Wohnung Nummer 1

22-04-e-wohnung01-01.jpgFelix Kordeuter, Geschäftsführer, Kordeuter Inneneinrichtungen, Zürich: Hier wohnt wohl ein allein stehender Mann mittleren Alters und von Beruf möglicherweise Kunsthändler. Auf jeden Fall ist er sehr vermögend und hat sich mit Architektur und Design befasst.

Die Räume sind mit Bedacht eingerichtet, nichts wurde dem Zufall überlassen. Hier findet sich keine Massenware. Etliche Stücke sind original aus den dreissiger Jahren. An den Wänden hängt zeitgenössische Kunst, die allerdings den eher vollen Raum erschlägt. Der schöne Teppich wird leider von den schweren Möbeln zu einem Grossteil verdeckt und kommt deshalb kaum zur Geltung. Das Cheminée ist zu brachial.

Ich würde es durch eine rundum offene Feuerstelle ersetzen, bei der man sowohl aus der Küche, der Badewanne wie auch von der Sitzgruppe her ins Feuer sehen kann.

Auch das Esszimmer (siehe Bild oben) ist mit Originalmöbeln und Massanfertigungen eingerichtet. Offensichtlich war viel Geld zum Einrichten vorhanden. Allerdings würde ich hier einen Teppich unterlegen. Anstatt des schweren hölzernen Tisches würde ich etwa einen Glastisch vorziehen.

22-04-e-wohnung01-02.jpgSusanna Krähenbühl, Inneneinrichtungsexpertin, Wohnbedarf AG, Zürich: Hier wohnt ziemlich sicher ein Mann, vermutlich allein stehend und in seinen Fünfzigern. Wir haben es eindeutig mit einem Kunstinteressierten zu tun, der entweder einen Inneneinrichter beigezogen hat oder selber in einem gestalterischen Beruf tätig ist. Wer hier wohnt, hat einen starken Bezug zur aktuellen Kunstszene. Die Möblierung besteht aus Designmöbeln, aus Massanfertigungen sowie aus Gegenständen, die sich an der Grenze zur Kunst befinden oder diese überschritten haben.

Das Esszimmer (siehe Bild oben) macht einen leicht verstaubten Eindruck – trotz moderner Kunst an Wänden und auf Sockeln. Es fragt sich, ob die Vorhänge nötig sind und ob eine stärkere Lichtquelle den Raum nicht frischer erscheinen lassen würde. Zudem würde ich einen Teppich legen, quasi als Neutralisator zwischen dem schönen Parkett und den Designstühlen. Im Wohnzimmer gibt es einen massiven Störfaktor: den monströsen Fernseher. Andererseits zeugt er davon, dass der Raum nicht nur zu Repräsentationszwecken dient oder ein Museum ist, sondern dass darin gelebt wird.

Wohnung Nummer 2

22-04-e-wohnung02-01.jpgFelix Kordeuter: Mein erster Eindruck ist der einer Ferienwohnung auf dem Land. In diesen Räumen wurde eine heile Welt erschaffen, sie ist bäurisch verankert und mittelständisch. Die Bewohner müssen viel Sinn für Brauchtum und Natur haben, und es ist eher eine junge Familie.

Die Einrichtung wirkt relativ farblos, es ist kein ausgeprägter Sinn für Farben vorhanden: Inmitten des vielen Holzes setzt nur das Sofa einen Farbtupfer (siehe Bild im Nebenartikel zum Thema «Das Promi-Rätsel: Die Auflösung»). Im Durchgangsbereich fehlt ein Teppich, der den Raum zusammenhielte. Der Fernseher wirkt wie ein Altar und wird wohl viel benutzt.

Sehr schön ist das Gemälde über der Bauerntruhe. Ich würde es freier hängen, die Truhe samt Glocken und die Kuh lenken zu sehr ab. Auch der Engelsstatue müsste man mehr Raum geben - der Fernseher bedrängt sie.

Das Sofa blockiert den Durchgang zur Terrasse. Ich würde die Sitzgruppe in die Nische stellen, die jetzt vom Fernseher dominiert wird. Bei so viel Holz würden Lederstühle am Esstisch etwas Abwechslung und einen moderneren Anstrich bringen.

