Einer der wichtigsten Leitgedanken fortschrittlicher Staaten ist und war es stets, durch geeignete steuerliche Massnahmen und politische Ausgleichsmechanismen für eine möglichst grosse Gerechtigkeit und Chancengleichheit zu sorgen. Die Schweiz setzt dafür auf das Prinzip der Besteuerung nach der wirtschaftlichen Leistungsfähigkeit.

Doch in den letzten Jahren zeigt es sich immer deutlicher, dass auch das komplexeste Steuersystem wachsende ökonomische Ungleichheiten im besten Fall vordergründig ausgleichen kann. Als zunehmend ungerecht erfahren viele Einwohnerinnen und Einwohner der Schweiz die Wohnsituation.

Denn die Kosten fürs Wohnen fressen vielen Menschen einen immer grösser werdenden Anteil des verfügbaren Einkommens weg. Privilegiert ist, wer sich eine günstige Mietwohnung angeln konnte oder aber über Wohneigentum verfügt. Die anderen haben je länger, je weniger eine Chance, Reserven zu bilden oder aus eigener Kraft für Wohn­eigentum zu sparen.

Andres Büchi, Chefredaktor

Quelle: Beobachter (Montage)
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Wohnkosten belasten die Budgets vieler Menschen übermässig.

Andres Büchi, Chefredaktor

Jeder Dritte zahlt zu viel fürs Wohnen

Wie krass sich die Schere öffnet, zeigen folgende Zahlen. Die Kosten für Mietwohnungen haben allein seit 2007 um durchschnittlich 15 Prozent zugenommen. Bereits jeder Dritte gibt laut einer Umfrage des Vergleichsdienstes Comparis.ch zu viel Geld für die monatliche Miete aus und zahlt mehr als den empfohlenen Viertel des Nettoeinkommens fürs Wohnen.

Der Traum vom Wohneigentum wird damit für Menschen, die auf kein Erbe hoffen können, immer utopischer. Denn die Preise für Eigentumswohnungen sind noch viel deutlicher gestiegen als die Mietpreise, sie liegen heute um 38 Prozent höher als vor zehn Jahren. Rechnete man früher damit, dass für den Kaufpreis einer Wohnung etwa der 27-fache Jahresmietzins zu kalkulieren sei, kosten Wohnungen heute im Durchschnitt 33 Jahresmieten und mehr.

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Falsche Angebote am falschen Ort

Für die Gesellschaft ist diese Entwicklung Gift. Junge und ältere Menschen, die auf günstigen Wohnraum angewiesen sind, finden kaum mehr adäquate Möglichkeiten und geraten dadurch schnell an ihre finan­ziellen Leistungsgrenzen.

Schuld an der Entwicklung ist neben dem Bevölkerungsdruck und dem Verschwinden von älterem, günstigem Wohnraum eine Bauwirtschaft, die vielerorts an den Bedürfnissen der Menschen vorbeiproduziert, zeigt Peter Johannes Meier in unserer Titelgeschichte. Gebaut wurden zu viele Luxuswohnungen, zu grosse und teure Wohnungen auf der grünen Wiese und zu wenig kleine und zahlbare Wohnungen für Singles, Paare, Alleinerziehende und ältere Menschen mit sinkenden Rentenaussichten.

Die Entwicklung wird sich in den kommenden Jahren noch verstärken, wenn nichts passiert. Die Schweiz muss deshalb alles tun, um genossenschaftliche Wohnformen möglichst zu fördern und zu begünstigen.

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Zur Titelgeschichte

Das läuft auf dem Wohnungsmarkt schief

Zu gross, zu teuer oder am falschen Ort: Die Immobilienbranche baut an den Interessen der Mieter vorbei. Ein Spiel mit dem Feuer.

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Bagger
Quelle: Hanna Jaray

Der neue Beobachter ist da


Wie ein Novartis-Impfstoff an Obdachlosen in Polen getestet wurde / Wurde die Uber-App gehackt? / Spitäler sammeln Blut von Patienten – Datenschützer warnen / Skitouren: Mit Skiern und Fellen ins Glitzerland

Der Beobachter 5/2017 erscheint am Freitag, 03. März. Sie erhalten die Ausgabe am Kiosk, als E-Paper oder im Abo.

Quelle: Beobachter (Montage)
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