«Uns hat es hier schon bei der ersten Besichtigung gefallen», sagt Andreas Huber-Maurus. Zusammen mit seiner Frau Chantal und den beiden Söhnen Basil und Linus wohnt er seit vier Jahren in einem gemieteten Reihenhaus der Siedlung Zelgli in Winterthur. Ein Quartier wie geschaffen für Familien: Auf der verkehrsarmen Strasse und in den Vorgärten lässt es sich gut spielen, das Stadtzentrum ist nur wenige Minuten mit dem Velo entfernt. 1500 bis 2000 Franken beträgt die Miete für eines der 52 Genossenschaftshäuser mit ihren viereinhalb Zimmern und 120 Quadratmetern Wohnfläche – preiswert für Winterthur.

Noch Mitte der neunziger Jahre hätte die Gemeinnützige Wohnbaugenossenschaft (GWG) Winterthur, der die Siedlung gehört, keine Familien ins Zelgli locken können. Zwar galt das Quartier schon damals als familienfreundlich, doch die Ende des zweiten Weltkriegs erbauten Reihenhäuser boten einen traurigen Anblick. Der Putz bröckelte ab, die Fensterrahmen waren verschlissen und der Holzofen zwischen Küche und Stube als einzige Heizung im nicht isolierten Haus unzumutbar. Teilweise hatten die Bewohner zur Selbsthilfe gegriffen und in den Kellern – illegalerweise – selber Ölheizungen eingebaut.

Ungeeignet an den Zelgli-Häusern war aber nicht nur der schlechte Zustand, sondern auch das Raumangebot. Küche, Bad, Treppenhaus und drei Schlafzimmer drängten sich auf knapp 80 Quadratmetern und zwei Stockwerken zusammen. Das kleinste der Zimmer würde man heute eher als Verschlag bezeichnen denn als Wohnraum. Zur Zeit der Fertigstellung der Reihenhäuser hatten die 80 Quadratmeter Fläche für eine Familie mit Kindern noch als komfortabel gegolten, und Kinderzimmer mit acht und weniger Quadratmetern wurden klaglos akzeptiert.

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Doch die Zeiten haben sich geändert. Nicht nur im Winterthurer Zelgli, sondern in der ganzen Schweiz. Allein in den letzten zehn Jahren hat sich der Wohnflächenbedarf nach Schätzungen des Bundesamts für Wohnungswesen von 39 auf 46 Quadratmeter pro Person erhöht. Der vorhandene Wohnungsbestand mag diesen Ansprüchen nur bedingt genügen. Drei Viertel der rund 3,5 Millionen Wohnungen und Häuser in der Schweiz sind älter als 20 Jahre, ein Viertel wurde sogar schon vor dem zweiten Weltkrieg erbaut. Will man diesen Wohnungspark, um ihn den veränderten Ansprüchen anzupassen, nicht einfach abreissen, bleibt nichts anderes übrig, als ihn durch Um- und Anbauten auf die aktuelle Nachfrage auszurichten.

Abreissen oder renovieren? So lautete auch für die GWG Mitte der neunziger Jahre die Frage. Die Genossenschaft entschied sich für eine Renovation der Siedlung. «Wir wollten den langen Diskussionen, die einen Abbruch begleitet hätten, aus dem Weg gehen», so GWG-Präsident Henry Müller. Die Genossenschaft schrieb einen Studienauftrag unter mehreren Architekten aus, an den sie zwei Hauptforderungen knüpfte: Die Häuser sollten mindestens nochmals 30 Jahre gebraucht werden können sowie ausreichend Platz für Familien mit Kindern bieten.

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Die für die Bauherrschaft befriedigendste Lösung lieferte der Architekt Beat Rothen aus Winterthur. Er setzte den bestehenden Häusern auf der Eingangsseite eine neue Schicht an – drei Meter breit und zwei Stockwerke hoch. «Nur mit einem Anbau dieser Grösse liess sich das Platzproblem im Altbau wirklich lösen», sagt Rothen. Dank der so gewonnenen Wohnfläche entsprechen die Häuser nun dem heute üblichen Standard. Für die Bewohner birgt der Anbau ungewohnte Qualitäten: «Es ist ein spezielles Gefühl, aus dem alten Haus herauszutreten und trotzdem nicht draussen zu sein, sondern im neu angebauten Teil», sagt Andreas Huber.

