Beobachter: Was sagen Sie dazu, dass sich die Bevölkerung kaum mehr um die Umwelt sorgt?
Bruno Oberle: Es zeigt mir, dass sich vieles verbessert hat.

Beobachter: Oder den Menschen ist die Umwelt egal geworden.
Oberle: Nein, wenn man die Frage stellt, ob man bei den Umweltschutzmassnahmen abbauen soll, sagt eine Mehrheit Nein.

Beobachter: Dies würde bedeuten, dass die Politik bei Umweltfragen nicht das Volk vertritt.
Oberle: Bisher hat es in der Politik noch keinen wesentlichen Abbau gegeben. Aber es stimmt, in einigen Bereichen wird über eine stärkere Nutzung der Umwelt diskutiert. Dafür muss man auch Verständnis haben, wenn etwa die Rechnung der Waldeigentümer schlicht nicht mehr aufgeht: Die Holzpreise sinken, vom Bund gibt es weniger Geld, aber die Kosten für den Unterhalt des Waldes bleiben. Eine solche Situation ist auf die Dauer nicht haltbar.

Beobachter: Muss man den Schutz des Waldes zugunsten des Nutzens abbauen?
Oberle: Erstens muss man die Nutzung rationalisieren und so die Kosten senken. Zweitens muss man schauen, dass für die vielen Leistungen des Waldes – Erholung, Landschaft, sauberes Wasser – auch bezahlt wird. Wenn das nicht gewünscht wird, weil die Leistungen als Service public betrachtet werden, müsste man konsequenterweise die Subventionen wieder erhöhen.

Beobachter: Wird bei dieser Diskussion das Wachstumspotenzial heute nicht höher gewichtet als der Schutz?
Oberle: Wachstum möchten wir alle. Es kann aber auch negative Auswirkungen haben. Die resultierenden Kosten dürfen nicht in der falschen Buchhaltung auftauchen. Wir haben heute 20 Milliarden Franken so genannt externe Umweltkosten, die also zulasten der Allgemeinheit gehen. Sie tauchen irgendwo auf, etwa bei den Krankenkassenprämien. Das geht so nicht. Da brauchts regulierende Massnahmen.

Beobachter: Wer die Umwelt belastet, soll dafür vermehrt zur Kasse gebeten werden?
Oberle: Die Umwelt ist ein Produktionsfaktor. Die klassischen Produktionsfaktoren sind Kapital, Arbeit und Boden – die Ressourcen. Diese muss man ökonomisch einsetzen. Sonst gibts langfristig kein Wachstum.

Beobachter: Sieht das die Wirtschaft auch so?
Oberle: Die Wirtschaft sind wir alle. Was die Firmen betrifft: Diese Akteure schliessen Lücken im Umweltschutz jeweils am schnellsten von allen Beteiligten. Nehmen wir etwa den Lärmschutz: Die Betriebe haben sofort reagiert und investiert. Anders siehts bei Strassen und Bahnen aus.

Beobachter: Aber wenn es um eine CO2-Abgabe geht, wehren sich Politiker im Namen der Wirtschaft gegen zu hohe Belastungen.
Oberle: Es sind spezielle Segmente direkt Betroffener, die so auftreten. Das ist der einzige Vorwurf, den man den Wirtschaftsvertretern machen kann: Sie verstehen es nicht, ordnungspolitische Grundsätze gegenüber Partikularinteressen durchzusetzen.