Adrian Schneider aus Neuenegg BE fühlt sich ins letzte Jahrhundert zurückversetzt: «Kann es angehen, dass behinderte Menschen wieder als Störenfriede herhalten müssen?», fragt er mit durchaus gewollter Polemik. Was den 42-Jährigen, der seit Geburt auf den Rollstuhl angewiesen ist, derart in Rage bringt, passt tatsächlich schlecht in eine Zeit, in der ein gut ausgestattetes Behindertengleichstellungsgesetz gilt. Oder besser: gelten sollte.

Beschwerde abgewiesenIm Neuenegger Gemeindehaus jedenfalls werden die Gewichte anders gesetzt. Weil es als Zugang weder einen Lift noch eine Rampe gibt, ist es Rollstuhlfahrern unmöglich, ins Innere des denkmalgeschützten Gebäudes zu gelangen. Will Adrian Schneider ein amtliches Geschäft erledigen, wird er kurzerhand auf dem Trottoir abgefertigt - in aller Öffentlichkeit. «Eine Respektlosigkeit sondergleichen», findet er, zumal es oft um sensible persönliche Daten gehe. Schneider fühlt sich in seinen Grundrechten als Bürger beschnitten. Seine Beschwerde bei den Aufsichtsorganen blieb allerdings ungehört. Man sehe sich «nicht veranlasst, aufsichtsrechtliche Massnahmen anzuordnen», teilte das Regierungsstatthalteramt Laupen lapidar mit.
Caroline Hess-Klein, Leiterin der Fachstelle Egalité Handicap, sieht in der Neuenegger Praxis hingegen «einen eindeutigen Verstoss gegen das Behindertengleichstellungsgesetz». Dieses verlange, dass die Dienstleistungen einer Gemeinde auch für Behinderte zugänglich sein müssen, und zwar in gleicher Qualität. «Das ist hier nicht der Fall.» Deshalb müsse Neuenegg Alternativen anbieten, etwa die Bedienung in anderen Gebäuden oder Hausbesuche.

Dies soll nun immerhin geprüft werden, wie Gemeindeschreiber Hans Ulrich Gerber gegenüber dem Beobachter beteuert. Ohnehin werde die Rollstuhlgängigkeit mit dem nächsten Um- oder Ausbau des Gemeindehauses sichergestellt. Indes: Ein solches Projekt ist nicht in Sicht. Keine guten Perspektiven für Adrian Schneider, an den die Gemeinde appellierte, «noch so lange Geduld zu haben, bis wir eine Lösung gefunden haben, welche auch im Einklang mit der Denkmalpflege steht».

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