Stadtpräsidenten müssen vieles können. Unter anderem auch Hockey spielen. So wie bei der Verwandlung der Berner Eggimannstrasse in eine «Begegnungsstrasse», als der Berner Stadtpräsident Klaus Baumgartner selbst zum Stock griff und vorführte, was man auf einem Stück Quartierasphalt ausser Auto fahren auch noch tun kann. Als Teamdress trug Baumgartner ein T-Shirt mit den aufgedruckten Symbolen der Begegnungsstrasse: spielende Kinder, ein Ball, ein Haus und erst ganz im Hintergrund ein Auto.

Der Match fand vor einem Jahr statt. Für die Interessengemeinschaft Begegnungsstrassen Bern bedeutete der Anlass das Ende einer langen Auseinandersetzung. Sechs Jahre zuvor hatte Mitinitiant Bernhard Wissler zusammen mit Bewohnern anderer Berner Quartierstrassen den Grundstein dazu gelegt. Denn trotz Gärten und nahem Park zog es die Kinder immer auf die Fahrbahn. Doch durch die Quartiere rollte der Verkehr.

An Wohnstrassen zur Lösung des Problems mochten die Anwohner nicht denken. Denn wohlmeinende Ingenieure und Juristen hatten dieser an sich tollen Idee längst den Todesstoss versetzt. Schuld daran ist unter anderem der typisch schweizerische Hang zur Perfektion. Die geforderte Entfernung aller Trottoirs, die Signalisation und anschliessende «Möblierung» der Strasse kosteten jeweils 200'000 bis 300'000 Franken. Zudem dauerte das Bewilligungsprozedere beinahe endlos.

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Darauf hatten Wissler & Co. keine Lust. Sie entschieden sich deshalb für einen anderen Weg, und zwar für den einfachsten: An einem schönen Sommernachmittag im Jahr 1995 stellten sich Anwohner an beiden Enden ihrer Quartierstrasse auf, stoppten die herannahenden Autofahrer und erklärten freundlich, dass diese Strasse heute nicht nur Strasse, sondern auch Spielplatz und Treffpunkt sei. Man möge deshalb die Geschwindigkeit reduzieren.

Die Begegnungsstrasse war geboren. Zumindest als Idee: Eine Art «Wohnstrasse light» sollte es werden, mit Vortrittsrecht für alle malenden, Ball spielenden und Stelzen laufenden Kinder, möbliert mit allem, was Eltern und andere Erziehungsberechtigte an einem vergnüglichen Nachmittag nach draussen zu schaffen vermögen. Kurz: ein gemeinsamer Aufenthaltsraum für die Menschen der angrenzenden Häuser, realisiert ohne grosses Tamtam und zum Preis von ein paar tausend Franken – Blumentöpfe inklusive.

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Der Erfolg der ersten Spontanaktionen rief nach mehr. Die Initianten sprachen mit dem Stadtpräsidenten – und spürten sofort dessen Wohlwollen für ihr Vorhaben. Der Berner Polizeidirektor hingegen dachte anders. Eine Begegnungsstrasse sei «unnötig», erklärte er und lehnte das Projekt ab. Wissler und seine Mitstreiter liessen sich jedoch nur kurz entmutigen.

1997 gründeten sie die Interessengemeinschaft Begegnungsstrassen und suchten erfolgreich nach Verbündeten in der Politik, beim Verkehrs-Club der Schweiz und bei Pro Juventute. Und sie liessen den widerwilligen Polizeidirektor links liegen, indem sie die Begegnungsstrasse einfach umdefinierten. Sie war nun kein verkehrsrechtliches Thema mehr, sondern ein gesellschaftspolitisches.

Wissler: «Wir argumentierten, dass die Begegnungsstrasse dazu beitrage, die zunehmende Abwanderung von Familien aus den Wohnquartieren zu verhindern. Sie erhöhe die Attraktivität der Stadt, vergrössere den Lebensraum der Kinder und fördere ihre Entwicklung.» Dieser Schachzug war klug. Dank der Unterstützung durch den Berner Gemeinderat musste die widerspenstige Polizeidirektion bereits 1998 ein Papier mit dem Titel «Richtlinien für die Benutzung von Quartierstrassen für Begegnung und Spiel» herausgeben – eine schweizerische Pionierleistung.

