BeobachterNatur: Herr Bosshart, können extreme Ereignisse wie die Terroranschläge in New York vor zehn Jahren unsere Werte verändern?
David Bosshart: Ja und nein. Auch von anderen Ereignissen glaubte man, sie würden unser Leben grund­legend verändern: der Kollaps von Lehman Brothers, Fukushima. Wir sind schockiert und beteuern: So kann es nicht weitergehen! Doch dieser Effekt ist nur kurzfristig. Was uns wirklich beschäftigt, sind unsere nächste Umgebung, unsere Familie, unser Job, unsere Finanzen.

BeobachterNatur: Wir lernen also nichts aus Wirtschaftscrash oder Atom-GAU?
Bosshart: Die Geschichte lehrt uns, dass wir nichts aus der Geschichte lernen, wie es der Philosoph Hegel ausdrückte. Wir lernen vor allem, wenn es uns direkt betrifft. Wir sind solidarischer, wenn unsere Region betroffen ist, wenn etwa ein Bergbauer durch eine Naturkatastrophe den Hof verliert. Dann sind wir grosszügig und helfen.

BeobachterNatur: Sind wir nicht einfach zu bequem, um unser Leben zu verändern?
Bosshart: Der Mensch ist träge und fällt leicht in alte Muster zurück. Dazu kommt: In der Schweiz leben wir seit dem Zweiten Weltkrieg im Paradies, in einem realen Disneyland. Wir sind Convenience-Menschen geworden. Doch diesen Wohlstand kann man nicht globalisieren. Der Lebensstil der Amerikaner verbraucht 5,5 Planeten – das kann nicht aufgehen. Die reichen westlichen Nationen werden auf einiges verzichten müssen. Entweder freiwillig oder durch Zwang und Konflikte.

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BeobachterNatur: Diese Botschaft will kaum jemand hören.
Bosshart: Wir haben die Industriewelt in eine ­Finanz- und Konsumwelt verwandelt. ­Die Finanzmärkte dienen nicht mehr der Wirtschaft, sondern disziplinieren sie, und der schöne Konsum hat uns bedenkenlos gemacht. Das heisst, wir haben nur dann eine Chance oder einen Ausweg, wenn die Finanzmärkte wieder zum Diener der Wirtschaft werden. Sonst ­werden die Extreme weiter zunehmen und die politische Instabilität fördern.

BeobachterNatur: Shoppen ist zur Religion geworden. Das kann man uns doch nicht mehr austreiben.
Bosshart: Nähme man den Menschen bei uns das Shopping weg, würde ihre Welt wohl zusammenbrechen. Denn es geht nicht mehr um Konsum; unsere Bedürfnisse sind ja schon befriedigt. Es geht um Sehnsüchte und Wünsche. Und diese wollen immer wieder geködert werden.

BeobachterNatur: Wie entwickeln sich unsere Vorlieben?
Bosshart: Das ist ein komplexer Prozess, basierend auf anthropologischen Konstanten. ­Warum sind unsere Girls und Boys bereit, sich im Internet mit privaten Daten darzustellen? Weil wir Selbstdarsteller sind, uns im besten Licht zeigen wollen. Dieses Verhalten lässt sich auch in der Tierwelt beobachten. Es gehört zu den Regeln des «dating and mating». Kleider, Accessoires, Brillen, Tattoos – all das hilft uns, uns ­auszudrücken, Aufmerksamkeit und Anerkennung zu erhalten.

BeobachterNatur: Wir machen also Trekking im Himalaya und Yoga oder essen Sushi, weil wir die ­Anerkennung der anderen wollen?
Bosshart: Vereinfacht gesagt, ja. Wir gehören trotz fortschreitender Individualisierung nach wie vor zu einer Familie, zu einem Stamm. Auch wenn es sich dabei weniger um Blutsverwandtschaft handelt als um einen virtuellen Stamm. Aber letztlich ist diese Zugehörigkeit eine Konstante wie die Tatsache, dass jeder Mensch nicht mehr als sieben enge Freunde hat – trotz Hunderten von Facebook-Bekanntschaften.

