«Das Bauvolumen geht massiv ­zurück. Das schleckt keine Geiss weg», sagt Enrico Uffer. Der Patron eines Familienbetriebs in Savognin GR wird auf seiner Website gelobt: Er schraube an Businessplänen genauso virtuos wie an Dachsparren. Doch heute, vier Generationen nach der Firmengründung, scheint ­Uffer nicht mehr zu wissen, an welchen Schrauben er noch drehen soll.

Daran ändert der Entscheid des Stände­rats von Ende September, das Zweitwohnungsverbot deutlich zu lockern, nichts. So ­dürfen künftig touristisch bewirtschaftete Wohnungen weiterhin gebaut werden. Sie müssen lediglich online zur Vermietung ausgeschrieben werden.

Für die Baufirmen in Engelberg OW kommen die Massnahmen zu spät. Unternehmer Toni Dönni von der Bürgi AG nennt Zahlen: «Früher realisierten wir im Durchschnitt drei bis vier Mehrfamilienhäuser parallel, jetzt ist gerade noch ein Wohnobjekt in der Umsetzung.»

«Sie jammern meist auf hohem Niveau»

Mit einem Anteil von über 80 Prozent liegt Bellwald VS bei den Zweitwohnungen schweizweit an der Spitze. Lange profi­tierte man vom Geschäft mit den Ferienwohnungen. Jetzt rudern die örtlichen Baufirmen wie wild, um sich über Wasser zu halten. 15 Mitarbeiter beschäftigte Markus Perren früher. Heute zehrt er von auslaufenden Aufträgen – und mit ihm die fünf verbleibenden Angestellten. «Die Unsicherheit ist allgegenwärtig. Niemand weiss, was rechtlich gilt.» Es werde nicht einmal mehr in eine Haussanierung investiert.

Die Gewerkschaft schätzt die Lage als nicht so prekär ein. «Im Gegenteil», sagt Nico Lutz von der Unia, verantwortlich für den Bausektor. «2013 war absolutes Rekordjahr. Bei deutlich mehr Umsatz blieb die Zahl der Angestellten gleich. Und auch im Jahr 2014 zeichnet sich nochmals eine Verbesserung ab.» Das Zweitwohnungsverbot ­habe real keine Auswirkungen auf die Bau­tätigkeit. «Regional mag es Probleme geben, das will ich nicht bestreiten», sagt Lutz, doch die Baufirmen in den Alpen­regionen hätten sich die Probleme auch ein bisschen selber zuzuschreiben: «Die Firmen jammern meist auf hohem Niveau. Sie vergleichen die heutige Zahl der Baubewilligungen mit den Höchst­werten aus den Boomjahren.»

Der Bauindex des Schweizerischen Baumeisterverbands bestätigt die Sicht der Bauunternehmer nur zum Teil. Im letzten Quartal 2013 ist die Zahl der Baugesuche in den Tourismusregionen zwar erodiert. In der Region Goms etwa gab es einen Einbruch von bis zu 60 Prozent. Geschuldet ist dieser heftige Rückgang vor allem der Zweitwohnungsinitiative. In den letzten beiden Quartalen 2012, also in der Phase zwischen Annahme und Inkrafttreten der Vorlage, wurden die Bauämter mit Gesuchen regelrecht überflutet. Nun fällt diese überdurchschnittliche Nachfrage weg.

Temporärjobs gehen verloren

Die Zweitwohnungsinitiative hat bloss beschleunigt, was bei der Überhitzung des Immobilienmarktes ohnehin kommen musste. Das weiss auch der Savogniner Bauunternehmer Enrico Uffer: «Eine Gesundschrumpfung ist grundsätzlich nötig und nicht negativ. Das geht aber auf Kosten der Mitarbeiter.» In Regionen wie Graubünden, die mit Abwanderung zu kämpfen haben, sei das problematisch. Seine Firma halbierte mittlerweile die Belegschaft im Hochbausegment. Von 45 Mitarbeitern sind nur noch die Festangestellten übrig. Temporärarbeit gibt es nicht mehr.

Auch die Obwaldner Bürgi AG hat sich komplett umstrukturiert. Man konzentriert sich auf Projekte im öffentlichen Sektor – Schulen in Alpnach am Vierwaldstättersee statt Zweitwohnungen in Engelberg.

Enrico Uffer hat die Zuversicht verloren. Der Rückgang an Bauaufträgen sei unaufhaltsam: «Wir sind zwar erst am Anfang des Prozesses, doch bei der geringen Nachfrage wird auch der Preiskampf um die ­verbleibenden Projekte immer brutaler.» Seine Offerten seien inzwischen 20 Prozent günstiger. So profitiert wenigstens der ­Kunde vom Kampf der virtuosen Dachsparren-Schrauber aus Savognin, Bellwald und Engelberg.