Am meisten überzeugt uns die gute Luft», sagen Rita und Flurin Grigis. Seit einem Jahr wohnen sie in einem Minergiehaus. Dazu gehört eine kontrollierte Lüftung – ein Gerät, das die Wohnung mit gefilterter Frischluft versorgt. Mit der früheren Mietwohnung möchte die junge Familie nicht mehr tauschen. Denn im neuen Haus riecht es nie muffig, die Luftfeuchtigkeit ist angenehm. Und die Kinder können bei geschlossenem Fenster schlafen – der Strassenlärm bleibt damit draussen.

Es brauche etwas Zeit, um sich an die neue Technik zu gewöhnen, findet Rita Grigis. Anfänglich sei es ihr eigenartig vorgekommen, die Fenster nicht mehr öffnen zu müssen. Jetzt schätze sie es. «Nun muss ich im Winter nicht mehr daran denken, die Fenster zu schliessen.»

Von ähnlichen Erfahrungen berichtet Doris Leder von der Vermietungsabteilung der Migros-Pensionskasse. In Dällikon ZH erstellte die Migros sechzig Wohnungen, die mit Lüftungsanlagen ausgerüstet sind. Die Skepsis unter den Mietern war anfänglich gross. «Später haben wir nur positive Rückmeldungen erhalten», sagt Leder. Ihre Aussage wird durch eine Umfrage des Bundesamts für Energie in einem Minergie-Mehrfamilienhaus bei Basel bestätigt: Schon nach kurzer Zeit wollten die meisten Bewohner nicht mehr auf das Lüftungssystem verzichten.

Die kontrollierte Lüftung ist für den Minergiestandard typisch: Sie verbindet hohen Wohnkomfort mit rationeller Energienutzung und langfristiger Wertsicherung. Dank Wärmerückgewinnung reduzieren sich Energieverluste gegenüber der Fensterlüftung um bis zu 80 Prozent. Feuchtigkeitsschäden und Schimmelpilz an den Aussenwänden werden dadurch vermieden.

Anzeige

Ähnlichen Doppelnutzen bringen andere Minergiemassnahmen: Eine dichte Gebäudehülle schützt vor Schall und Luftzug, gute Wärmedämmung garantiert angenehme Temperaturen in allen Aufenthaltsbereichen, grosszügige Fenster und eine effiziente Beleuchtung schaffen gute Lichtverhältnisse, und verglaste Balkone erweitern den Wohnraum.

Die Nachfrage wächst rasant
Gleichzeitig wird Energie gespart. Ein neues Minergiehaus benötigt zum Heizen gerade noch drei Liter Öl pro Jahr, bezogen auf einen Quadratmeter Geschossfläche. Das sind rund 40 Prozent eines konventionellen Neubaus. Die Zahlen zeigen: Tiefer Energieverbrauch ist nicht gleichbedeutend mit Komfortverzicht.

Im Gegenteil: Minergiehäuser sind attraktiv. Die Siedlung, in der die Familie Grigis wohnt, ist ein Beispiel dafür. Zuerst wollte die Göhner Merkur AG anstelle der 16 Minergie-Reihenhäuser konventionelle Einfamilienhäuser mit so genannt gehobenem Standard bauen. Ohne Erfolg. Trotz Sicht auf den Zürichsee fanden sich keine Käufer. Dann wurde das Projekt als Minergiesiedlung ausgeschrieben. Und siehe da: Die Häuser waren im Nu weg.

Anzeige

Für Ruedi Kriesi, Leiter der Energiefachstelle des Kantons Zürich, ist die Geschichte nicht weiter erstaunlich. Er moderiert regelmässig Minergieseminare für Architekten und Baufachleute. Das Interesse am neuen Baustandard sei gross, und der Markt reagiere positiv. Uber 500 Gebäude sind bereits zertifiziert.

In Liegenschaftsanzeigen wird Minergie zunehmend zum Verkaufsargument. Selbst Fertighaushersteller bieten den neuen Gebäudetyp an. Kriesi, der seit fünf Jahren selber in einem Haus mit kontrollierter Lüftung wohnt, prognostiziert: «In den nächsten zwanzig Jahren wird die Nachfrage derart steigen, dass Bauten ohne das Minergielabel nur noch schwer verkauft werden können.»

