Die Wohnlage am Rand von Schänis ist ruhig, die Aussicht auf die Glarner Alpen prächtig. So präsentiert sich das schmucke Einfamilienhaus von Familie Thommen. Doch die Freude über das schöne Plätzchen ist nicht ungetrübt. «Wegen der benachbarten Felder ist unser Haus ungeschützt dem Wind ausgesetzt», erklärt der Hausherr. Zu spüren bekam Familie Thommen dies, als im Herbst 2003 ein Föhnsturm über die Linthebene zog. «Die Böen waren so stark, dass sogar der Komposthaufen ans Auto des Nachbarn geschleudert wurde», erinnert sich Patrick Thommen. Aber auch das Haus nahm Schaden: «Einige Ziegel wurden verschoben. So konnte Wasser eindringen, was zu feuchten Mauern führte.»

Bezüglich der Schadenregulierung machten sich Thommens keine Sorgen. Schliesslich verfügen sie über die im Kanton St. Gallen obligatorische Absicherung bei der Gebäudeversicherungsanstalt, die für Sturmschäden aufkommt. Umso erstaunter war Patrick Thommen, als die Gebäudeversicherung eine Deckung verweigerte: Bezahlt werde nur, wenn der Wind eine Geschwindigkeit von mindestens 75 Kilometern pro Stunde erreiche und es in der näheren Umgebung ebenfalls zu Schäden gekommen sei, wurde ihm beschieden.

So leicht wollte sich Thommen nicht geschlagen geben. Er liess sich von Meteo Schweiz bestätigen, dass am besagten Tag in seiner Region Spitzenböen von bis zu 85 Kilometern pro Stunde gemessen wurden. Doch die Gebäudeversicherung blieb hart und teilte per Verfügung mit: «Für die Beurteilung, ob ein echter Sturmschaden vorliegt, ist nicht etwa auf eine allfällige Böenspitze abzustellen. Massgebend ist eine mittlere Windgeschwindigkeit, nämlich das Zehn-Minuten-Mittel.»

Werner Gächter, der Direktor der St. Galler Gebäudeversicherung, bestätigt: «Das entspricht der gängigen Praxis: Wir können nur zahlen, wenn in der näheren Umgebung ebenfalls Bäume entwurzelt oder Dächer abgedeckt wurden.» Erst dann könne von einem so genannten Elementarereignis gesprochen werden. «Für Einzelschäden können wir keine Versicherungsleistungen erbringen.»

Wenn es mal richtig rumpelt...

Pech also für Familie Thommen, dass ihr exponiert stehendes Haus das einzige war, das Schaden genommen hatte. In Anbetracht der klaren Rechtslage riet das Beobachter-Beratungszentrum von einem Rekurs ab. Immerhin: Wenigstens der durch den weggefegten Komposthaufen entstandene Schaden am Auto des Nachbarn wurde von der Privathaftpflichtversicherung anstandslos übernommen.

Die grosse Mehrheit der Kantone verfügt über obligatorische Gebäudeversicherungen (siehe Nebenartikel «Hausbesitzer: Diese Versicherungen brauchen Sie»). Dieses Obligatorium hat einen klaren Vorteil: Weil jeder mitmachen muss, ist die Prämie tief. Ein Haus mit einem Versicherungswert von einer Million Franken kann durchschnittlich bereits für 500 Franken jährlich gegen Feuer- und Elementarschäden versichert werden. In den Kantonen ohne eigene Gebäudeversicherung ist das Abdecken eventueller Risiken Privatsache.

Nur gegen Erdbebenschäden sind die meisten Schweizer Hausbesitzer nicht versichert. «Die Erdbebengefährdung ist in der Schweiz relativ klein», erklärt Markus Fischer, Direktor der Gebäudeversicherung des Kantons Graubünden. «Allerdings ist das Schadensrisiko aufgrund der umfangreich betroffenen Werte sowie deren Verletzbarkeit hoch.» Im Klartext: Wenn es mal richtig rumpelt, wird der Schaden immens sein. Erstaunlich daher, dass Erdbebenschäden in keinem Kanton versichert sind – mit Ausnahme von Zürich, wo eine Deckung von einer Milliarde Franken vorgesehen ist.

Seit 1978 besteht zwar ein Pool für die Deckung von Erdbebenschäden. Die Deckungssumme beschränkt sich jedoch auf zwei Milliarden Franken – im Verhältnis zu den real existierenden Gebäudewerten von über 1800 Milliarden ein eher geringer Betrag. «Erdbeben treten meist lokal auf», relativiert Markus Fischer. Würde allerdings ein grösseres Ballungszentrum von einem schweren Beben betroffen, würde der Pool rasch aufgebraucht. Dann wäre wohl auch die Schweiz auf internationale Solidarität angewiesen.

Derzeit werden zwischen Bund, Kantonen und privaten Versicherungsgesellschaften intensive Gespräche bezüglich einer gemeinsamen Lösung für Erdbebenschäden geführt. Bis jedoch Ergebnisse vorliegen, bleibt vorsichtigen Hauseigentümern nichts anderes übrig, als sich privat gegen das Erdbebenrisiko abzusichern. Diese Lösungen haben aber ihren Preis, und der Selbstbehalt bewegt sich zwischen fünf und zehn Prozent des Schadens.

Markus Fischer von der Bündner Gebäudeversicherung steht diesen Produkten generell kritisch gegenüber: «Erdbebenschäden lassen sich nie so umfassend und vor allem nicht flächendeckend versichern wie Elementarrisiken. Wollte man dies tun, so müssten über Jahrhunderte gewaltige Kapitalien angehäuft werden – und das ist weder wirtschaftlich sinnvoll noch politisch durchsetzbar.»

Internet

Kantonale Gebäudeversicherungen, Schadensstatistik: www.vkf.ch

Erdbebenpool: www.pool.ch

Erdbebenrisiko: www.seismo.ethz.ch

Erdbebenversicherung: www.erdbebenversicherung.ch oder www.shev.ch/....

Buchtipps

Reto Westermann, Üsé Meyer: «Der Weg zum Eigenheim»; Beobachter-Buchverlag, 2005, 256 Seiten, 36 Franken

Beide Bücher erhältlich über Telefon 043 444 53 07, Fax 043 444 53 09

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Quelle: Stefan Kubli