Das Übel wuchert in einem Kabisfeld im Zürcher Furttal. «Hier kann man nicht mehr jäten, und auch fürs Spritzen ist es schon zu spät», erklärt Gabriel Popow und reisst eines jener Kräuter aus, die am oberen Ende des Ackers überall aus dem Boden schiessen. Beim Unkraut handelt es sich um Ambrosia artemisiifolia - eine berüchtigte Pflanze, die aus den USA stammt und in Europa grosse Schäden anrichtet. Den Bauern kann sie die Ernte schmälern, den Allergikern verursacht sie starke Beschwerden, der heimischen Flora nimmt sie Platz weg. Popow, Agronom und kantonaler Ambrosia-Beauftragter, blickt noch einmal über den Acker und empfiehlt die Radikallösung: «Diesen Teil des Feldes muss der Bauer unterpflügen, und wir schauen, dass er entschädigt wird.»

Seit kurzem ist die Bekämpfung der Ambrosia gesetzlich zwingend: Anfang Juli trat die revidierte Pflanzenschutzverordnung des Bundes in Kraft, die für das Unkraut eine Melde- und Bekämpfungspflicht vorschreibt. Der Bund übernimmt die Hälfte der Kosten, wenn ein Landwirt Teile der Erträge vernichten muss, der Kanton zahlt den Rest. Gabriel Popow und seine Mitstreiter organisieren derzeit Schulungen, um Bauern, Strassenarbeiter und Gärtner zu sensibilisieren.

Millionenschäden wegen Allergien
Allein der Kanton Zürich stellt für den Kampf gegen Ambrosia und andere Problempflanzen in den nächsten fünf Jahren rund eine Million Franken zur Verfügung. Die anderen Kantone ziehen nach: In allen Gemeinden der Schweiz wurden rund 250’000 Merkblätter verteilt. Es gehe darum, «die weitere Ausbreitung zu stoppen», erklärt Christian Bohren von der Forschungsanstalt Agroscope Changins-Wädenswil ZH.

Ambrosia kommt bereits im ganzen Mittelland vor - meist noch als Einzelpflanze. In Genf und im Tessin jedoch wuchert sie schon grossflächig. Eingeschleppt wurden die Samen über Vogelfutter, wohl auch über Saatgut oder verunreinigte Fahrzeuge. Seit Jahren ist Ambrosia in Frankreich, Italien und im Balkan ein riesiges Problem. «Nur wenn wir jetzt sofort handeln, können wir die Ausbreitung in der Schweiz noch in den Griff bekommen», sagt Experte Popow.

Andernfalls drohen enorme Schäden: In der kanadischen Provinz Québec, mit gut sieben Millionen Einwohnern mit der Schweiz vergleichbar, fallen jährliche Kosten von mindestens 50 Millionen Franken allein für die Behandlung von Ambrosiaallergien an. Die Pflanze blüht von Mitte Juli bis Oktober, und ihre Pollen gelten als fünfmal aggressiver als andere. Im Extremfall drohen der Schweiz Gesundheitskosten von bis zu 300 Millionen Franken pro Jahr. Laut Bundesamt für Gesundheit löst Ambrosia bei etwa zwölf Prozent der Bevölkerung Allergien aus; bei rund einem Viertel davon kann es gar zu Asthma kommen.

Im Schatten des Medienrummels um Ambrosia gedeihen aber noch andere eingeschleppte Pflanzen und Tiere. Der weltweite Verkehr von Personen und Gütern führt dazu, dass viele Arten mit mehr oder weniger bewusster Hilfe des Menschen ihr Ursprungsgebiet verlassen und sich andernorts ansiedeln. Bringen solche Arten die heimische Natur in Bedrängnis, schädigen sie Kulturen oder die Gesundheit des Menschen, nennt man sie in der Fachsprache invasive Neobiota.

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In Italien bereits zur Landplage geworden: das Grauhörnchen aus den USA

Als Stichdatum für den Beginn der Invasionen gilt die Entdeckung Amerikas, also das Jahr 1492. Allein in Europa wurden seither rund 12’000 fremde Arten festgestellt. Die meisten davon sind harmlos, weil sie wieder aussterben oder sich auf tiefem Niveau einpendeln. Einige aber, wie etwa die Kaninchen in Australien, werden zur schlimmen Plage. In der Schweiz kennt man derzeit rund 20 Pflanzen und ein Dutzend Tiere, die als echte Gefahr gelten.

