«Das ist eine bodenlose Ungerechtigkeit», wettert Kurt C. am Beobachter-Telefon. Der Zorn des 67-Jährigen richtet sich gegen das heutige Steuersystem. Bei seiner Pensionierung habe er sich das Pensionskassenkapital auszahlen lassen, um die Hypothekarschuld auf seinem Häuschen zu tilgen, damit er als Rentner «gratis wohnen» könne. Endlich schuldenfrei, werde er jetzt vom Steueramt bestraft: Satte 2300 Franken Eigenmietwert pro Monat müsse er als Einkommen versteuern. «Dabei habe ich ausser der AHV keine anderen Einkünfte», empört er sich.

Geschenk an die Rentner
Rentnerinnen und Rentner, die in einer Mietwohnung leben, haben da mehr Verständnis für das heutige Steuersystem. Von ihrer Pensionskassenrente oder den Vermögenszinsen bei der Bank müssen sie die Miete bezahlen. Nach Abzug der Wohnkosten bleibt ihnen deshalb nicht mehr als Kurt C. Trotzdem versteuern sie Rente und Zinseinkünfte als Einkommen – ohne irgendeinen Steuerabzug für die Mietzinse. Die Möglichkeit von Kurt C., kostenlos im eigenen Haus zu wohnen, stellt für sie deshalb ebenfalls eine Form von Einkommen dar, für die er Steuern zahlen soll. Um zu verhindern, dass Eigentümer bei den Steuern gegenüber Mietern klar im Vorteil sind, hat der Fiskus den so genannten Eigenmietwert eingeführt. Das ist ein fiktiver Mietertrag, den Bund und Kantone festlegen. Der zu versteuernde Eigenmietwert liegt in der Regel deutlich unter dem effektiv erzielbaren Mietzins – in einigen Kantonen bis zu 40 Prozent.

Diese grosszügige Eigenmietwertbemessung ist Steuervorteil für die Hauseigentümer und soll der Förderung von Wohneigentum dienen. Während der Eigenmietwert das steuerbare Einkommen erhöht, können die Hauseigentümer im Gegenzug ihre Hypothekarzinsen und Unterhaltskosten von den Steuern absetzen. Folge: Die Eigentümer belehnen ihre Häuser möglichst stark, um Steuern zu sparen.

Nun will der Bundesrat dieses System aus der Welt schaffen. Der Eigenmietwert soll verschwinden und mit ihm auch die Abzüge für Schuldzinsen und Unterhalt. Der Bundesrat verspricht sich davon mehr Steuergerechtigkeit und einen geringeren Aufwand für die Steuerämter.

Die Kritiker dieser Lösung bemängeln, dass der Systemwechsel neue Ungerechtigkeiten schaffe: Pensionäre mit niedriger Hypothekarschuld würden entlastet, während junge Familien, die sich stark verschuldet haben, um sich ihren Traum vom Eigenheim zu erfüllen, mit höheren Steuern rechnen müssten. Das VZ Vermögenszentrum berechnete die Auswirkungen für verschiedene Eigentümer an einem Beispiel der Stadt Zürich. Resultat: Je tiefer die hypothekarische Belastung eines Hauseigentümers ist, desto mehr würde er vom neuen System profitieren.

Elf Kantone legen sich quer
Die Folge wäre eine Umverteilung von Familien mit hohem Hypothekenanteil zu gut betuchten Eigentümern mit niedriger Verschuldung. Daran ändert auch die Sonderregelung wenig, die der Bundesrat für Neuerwerber vorsieht: In den ersten zehn Jahren nach dem Kauf dürften sie einen jährlich abnehmenden Hypothekarzinsabzug vornehmen. Sowohl der Schweizerische Treuhänder-Verband als auch der Hauseigentümer-Verband bezeichnen diese Erleichterung als ungenügend. Trotz solchen Einwänden befürworteten im Vernehmlassungsverfahren alle Bundesratsparteien die Vorschläge von Finanzminister Kaspar Villiger. Auch die meisten Kantone wollen die Eigenmietwertbesteuerung beerdigen. Sie erhoffen sich, die Probleme bei der Bewertung der Liegenschaften und der Berechnung des Eigenmietwerts aus der Welt zu schaffen.

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Elf Kantone stemmen sich aber gegen den geplanten Systemwechsel. Ihr Hauptargument: Die Umstellung aufs neue System führe zu Ertragsausfällen und verursache unnötigen administrativen Aufwand.

Nicht nur bei den Kantonen, auch bei den Spitzenverbänden der Wirtschaft bleibt der Systemwechsel deshalb heftig umstritten. Nachdem der Bundesrat nun kürzlich die Botschaft zur Reform vorgelegt hat, werden in den Kommissionen einige hitzige Debatten folgen, bevor sich das Parlament frühestens in der Sommersession mit der Vorlage befasst.

Dass der Eigenmietwert wirklich gestrichen wird, ist also vorläufig noch nicht entschieden. Nach dem Willen von Finanzminister Villiger würden Schuldzinsabzug und Eigenmietwert ohnehin erst in ein paar Jahren wegfallen – die Rede ist von 2008. Bis es so weit ist, hat es keinen Sinn, sich über eine vorzeitige Rückzahlung oder Reduktion der Hypothekarbelastung den Kopf zu zerbrechen. Vorläufig jedenfalls können sich selbst frisch gebackene Hausbesitzer noch entspannt auf ihrem neuen Sofa zurücklehnen.