BeobachterNatur: Schweizer kaufen vermehrt im Ausland ein, wo sie weniger bezahlen. Ist das ­legitim?
Bosshart: Gegen gelegentliches Shopping in New York oder Ferien auf Mallorca ist nichts einzuwenden. Wer aber sein Geld konsequent nur noch im Ausland ausgibt, während er einen Schweizer Lohn bezieht, der handelt unethisch und sägt am eigenen Ast. Die Kluft zwischen ökonomischem Egoismus und politischer Verantwortung nimmt zu.

BeobachterNatur: Dabei können wir uns immer mehr leisten. Gerade Lebensmittel sind in den vergangenen Jahren im Verhältnis billiger geworden.
Bosshart: Heute geben wir durchschnittlich nur noch rund acht Prozent des Haushaltseinkommens für Lebensmittel aus – so wenig wie noch nie. Doch wir brauchen nicht in erster Linie immer billigere Lebensmittel. Nur wenn Lebensmittel auch gesund und schmackhaft sind, steigern sie Lebensqualität und Glück. Das fängt schon bei den Kühen an.

BeobachterNatur: Bei den Kühen? Das müssen Sie erklären.
Bosshart: Die Kuh verdient unsere Wertschätzung. Was wir ihr zivilisatorisch verdanken, ist so bedeutend wie die Leistung aller Sozialwerke zusammen. Milch steht für Wohlstand: Wenn es der Kuh gut geht, geht es auch uns gut. Wenn wir gute Milch wollen, müssen wir einen angemessenen Preis dafür zahlen. Nachhaltigkeit ist nicht umsonst zu haben.

BeobachterNatur: Sind die Konsumenten bereit, für nachhaltige Produkte mehr zu bezahlen?
Bosshart: Wir müssen die Gesamtkosten betrachten. Rein auf Kostengünstigkeit getrimmte Massenprodukte isst man auch gleichgültig, was wiederum zu Übergewicht und Essstörungen führt. Aber heute ein bisschen sparen und morgen dafür das Mehrfache dem Arzt oder der Pharmaindustrie abliefern macht keinen Spass.

BeobachterNatur: Viel Zeit bleibt nicht. Die Weltbevölkerung wächst, die Ressourcen werden knapp.
Bosshart: Das ist die Herausforderung unserer Zeit. Wir sind Weltmeister im Verzögern, ­Verdrängen und Vergessen. Und es gibt ­ja noch anderes, was uns beschäftigt. Doch die Ansätze eines neuen, bewussten Konsumverhaltens sind da.

BeobachterNatur: Wie drückt sich das neue Bewusstsein aus?
Bosshart: Die nächste Generation wird gelernt ­haben, dass es sinnvoll ist, wenn man teilt, ob Musik, Mobilität oder Wissen. Das Prinzip von «sharing and caring» wird das egoistische Streben nach Besitz ablösen. Gleichzeitig wird die Sehnsucht nach emotionaler Verbundenheit noch stärker zunehmen, als Gegentrend zu ­einer Welt, in der alles immer abstrakter wird.

BeobachterNatur: Wie ticken die Konsumenten von morgen?
Bosshart: Heute möche sich die Jugend einbringen, Produkte mitentwickeln. Was früher eine einseitige Machtbeziehung war, ist heute eher ein Dialog. Die neuen Konsumenten können viel bewirken.

BeobachterNatur: Können Hersteller Trends setzen ­respektive steuern?
Bosshart: Sie können mit neuen Geräten auf den Markt kommen. Aber wenn die niemand will, lässt sich nichts machen.

BeobachterNatur: Wo kaufen wir in Zukunft ein – in ShoppingMalls oder doch eher im World Wide Web?
Bosshart: Wegweisend ist sicher, was im virtuellen Bereich geschieht. Mobile Geräte bestimmen künftig das Angebot. Das Smartphone wird zum Zahlungs­instrument und zur Einkaufshilfe, die mich die Herstellung eines ­Produkts rückverfolgen lässt – bis zur Weide, auf der die Kuh gefressen hat.