Vögel abschiessen, Eier anstechen
Zum Beispiel der Riesenbärenklau aus dem Kaukasus. Er sieht auf den ersten Blick wie ein prächtiger Kerbel aus, hat es aber in sich: Beim Kontakt mit der Pflanze gelangen Stoffe in die menschliche Haut, die unter Einfluss von Sonnenlicht schmerzhafte Verletzungen auslösen - vergleichbar mit Verbrennungen dritten Grades. Nicht selten müssen sich Strassenarbeiter oder Kinder nach Unfällen mit Bärenklau im Spital behandeln lassen, die Narben bleiben oft lebenslang. Daneben kann der bis zu drei Meter hohe Riese «die angestammten Lebensgemeinschaften verdrängen und die Artenvielfalt erheblich reduzieren», sagt Biologe Günther Gelpke aus Dübendorf ZH.

Gleiches gilt für den japanischen Knöterich: Einst als Zierpflanze verkauft, breitet er sich heute entlang von Strassen, Bahngeleisen und Flüssen aus. Dabei duldet er neben sich kaum noch heimische Gewächse und schiesst derart kraftvoll ins Kraut, dass er sogar Asphalt durchbohren kann. Weil er im Herbst abstirbt, sichert er die befallenen Böschungen nur ungenügend, was zu Rutschen führen kann.

Auch fremde Fische, Vögel und andere Wildtiere verursachen Probleme. Aktuelles Beispiel ist der Höckerflohkrebs, der aus dem Donauraum stammt und sich nun im Bodensee sowie im Zürichsee, Neuenburgersee und Genfersee massenhaft verbreitet. Experten gehen davon aus, dass der Flohkrebs andere Kleintiere zum Verschwinden und den Speiseplan der Fische durcheinander bringt. Die Kantone Glarus, St. Gallen, Schwyz und Zürich haben eine entsprechende Studie in Auftrag gegeben - Ergebnisse sollen demnächst vorliegen. Eingeschleppt wurde der Höckerflohkrebs vermutlich durch Schiffe, die durch den Rhein-Main-Donau-Kanal fuhren.

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Verdrängt einheimische Vögel auf aggressive Art: die Rostgans aus Asien

Ein weiterer ungebetener Gast ist die Rostgans. Als exotischer «Farbtupfer» sollte sie private Gehege verschönern, entkam dann aber in die Freiheit. In der Brutzeit verhalten sich die Tiere so aggressiv, dass sie die heimischen Vögel verdrängen: Eulen und Falken nehmen sie die Nistplätze weg und sie konkurrieren ums Nahrungsangebot. Heute werden die Rostgänse, die unter anderem im Gebiet des Vogelreservats am Stausee von Klingnau AG in einigen hundert Exemplaren vorkommen, mit Sondergenehmigungen abgeschossen, und auch die Eier werden angestochen. Dies sei nötig, sagt Peter Voser von der kantonalen Sektion für Jagd und Fischerei, «sonst wird sich der Bestand in ein paar Jahren vervielfachen, und wir können gar nichts mehr tun». Ziel der Aktion, die vom Bund und den Vogelschutzorganisationen unterstützt wird: den Bestand stabilisieren und die Tierart danach ganz eliminieren.

Ein anderer Invasor bedroht die Schweizer Fauna und Flora von Süden her: In der Region Turin verbreitet sich das aus den USA importierte Grauhörnchen derart stark, dass die lokalen Eichhörnchen vom Aussterben bedroht sind. Zudem schädigen die aggressiven Nager den Mischwald und verbreiten Krankheiten. Pikant: Vor Jahren wollte der Staat die Tiere mit Narkosegas bekämpfen, doch die italienischen Tierschützer verhinderten das mit Hilfe der Gerichte. Wenn nicht bald etwas passiert, dürften die Grauhörnchen bald auch in der Schweiz sein, wie Experten vom Bundesamt für Umwelt (Bafu) bestätigen.