22-04-e-wohnung02-02.jpgSusanna Krähenbühl: In diesen Räumen erkenne ich weibliche und männliche Komponenten. Vermutlich wohnt hier ein Paar. Die Kuhglocken könnten Preise sein, die etwa ein Schwingerkönig gewonnen hat. Wie alt diese Menschen sind, ist durch die vielen traditionellen und die spärlichen zeitgenössischen Elemente sehr schwierig zu bestimmen.

Die beiden sind wohl eher heimatverbunden, traditionsbewusst. Darauf deuten etwa die Kuhglocken und die Bauerntruhe hin. An Design sind die beiden nicht weiter interessiert. Die Räume machen einen unnatürlich aufgeräumten Eindruck und wirken dadurch unbelebter, als sie es vermutlich sind.

Mein Tipp: Weniger ist mehr. Ohne die Vitrine hinter dem Sofa hätte der Raum mehr Luft und eine wohltuend leere Wand (siehe Bild im Nebenartikel zum Thema «Das Promi-Rätsel: Die Auflösung»). Auch mit dem Holz könnte man sparsamer umgehen: Die Möbel gehen fast unter, weil sie zum Boden keinen Kontrast bilden können. Das Bild mit der bäuerlichen Szene hätte mehr Raum und einen prominenteren Platz verdient. Auch die geschnitzte Statue ist ungünstig platziert, sie wird vom Fernseher fast erdrückt. Dem Sofabereich würde eine Leuchte mit klaren Formen gut tun.

Wohnung Nummer 3

22-04-e-wohnung03-01.jpgFelix Kordeuter: Hier wohnt vermutlich eine Frau um die fünfzig herum. Kaum ein Mann würde etwa sein Sofa mit Teddybären dekorieren. Möglicherweise handelt es sich um eine Journalistin, die viel gereist ist, wie verschiedene Erinnerungsstücke nahe legen. Auf Journalistin tippe ich wegen der Magazine im Zeitschriftenständer wie «NZZ Folio» und «Der Spiegel».

Alles in allem ist es eine durchschnittliche Mittelstandswohnung. Die Einrichtung scheint organisch gewachsen zu sein, quasi über die Jahre und mit nicht allzu viel Geld zusammengetragen. Es handelt sich um keine sehr hochwertigen Möbel, sondern um Ware aus dem mittleren Preissegment. Hübsch ist die kleine Sitzecke aus Korbmöbeln.

Die Stube wirkt unbelebt, unter anderem weil die beiden Sitzgruppen so aufgestellt sind, dass man sich gar nicht gemütlich unterhalten kann. Ich würde das blaue Sofa rauswerfen. Mit Vorhängen oder Rollos erhielt der Raum mehr Wärme. Als Beleuchtung würde ich eine indirekte Lichtquelle empfehlen, sie würde eine angenehme Atmosphäre erzeugen.

22-04-e-wohnung03-02.jpgSusanna Krähenbühl: Ich vermute, dass hier eine Frau wohnt, die sich selber eher als unkonventionell bezeichnen würde. Ich vermute weiter, dass sie zwischen 45 und 50 Jahre alt ist, da einige der Möbelstücke, etwa das blaue Sofa und das Regal, gewissen Jahrzehnten des letzten Jahrhunderts zuzuordnen sind.

Es dürfte sich um eine Person handeln, der Behaglichkeit wichtig ist. Das Wohnzimmer scheint allerdings relativ unbewohnt. Der Eindruck entsteht etwa durch das Fehlen von differenziertem Licht sowie die Anordnung der beiden Sofas, die kaum zum Dialog einladen. Die Bewohnerin schert sich offenbar nicht besonders um Trends, wie die eher zusammengewürfelten Möbel aus verschiedenen Epochen zeigen.

Die Altbauwohnung hat selber viel Persönlichkeit. Weil die Räume mit dem Brust- und Kassettentäfer und den vielen Fenstern schon Schmuck aufweisen, sollten die Möbel nicht den Wänden entlang angeordnet, sondern frei in den Raum gestellt werden. Auch mit Bildern und Pflanzen wäre ich sparsamer, die Ausblicke aus den Fenstern bieten an sich schon Bilder. Die «Gemütlichkeit» der Räume liesse sich ohne Verlust durch den einen oder anderen modernen Klassiker auflockern.
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