Fünf Sorten trägt der Apfelbaum im Garten der Dietrichs im Berner Oberland. «July Red, Golden Delicious, James Grieve, Berlepsch und Suurgrauech», zählt Fabian Dietrich auf. Auf jeden Leitast hat der Baumexperte dem Suurgrauech-Baum eine andere Sorte aufgezweit. Er lacht: «So haben wir vom Juli bis in den Spätherbst reife Äpfel.» Um den Baum zur optimalen Fruchtbildung anzuregen, schneidet Dietrich ihn alle zwei Jahre fachgerecht, vom Mitteltrieb über die Leit- und Fruchtäste bis hin zum Fruchtholz. Eine wahre Wissenschaft, die viel Kenntnis und Erfahrung voraussetzt.

«Die erholen sich nicht mehr»
Von Natur aus brauchen weder Obst- noch andere Bäume einen Schnitt (siehe Nebenartikel zum Thema «Für einen bäumigen Schnitt: Fragen und Antworten»). Menschen rücken Bäumen nur zu Leibe, um die Ernte zu steigern. Geschnitten wird auch, wenn Bäume Licht und Sicht nehmen, wenn tote Äste gefährlich werden oder ganz einfach aus ästhetischen Gründen. Das Problem dabei: Nicht selten geschieht dies mit unzureichendem Wissen und falschen Methoden.

«Ein unsachgemässer Baumschnitt richtet grosse Schäden an», erklärt Baumpflegespezialist Fabian Dietrich. Auf dem Weg zu einer Kundin zeigt er auf einen Privatgarten, in dem grosse Fichten, Lärchen und Birken auf halber Höhe gekappt sind. «Sie werden sich nicht mehr erholen», sagt Dietrich. Seine Diagnose: «Fäulnis dringt durch die grossen Schnittflächen ein und zersetzt das Stammholz. Statt dieser Verstümmelung wäre ein behutsamer Rückschnitt sinnvoller gewesen – oder halt die Fällung.»

Die Gartenbesitzerin, zu der Fabian Dietrich fährt, lässt nur den Profi an ihre Bäume. In ihrem Garten machen sich verschiedene Bäume den begrenzten Raum streitig. Um die Hausfassade zu schützen und für mehr Licht zu sorgen, ist bei einer Blutbuche ein sanfter Kronenbegrenzungsschnitt fällig; so können sich auch Kleingehölze besser entfalten. Entlastet wird auch die Krone eines Magnolienbaums. Dietrich schneidet kleinere Ständertriebe heraus und entfernt abgestorbene Äste. «Das gibt Platz, mehr Licht fällt in die Krone.» Der Baumexperte arbeitet immer von oben nach unten. Auch bei der Magnolie bleiben so im tieferen Kronenbereich keine abgeschnittenen Äste hängen.

Schneiden ist ein Stressfaktor
Der Baumpfleger zeigt, wie man Äste schonend abtrennt: Eine Hand breit vom Astansatz entfernt schneidet er mit der Handsäge von unten in den Ast, damit dieser nachher nicht einreisst. Danach sägt er den Ast von oben wenige Millimeter weiter aussen durch. Den entlasteten Stummel trennt er mit wenigen Zügen ab. Zurück bleibt ein sauberer Schnitt in einem Winkel von etwa 45 Grad zum Hauptast.

Als Ursache für unsachgemässen Baumschnitt sieht Fabian Dietrich falsche Annahmen und falsche Beratung. So bleibt beispielsweise bei Linden und Pappeln nicht selten kein feiner Ast mehr am Baum. Dieser muss deshalb durch rasches Austreiben neuer Zweige die Blattmasse für die lebenswichtige Fotosynthese ersetzen. Der Baum wird zwar buschig und erweckt einen vitalen Eindruck. «Aber der Produktionsstress geht an seine Reserven. Und jede Verletzung ist eine Eingangspforte für den Pilz.» Paradox: Oft werden Bäume erst dadurch morsch und gefährlich – genau das, was man vermeiden wollte.

Für Arbeiten an Bäumen empfiehlt Fabian Dietrich daher Beratung und den Einsatz von professionellen Baumpflegern. Natürlich finde sich meist auch sonst jemand, der einen Baumschnitt günstig anbiete – «doch damit sägt man unter Umständen am eigenen Ast».

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