Neue Fische vor der Tür
Ähnliches spielt sich derzeit im Rhein ab - eine Folge der internationalen Schifffahrt durch die vielen Kanäle. «Eine ganze Anzahl neuer Fischarten steht quasi vor der Tür in die Schweiz», sagt der Gewässerbiologe Werner Dönni aus Kriens LU, der das Phänomen untersucht hat. Bei sechs neuen Arten sei mit «beträchtlichen negativen Auswirkungen» auf die heimische Fauna zu rechnen. So gibt es die Amurgrundel aus Ostasien bereits in Ungarn, Polen und der Slowakei. In einigen Jahren könnte sie auch im Rhein sein und dort ihr Unwesen treiben. «Diese Grundel kann den Fischbestand eines Gewässers erheblich schädigen», warnt Dönni mit Blick auf die Seen in Nordamerika, wo eingeschleppte Arten das biologische Gleichgewicht empfindlich gestört haben.

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Arbeitet sich in Richtung Rhein vor: die Amurgrundel aus Ostasien


Die Folgen sind gravierend: In den USA schätzen die Fachleute die Schäden durch Neobiota auf total 170 Milliarden Franken pro Jahr, allein in Deutschland auf rund 250 Millionen. Für die Schweiz fehlen exakte Zahlen, doch ist gemäss Bafu ebenfalls mit hohen Millionenbeträgen zu rechnen. «Das Beste», so Biologe Dönni, «was wir im Kampf gegen die Invasoren vermutlich tun können: die Natur fit trimmen, so dass sie sich selbst helfen kann.»

Die Politik hinkt hintennach
Doch bis dahin wird Unkraut ausgerissen, werden Gänse abgeschossen, Krebse und Fische beobachtet. Die Politik reagiert zögerlich auf den biologischen Verdrängungskampf und wird erst aktiv, wenns fünf vor zwölf ist - oder fünf nach. Ein beliebtes Mittel ist es etwa, Listen zu erstellen. So gibt es die Rote Liste für bedrohte oder ausgestorbene Arten - in den letzten 150 Jahren sind hierzulande 224 Arten verschwunden; daneben wird die Blaue Liste geführt für Arten, die sich leicht erholt haben. Die Schwarze Liste wiederum steht für gefährliche invasive Arten, und die Graue Liste bezeichnet solche, die eine mögliche Gefahr darstellen.

Die revidierte Freisetzungsverordnung sieht nun vor, die Schwarze und die Graue Liste landesweit verbindlich zu machen und die Bekämpfung der darin enthaltenen invasiven Neobiota zu regeln. Aber: Die Verordnung, die per 1. Juli in Kraft treten sollte, bleibt vorerst in den Schubladen liegen. Die Vernehmlassung sei «sehr komplex», sagt Bafu-Abteilungschef Georg Karlaganis. Es gehe auch um gentechnisch veränderte Organismen, und bei der Bekämpfung invasiver Arten stelle sich immer die Kostenfrage. Geplant sei jedoch, dass der Bundesrat die Verordnung «noch dieses Jahr» absegne.

Das Beispiel Goldrute beweist allerdings, dass rasches Handeln nötig ist, sonst explodieren die Kosten zu einem späteren Zeitpunkt - oder es bleibt nur die Resignation. Die Goldrute kam im 17. Jahrhundert als Gartenpflanze aus den USA und bedrängt heute manch rare Pflanze, die auf der Roten Liste steht. Sie kann Monokulturen bilden und die heimische Flora «vollständig verdrängen», so Biologe Gelpke: «Lässt man sie sich ungehindert ausbreiten, werden die Bemühungen zur Erhaltung der Artenvielfalt in Frage gestellt.»

Aber: Im Anhang der Freisetzungsverordnung mit den zu bekämpfenden invasiven Arten fehlt ausgerechnet die Goldrute. Begründung von Georg Karlaganis: «Wir mussten einsehen, dass wir hier den günstigen Zeitpunkt schlicht verpasst haben. Nun können wir mit vernünftigem Aufwand nichts mehr tun.»

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