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In den Richtlinien liess sich nun schwarz auf weiss nachlesen, was die Initianten schon lange propagiert hatten: Die Begegnungsstrasse verbessere die Voraussetzungen für «eine gesunde Entwicklung der Kinder in einem Wohnumfeld mit wenig Gefahren». Das war die entscheidende Wende. Drei Jahre später erfolgte der Anpfiff zum Hockeymatch.

Am Tag der Eröffnung spannte sich entlang der verwandelten Eggimannstrasse eine Wäscheleine. Daran hingen alle Papiere, die die Entstehung der neuen Begegnungsstrasse dokumentierten. Die Leine war

70 Meter lang. Dank der Vorarbeit der Interessengemeinschaft Begegnungsstrassen lassen sich Strassenverwandlungen künftig aber papiersparender verwirklichen. Hier sind Bernhard Wisslers Tipps:

  • Einfach beginnen. Genauer gesagt: Die Strasse an einem schönen Nachmittag als Begegnungsstrasse nutzen und so für die Anwohnerinnen und Anwohner «zurückerobern». Anstelle von Personen, die an der Ein- und Ausfahrt der Strasse die Autofahrer aufhalten, taugen auch am Boden befestigte Besenstiele mit Schildern, auf denen steht: «Achtung: Kinder!»
  • Briefe mit Informationen verschicken. Eine korrekte Orientierung ist laut Wissler entscheidend für die Verwirklichung.
  • Fragebogen verteilen, Stimmung messen. Umfragen zeigen, dass es meistens aus zwei Gründen Widerstand gibt: Die Anwohner befürchten entweder zusätzlichen Lärm durch spielende Kinder, oder sie nehmen an, dass durch die Begegnungsstrasse Parkplätze verschwinden. «Beides ist falsch», sagt Wissler. Denn die Kinder sind normalerweise nur an schönen Sommertagen draussen, und an der Zahl der bereits bestehenden Parkplätze werde in der Regel nicht gerüttelt.
  • Debattieren. Ein Informationsabend mit Gelegenheit zur Aussprache kann laut Wissler Missverständnisse vermeiden helfen. So lassen sich mögliche Einsprachen schon im Keim ersticken oder zumindest offen diskutieren. Das überlegte Vorgehen der Initianten in Bern zahlte sich schliesslich aus: Über 70 Prozent der Anwohner befürworteten die Einrichtung einer Begegnungsstrasse. Erst mit diesem Rückhalt konnten sie den nächsten, entscheidenden Schritt wagen.
  • Bewilligungsgesuch einreichen. Für die Berner Begegnungsstrassen-Initianten war das kantonale Strassenverkehrsamt die zuständige Anlaufstelle. Das ist allerdings nicht überall gleich geregelt. Ebenso gut können die Kompetenzen beim Tiefbauamt liegen. Klarheit darüber gibt ein Anruf bei der Verkehrspolizei. Nach Eingang des Gesuchs wird die bewilligende Behörde ein Gutachten in Auftrag geben, das über die Eignung der ausgewählten Strasse Auskunft gibt. Bleibt die Antwort zu lange aus, rät Bernhard Wissler zu sanftem Druck: «Wir schickten damals 40 Kinderzeichnungen, die von der schönen neuen Welt der Begegnungsstrassen erzählten.»


Zurzeit sind in Bern bereits zwölf Begegnungsstrassen signalisiert, ein weiteres halbes Dutzend wartet noch auf den amtlichen Segen. Auf Anfang 2002 wird das Bundesamt für Strassen im Rahmen der Revision der Verkehrsregelnverordnung das Thema nun national regeln. Die Pioniere in Bern hoffen, dass ihre «Saat» danach in der ganzen Schweiz aufgeht.

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