dagegen. «Die Architekten müssten einen Teil der Verantwortung übernehmen.» – «Nein», sagt Köppel. «Die Modellbauer hätten sich sofort gegen den Druck wehren müssen.»

Verlierer sind die Handwerker. Sie sehen ein, dass sie früher und lauter hätten reklamieren müssen. Das ging in der Hektik unter. Zurück bleibt Wut und eine Frage ohne Antwort. «Warum», möchte Thomas Kamm wissen, «müssen ausgerechnet wir Kleinunternehmer den Preis für die politische Krise der Expo bezahlen?»