Um das Minergie-Gütesiegel zu erwerben, muss neben dem Einbau einer Lüftungsanlage ein weiteres Kriterium erfüllt werden: Der Energieverbrauch für die Heizung und die Wassererwärmung darf je Quadratmeter Geschossfläche höchstens 45 Kilowattstunden pro Jahr betragen. Der Wert gilt für neue Wohnbauten; bei Sanierungen liegt er doppelt so hoch.

Anzeige

Wie dieses Ziel erreicht wird, spielt keine Rolle. Ob eine Bauherrschaft eher auf Wärmedämmung setzt, ob sie mit Gas oder mit einer Wärmepumpe heizt, ob das Wasser mit Sonnenkollektoren oder mit einem Ölkessel erwärmt wird, steht frei. Leicht ist die Sache deswegen nicht. Denn ohne Superfenster und mit weniger als 24 Zentimeter Wärmedämmung sind die Vorgaben für ein Einfamilienhaus kaum zu erfüllen.

Welcher Weg auch eingeschlagen wird: Das Projekt muss der Prüfung durch die kantonale Energiefachstelle standhalten. Dies garantiert eine neutrale und fachliche Beurteilung. Die Marke Minergie unterscheidet sich dadurch von firmeneigenen Qualitätsprädikaten wie «Klimahaus», «Ökohaus» oder «Wohlfühlhaus».

Ein Bonus beim Hypozins
Das Qualitätslabel bietet eine Garantie für langfristige Konkurrenzfähigkeit auf dem Immobilienmarkt. Kein Wunder, dass viele Banken die Bauherrschaften von Minergiehäusern bevorzugt behandeln. Die Thurgauer und die Zürcher Kantonalbank etwa gewähren Minergiehypotheken zu reduziertem Zinssatz. Eine Ubersicht über sämtliche Ökokredite in der Schweiz bietet ein neues Gratisverzeichnis des Aktionsprogramms Energie 2000.

Anzeige

Langfristig lohnende Investition
Das Engagement der Banken ist gemäss Rene Beeler, Leiter der Umweltfachstelle der Zürcher Kantonalbank, zweifach begründet. «Erstens sind Minergiebauten für die Banken ein reduziertes Risiko. Die Bausubstanz ist besser, die Betriebs- und Unterhaltskosten liegen tiefer. Dies schützt vor Wertzerfall. Zweitens haben viele Banken ein Umweltleitbild, das die Förderung nachhaltiger Projekte vorgibt. Der Minergiestandard schont die Umwelt.»

Aus der gleichen Uberlegung unterstützen auch einzelne Kantone und Gemeinden Minergie. Allen voran das Wallis: Wer nach Minergiestandard baut, erhält dort 40 Franken pro Quadratmeter Geschossfläche, wer saniert, 30 Franken. Die Gemeinde Kölliken AG gewährt bei Minergie-Bauweise eine um fünf Prozent höhere Ausnützungsziffer auf das Grundstück. Will heissen: Wer ein Minergiehaus baut, erhält mehr Wohnfläche.

Anzeige

Kein Mietzinsaufschlag
Auch bei Gebäudesanierungen wird Minergie zur Richtschnur. Insbesondere Wohnungen aus den siebziger Jahren finden häufig keine Interessenten mehr. Grund: mangelnder Komfort und happige Nebenkosten wegen des hohen Energieverbrauchs. Dazu kommen Bauschäden. Die Folgen sind grosse Einbussen beim Mietwert und schlechte Renditen.

Hauseigentümer suchen daher nach Lösungen, die langfristige Vermietbarkeit garantieren. Hier hakt der Minergiestandard ein. Typisches Beispiel ist die Sanierung eines Mehrfamilienhauses an einer stark befahrenen Strasse in Zürich. Waren Mieterwechsel früher an der Tagesordnung, sind die Bewohner seit dem Einbau einer Wohnungslüftung und besserer Fenster zufrieden.

Der Umbau nach Minergie-Richtlinien hat die Mietzinsen nur unwesentlich ansteigen lassen. Die um rund fünf Prozent höheren Investitionen werden ja durch tiefere Energiekosten kompensiert. Wer jetzt investiert, profitiert aber noch zusätzlich. Denn würden eine bessere Wärmedämmung oder eine Wohnungslüftung erst in zehn Jahren eingebaut, betrügen die Kosten ein Vielfaches vom heutigen Preis.

Anzeige
Dieses Bild kann nicht angezeigt werden.