Beobachter: Warum nehmen ältere Leute Strapazen auf sich, um möglichst lange zu Hause bleiben zu können?
Felix Bohn: Sie möchten dort leben, wo sie sich auskennen und über Jahre ein sozia­les Netz aufgebaut haben. Autonomie wird auch im Alter grossgeschrieben. Ausserdem muss man in einem Heim schon auch Einschrän­kungen in Kauf nehmen: Oft steht nur ein kleines Zimmer zur Verfügung, Wohnecke und Bett befinden sich im selben Raum. Für die letzten Lebensjahre scheint das auch mir persönlich kein erfreulicher Ausblick.

Beobachter: Doch auch das Wohnen zu Hause hat seine Tücken. Was sind die häufigsten Unfälle?
Bohn: Am häufigsten und gefährlichsten sind Stürze. Dabei geht es nicht – wie man vielleicht denken könnte – um Stürze von einem wack­ligen Stuhl beim Ersetzen einer Sicherung oder einer Glühbirne. Die meisten Stürze passieren beim Stolpern über Teppiche, Schwellen oder beim Ausrutschen auf glattem Boden.

Beobachter: Was kann man zur Vorbeugung tun?
Bohn: Meist haben schon kleine Massnahmen eine grosse Wirkung. Wer zum Beispiel auf zwei Geschossen lebt, kann sein Schlafzimmer auf dasselbe Stockwerk legen, wo das WC ist, damit man nachts nicht die Treppe benutzen muss.

Beobachter: Bauliche Anpassungen können aber schnell ins Geld gehen. Können sich nur Gutsituierte die eigenen vier Wände sicher einrichten?
Bohn: Natürlich spielt Geld eine bedeutende Rolle. Entscheidender ist aber meist die Bereit­schaft, sich mit dem eigenen Alter und der veränderten Situation auseinanderzusetzen und rechtzeitig die entsprechenden Konsequenzen daraus zu ziehen.

Anzeige

Beobachter: Gibt es denn Stellen, die altersgerechtes Bauen subventionieren?
Bohn: Nein, direkte Subventionen gibt es nicht. Und auch die Sozialversicherungen finanzieren Wohnungsanpassungen nur bei jüngeren, behinderten Menschen. Nach der Pensionierung aber ist man auf sich selbst gestellt. Und nur Menschen mit Anspruch auf Ergänzungsleistungen haben die Möglichkeit, Stiftungen um einen freiwilligen Beitrag zu bitten.

Beobachter: Finden Sie das gerecht?
Bohn: Nein, das ist zu kurz gedacht. Studien zeigen, dass durch Wohnungsanpassungen Unfälle vermieden, Spitex-Einsätze reduziert und Heimeintritte hinausgezögert werden können. Wohnungsanpassungen würden somit nicht nur die Lebensqualität älterer Menschen erhöhen, sondern wahrscheinlich auch viele Kosten im Gesundheitswesen einsparen.

Beobachter: Wohin sollen sich ältere Menschen wenden, wenn sie sich beraten lassen wollen?
Bohn: Es gibt in jedem Kanton eine kantonale Beratungsstelle für hindernisfreies Bauen. Die Erstberatung ist meist kostenlos. Die Gemeinden hingegen bieten praktisch noch keine kompetenten Stellen an. Hier ist noch viel Aufklärungs- und Aufbau­arbeit nötig.

Anzeige

Beobachter: Welche Trends zeichnen sich beim ­alters­gerechten Wohnen ab?
Bohn: Immer beliebter werden Wohnformen, bei denen die Gemeinde oder die Betreiber der Liegenschaft Dienstleistungen wie Putzen, Wäschedienst, Einkaufen, Begleitung an ein Konzert, gemeinsame Aktivitäten und vieles mehr anbieten. Die Bewohner entscheiden selber, welche Dienstleistungen sie – teilweise gegen Bezahlung – in Anspruch nehmen wollen.

«Meist haben schon kleine Anpassungen der Wohnung grosse Wirkung»: Felix Bohn

Quelle: Thinkstock Kollektion
Anzeige