Ruth Niederbergers Stimme stockt: «Dieses Haus bringt uns finanziell an den Abgrund und belastet die Familie enorm.» Ihr 60-jähriger Ehemann Klaus schaut wortlos zum Fenster hinaus. Auch er verkraftet nicht, was hier geschieht.

Ein Rundgang durch das dreistöckige Haus in Alpnachstad OW wird zur Baupfusch-Tour: Der Eingang ist undicht, bei Wind und Regen dringt Wasser ein. Weil die Treppe zu hoch gesetzt wurde, liegt im Vorraum auch vier Jahre nach dem Einzug ein provisorischer Novilon-Boden.

Niederbergers fühlen sich ohnmächtig, weil sich die Behebung der Mängel wegen der juristischen Beurteilung seit vier Jahren vor dem Kantonsgericht Obwalden hinzieht (siehe «Gemächliches Gericht»). «Wir sind nur ein Aktenordner in einem Schrank», sagen sie resigniert. Ihr Anwalt hatte über Jahre den Richter gedrängt, das Verfahren endlich voranzutreiben. Erfolglos.

Im Provisorium, in dem Niederbergers leben, sind die Türblätter verbogen. Tritt man ins Wohnzimmer, erzittert das Haus. Auf die durchhängenden Böden wurde nur ein Teil der Möbel gestellt. Unter den Fenstern stehen Becher, grosse Tücher liegen bereit. Sobald es länger regnet, dringt Wasser ein. Dann sind auch die beiden Söhne als hausinterne Wasserwehr mit im Einsatz.

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Vor drei Jahren hat es nach starkem Regen eine Dachbahn gehoben, und das Nass kam wie ein Sturzbach von oben. Am Dachfenster fehlt der wärmedämmende Rahmen. Schiebefenster klemmen, weil sich auch die Stützbalken durchbiegen. Aus der wackligen Balkonfassung fiel ein 1,5 mal 1 Meter grosses Glasfeld. Wäre jemand darunter gestanden, hätte es wohl Tote gegeben.

Einen Teil der gravierendsten Mängel haben Niederbergers bereits mit rund 170'000 Franken saniert, sonst wäre ihr Haus gar nicht bewohnbar. So zerbröselten die Unterlagsböden auf zwei Stockwerken und mussten samt allen Installationen ersetzt werden. Dabei stellte sich heraus, dass der ganze Bau ein Nord-Süd-Gefälle aufweist.

Das Untergeschoss ist eigentlich als Einliegerwohnung ausgebaut. Wegen der Baumängel, ungenügenden Schallschutzes und blockierter Sanierung steht die Wohnung immer noch leer. «Allein der Mietzinsausfall macht fast 100'000 Franken aus. Mit diesen Einnahmen haben wir gerechnet. So werden wir das Haus nicht mehr lange halten können», sagt Ruth Niederberger.

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Der Baumeister fordert Geld

Angestrengt haben den Zivilprozess vor dem Kantonsgericht nicht die Bauopfer, sondern die hauptverantwortliche Waser Holzbau AG. Nachdem Niederbergers auf Sanierung pochten und offene Rechnungen nur noch über ein Sperrkonto begleichen wollten, klagte der Baumeister. Zuvor scheiterten alle Versuche für eine gütliche Einigung.

Firmeninhaber Bruno Waser fordert fast 200'000 Franken und sieht sich ebenfalls als Opfer: «Leidtragender bin ich als Unternehmer.» Bei jedem Bau würden Fehler passieren. Mängel, für die er verantwortlich sei, würde er auch beheben. Genau dies ist einer der strittigen Punkte: Waser will nur für die Holzarbeiten zuständig gewesen sein und lehnt eine Haftung als Generalunternehmer ab. Liest man die im Auftrag des Gerichts erstellte Teilexpertise, wird klar warum. Da heisst es: «Regenwasser kann seitlich eindringen und die Holzkonstruktion auffeuchten. Die eigentlichen Mängel an den Fensterbänken und Anschlüssen können nur mit unverhältnismässig grossen Kosten von über 100'000 Franken behoben werden.» Die Pfuschliste liesse sich verlängern. Und die Folgen werden immer gravierender, weil die Sanierung ja juristisch blockiert ist.

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Über weitere Beweisanordnungen hat das Kantonsgericht noch nicht entschieden. Niederbergers verlangen eine weitere amtliche Expertise zur Statik, nachdem ein von ihnen in Auftrag gegebenes Gutachten die Stabilität bezweifelt. Für den mittlerweile zweiten zuständigen Richter hat eine erste Expertise zwar «gewisse Mängel zutage gebracht, doch scheinen diese nicht derart gravierend zu sein, dass die Liegenschaft unbewohnbar wäre». Will heissen, es besteht zumindest keine Einsturzgefahr. Ein schwacher Trost. Während die Justiz weiterhin zu keinem Ergebnis kommt, läuft Niederbergers die Zeit davon.

Kanton Obwalden: Gemächliches Gericht

Verfahren mit Expertisen und Antrag auf unentgeltliche Rechtspflege wie im Fall Niederberger können lange dauern. Doch der zuständige Obwaldner Kantonsgerichtspräsident Walter Omlin liess sich sehr viel Zeit. Mittlerweile ist er pensioniert, und der Fall liegt auf dem Pult seines Nachfolgers. ­Omlin war für seine Saumseligkeit ­bekannt: In einem anderen Langzeitverfahren (siehe Artikel zum Thema «Justiz «Es können auch Fehler passieren») musste er inzwischen eine Niederlage einstecken. Dort wurden Jahre für die Prüfung eines Kaufrechtsvertrags verschwendet. Nun hat das Bundesgericht sein Urteil korrigiert und das Verfahren zur Neubeurteilung an die Vorinstanz zurückgewiesen.

Der Kanton ist mit hohen Schaden­ersatzforderungen konfrontiert. Den Vorwurf, sich zu viel Zeit zu lassen, wies Omlin stets zurück.

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