Die Aufgaben zwischen altem und neuem Hausteil hat Architekt Rothen pragmatisch aufgeteilt: Die bestehenden Räume haben ihre Funktion behalten, die neu hinzugekommenen ergänzen das Programm. Der Altbau umfasst wie schon vor dem Umbau Bad, Küche, Wohnzimmer, Treppe und zwei Schlafzimmer. Der neue Anbau nimmt ein Esszimmer, ein WC mit Dusche und ein grosses Schlafzimmer im Obergeschoss auf. Die Räume in den alten Hausteilen hat der Architekt sanft renoviert und wo nötig mit modernen Elementen ergänzt. Alles, was noch diente, wurde aufgefrischt und belassen.

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Ein Rundgang durch eines der renovierten und erweiterten Häuser gleicht einer Wanderung durch verschiedene Epochen, deren Spuren ablesbar sind. Die Zimmertüren aus Holz mit den Glaseinsätzen oder die dunklen Balken an der Decke im Wohnzimmer sind typisch für Arbeiterhäuser aus den späten vierziger Jahren. Die Küche mit den grau gespritzten Metallfronten und der Abdeckung aus Chromstahl hingegen markiert die neunziger Jahre, ebenso das renovierte Bad und die neue Dusche im Erdgeschoss. Vergangenheit und Gegenwart des Hauses bleiben so ablesbar und werden durch einzelne Eingriffe des Architekten sogar noch betont. So wurde zum Beispiel die alte Haustür nicht herausgerissen, sondern trennt heute mitten im Haus Vorplatz und Wohnräume als eine Art Innentüre. Ein Aufeinandertreffen von Altem und Neuem, das Familie Huber-Maurus gefällt: «Gerade die Gebrauchsspuren an den alten Teilen haben ihren Charme und geben einem das Gefühl, dass hier richtig gewohnt wird», meint Andreas Huber, «und dennoch hat das Haus einen modernen Charakter und genügend Platz für uns alle.»

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Ganz ohne Nachteil ist die sanfte Renovation aber nicht: «Einen Neubau kann man aus derart alten Häusern trotz umfassender Erneuerung nicht machen», stellt Architekt Beat Rothen fest, «sonst wird der Aufwand so gross, dass man genauso gut alles hätte abreissen können.» Für die Bewohner der Zelgli-Siedlung heisst das: Die Keller sind nicht trocken wie in einem Neubau, sondern leicht feucht, wie es in alten Häusern üblich ist, und im Treppenhaus ist im Winter manchmal die vom Keller aufsteigende Kälte zu spüren. «Wenn man sich bewusst ist, dass man es mit einem alten Haus zu tun hat, kann man damit aber gut leben», sagt Andreas Huber. Doch längst nicht alle Bewohner scheinen so zu denken: «Zu Beginn hatten wir einige Reklamationen von Bewohnern, denen die Keller zu feucht waren», erinnert sich Genossenschaftspräsident Henry Müller.

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Die Fusion von Alt und Neu ist bei den Zelgli-Reihenhäusern auch von aussen zu spüren: Die alten Hausteile wurden einfach neu verputzt und sehen so aus wie schon nach ihrer Fertigstellung 1944. Für die neu angebaute Raumschicht wählte der Architekt demgegenüber moderne Materialien. Grosse Platten aus Eternit schützen die isolierte Fassade vor Regen und Wind. Und auch bei den Dächern lässt sich der Unterschied gut erkennen: Die Häuser tragen ihr ursprüngliches Ziegeldach, den Anbauten hat der Architekt ein flaches Dach aufgesetzt. Gewollte Gegensätze, die polarisieren: «Wir haben festgestellt, dass die Siedlung den Leuten entweder sehr gut gefällt oder dann gar nicht», sagt Bewohner Andreas Huber-Maurus.

Unter Fachleuten gilt die Sanierung des Zelgli als Musterbeispiel. Und der Erfolg gibt ihnen Recht: Mit vertretbarem Aufwand – knapp 300000 Franken pro Einheit – ist aus den nach heutigen Massstäben eigentlich unbrauchbaren Häusern wieder zeitgemässer Wohnraum entstanden. Die Fluktuation unter den Mietern ist klein, und der Mut der Genossenschaft, architektonisch markant in die bestehende Struktur der Siedlung einzugreifen, hat für viel Echo gesorgt: Die in- und ausländische Fachpresse ist des Lobes voll.

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