Seit über 35 Jahren wohnt Esthy Burger an der Basler Lehenmattstrasse: zuerst mit ihren Eltern, dann mit der eigenen Familie. Von der Wohnung im 13. Stock geniesst man einen unverbauten Blick auf den Schwarzwald. Die eigenen vier Wände sind Esthy Burger in all den Jahren ans Herz gewachsen.

Letzten Dezember war Schluss mit der Gemütlichkeit. Die Verwaltung lud zu einer Mieterinformation über geplante Renovationsarbeiten ein. «Ich protestierte gegen den angekündigten Küchenumbau, und viele Mieter unterstützten mich mit Applaus. Abgestimmt werden durfte jedoch nicht, die Verwaltung hatte die Sanierung bereits über unsere Köpfe hinweg beschlossen», sagt Burger.

In den 40 Jahre alten Lehenmatt-Hochhäusern beim St.-Jakob-Park waren die Wasser- und Gasleitungen fällig. Bei dieser Gelegenheit wurden auch die Küchen und Bäder gründlich erneuert. «Ich lebte mehrere Monate auf einer Baustelle», erzählt eine betagte Bewohnerin. «In der Küche Arbeiter, im Bad Arbeiter. Mit der Karrette fuhren sie durchs Wohnzimmer. Ich konnte mich nur noch im Schlafzimmer aufhalten.»

Viel Staub, kein Warmwasser

Auch Esthy Burger ärgert sich über die Sanierungsarbeiten: «Die Küchen wurden bereits vor 20 Jahren ausgetauscht, einzelne Herde waren erst wenige Jahre alt.» Privat beschaffte Geschirrspüler hatten keinen Platz mehr und mussten entsorgt werden, ebenso altgediente Küchenbuffets. Vor der Haustür lag zentimeterdick der Laminatstaub, immer wieder gab es kein warmes Wasser. Der Lichtschalter im Bad flösste vielen Bewohnern Angst ein: Dieser hing monatelang an seinen eigenen Drähten aus der Wand heraus.

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Die Allianz Suisse Immobilien AG, die die beiden Hochhäuser in Basel verwaltet, ist vom Unmut der Bewohnerinnen und Bewohner überrascht. «Wir haben die Belastungen zeitlich kurz gehalten. Viele Mieter haben sich anschliessend bei uns bedankt», sagt Projektleiter Christian Schwabe. «Das WC war nach acht Stunden wieder benutzbar, ein Ersatz-WC stand im Hof zur Verfügung. Und die Badezimmer waren jeweils nach anderthalb Wochen wieder bereit.» Ganz ohne Beeinträchtigung sei eine solche Sanierung allerdings nicht möglich. Das erlebten die Mieterinnen und Mieter am eigenen Leib: Über sechs Monate wurde im Haus gearbeitet. Staub und Lärm zehrten an den Nerven.

«Für viele ältere Menschen ist eine Renovation ein Riesenstress. Die Veränderung löst Ängste aus», sagt Claudia Sedioli von der Pro Senectute Zürich. Der Bewegungsradius werde im Alter enger, das Leben spiele sich fast nur noch in der Wohnung ab. Sedioli: «Handwerker in der Wohnung werden gern als Eindringlinge wahrgenommen. Wenn die älteren Menschen sogar ganz raus müssen, ist die Katastrophe perfekt.»

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Renovationen und Umbauten sind an der Tagesordnung. In Zürich zum Beispiel sind die grossen Wohnanlagen aus den dreissiger Jahren reif für eine Verjüngungskur. Vielen Vermietern ist die schwierige Situation der Betagten durchaus bewusst. Statt sie ihrem Schicksal zu überlassen, werden deshalb kostenlose Hilfsangebote gemacht.

«Wir stellen den älteren Leuten spezielle Mieterbetreuer zur Seite», sagt beispielsweise Raffael Brogna vom Generalunternehmer Zschokke. «Wenn die Küche saniert wird, organisieren die Mieterbetreuer Umzugskisten, packen das Geschirr ein und rücken die Möbel.» Grundsätzlich wird bei Zschokke vor jeder Renovation die gesamte Mieterschaft zu einer Informationsveranstaltung eingeladen. «Die Mieter werden durch die Umbauarbeiten stark in ihrer Privatsphäre beeinträchtigt. Sie haben ein Anrecht auf umfassende Information», sagt Brogna.

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Ankündigung lange im Voraus

Bei grösseren Umbauten ist ein Umzug oftmals unumgänglich. Die Allgemeine Baugenossenschaft Zürich informiert in solchen Fällen zwei bis drei Jahre im Voraus. Die Mieter bekommen dann innerhalb der Genossenschaft eine provisorische Wohnung für die Dauer der Arbeiten oder eine passende Ersatzwohnung. Für viele ältere Menschen stellt sich aber auch die Frage nach einer kleineren Wohnung, einer Alterswohnung oder dem Altersheim.

Im Hochhaus an der Lehenmattstrasse ist inzwischen wieder etwas mehr Ruhe eingekehrt. Handwerker bessern nach, die Treppenhauswände sind noch von den Sägearbeiten gezeichnet. Für Esthy Burger hat die Renovation mehr Nachteile als Vorteile gebracht: «Gas zum Kochen war ökologischer. Und im Bad ist es jetzt immer kalt, weil die Heizung fehlt.» In erster Linie aber bemängelt sie die schlechte Kommunikation des Vermieters. «Unsere Meinung interessierte ihn überhaupt nicht.»

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