BeobachterNatur: Herr Hertwich, Sie haben errechnet, dass 72 Prozent des weltweiten CO2-Ausstosses auf den privaten Konsum zurückzuführen sind. Können wir uns einfach viel mehr leisten, als für das Klima gut ist?
Edgar Hertwich
: Wir haben festgestellt, dass zwischen dem verfügbaren Ein­kommen und dem CO2-Fussabdruck in verschiedenen Ländern ein enger Zusammenhang besteht. Aus Sicht des Klimas wäre es deshalb tatsächlich ideal, wenn generell weniger Geld vorhanden wäre. Denn wo Geld vorhanden ist, da wird es ausgegeben. Aber man kann nicht überall klingeln und sagen: Bitte verdient jetzt weniger.

BeobachterNatur: Konkret bedeutet das, dass wir zu viel konsumieren.
Hertwich: Wenn ich denke, was meine Kinder zu Weihnachten alles geschenkt bekommen! So viel stand bei mir im ganzen Kinderzimmer. Aber damals war ein Matchbox-Auto noch eine Investition, und heute kostet es kaum mehr als ein Kopfsalat. Das ist nur möglich, weil man in China für einen Dollar pro Tag produzieren lassen kann. Aus ökologischer Sicht ist das ein Problem.

BeobachterNatur: Wenn ich Turnschuhe oder Jeans brauche, dann kommen die heutzutage fast zwangsläufig aus China. Habe ich als Konsument überhaupt eine Chance, mich klimafreundlich zu verhalten?
Hertwich
: In unserem globalen Handelssystem wird ein Produkt beispielsweise in Dänemark designt, die Rohstoffe stammen aus Südafrika, die Produktion findet in China statt – und verkauft wird das Ganze von einer britischen Firma. Ein Einzelner kann auf diese Produktionsweisen und Warenströme kaum Einfluss nehmen.

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BeobachterNatur: Als Konsument bin ich also zwangsläufig ein Klimasünder?
Hertwich: Klimafreundlich zu konsumieren würde bedeuten, dass für die Produktion aller Ihrer Konsumgüter und beanspruchten Leistungen pro Jahr nicht mehr als eine Tonne CO2 in die Umwelt gelangt. Das würde radikalste Einschnitte im täglichen Leben bedeuten. Man kann aber durchaus emissionsmindernd konsumieren.

BeobachterNatur: Und wie?
Hertwich
: Sie können zum Beispiel mehr Dienst­leistungen als Waren konsumieren.
Bei den Konsumgütern ist eines der Probleme ja die riesige Masse, die wir um­setzen. Denken Sie nur an die Mengen von Spielwaren, Elektronikgeräten oder Sportartikeln, die wir uns anschaffen. Das sind alles sehr CO2-intensive Güter. Wenn Sie sich hingegen eine Massage leisten, so ist dies mit relativ wenig CO2-Emis­sionen verbunden.

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BeobachterNatur: Von einer Massage habe ich aber noch nicht gegessen.
Hertwich
: Stimmt. Ernährung ist nun einmal ein Grundbedürfnis, und gewisse Mindest­emissionen werden damit immer ver­bun-­den sein. Aber man kann zum Beispiel weniger Fleisch und Milchprodukte konsumieren oder sich ganz vegetarisch ernähren. Wenn wir unseren Nahrungsmittelkonsum optimieren, können wir die CO2-Emission daraus auf etwa 500 bis 600 Kilo pro Kopf und Jahr reduzieren. Heute sind es in Europa zwei Tonnen, in Amerika gar vier.