Als die kleine Nadine vor drei Monaten zur Welt kam, musste die fünfköpfige Familie Reiss in ihrem Vier-Zimmer-Reihenhaus in Zürich-Oerlikon zusammenrücken. Klein war das Haus schon vorher – jetzt aber ist es eng: «Die beiden älteren Mädchen haben so wenig Platz zum Spielen, dass sie meistens die Stube in Beschlag nehmen», sagt Yvonne Reiss. Neben Hütten und Bäbilandschaften bleibt den Eltern kaum mehr Luft zum Wohnen. Doch die Familie fühlt sich so verwurzelt in der Umgebung, dass sie nicht wegziehen will. Also arrangiert man sich so gut wie möglich.

«In unserer Kultur gilt es als wünschenswert, dass jedes Kind sein eigenes Zimmer hat», sagt die Erziehungsberaterin Jutta Kempf. Aber häufig sei das nicht möglich – und nicht immer erweise sich dies als Nachteil: «Wenn sich Kinder nicht in ihr eigenes Zimmer zurückziehen können, lernen sie besser, Konflikte auszutragen.» Allerdings brauche es dafür klare Regeln: Jedes Familienmitglied müsse seine Ecke haben, die von den anderen respektiert wird. Etwa ab dem Kindergartenalter seien die Kinder fähig, diese Rückzugsmöglichkeit zu akzeptieren.

Doch wer soll mit wem welches Zimmer teilen? Bei der Familie Reiss schläft derzeit die kleine Nadine in ihrem Stubenwagen im winzigen dritten Zimmer; mit nicht einmal sieben Quadratmetern würde es nach heutiger Bauweise gar nicht mehr als ganzes Zimmer gelten. Kein Wunder, diente der Raum bisher bloss als Stau- und Nähraum – wenn das Klappbett genutzt wird, bleibt neben Kästen und Pult kein Platz mehr, um auch nur einen einzigen Schritt zu gehen. Sobald Nadine grösser wird, muss das Kämmerchen aber zwangsläufig zum Kinderzimmer umfunktioniert werden.

Gute Stausysteme schaffen Ordnung



Innenarchitektin Regula Rechsteiner aus Reinach BL zeigt auf, wie in diesem kleinen Raum mehr Platz geschaffen wird: Ein grosser Teil der aufbewahrten Sachen wird ins Elternzimmer gezügelt, denn mit rund 15 Quadratmetern ist es das grösste der drei Schlafzimmer. Yvonne und Daniel Reiss hätten diesen Raum gern den Kindern überlassen, aber ihr breites Doppelbett passt sonst nirgends hinein. Bleibt also nur, den Platz im Kinderzimmer optimal zu nutzen, wo die dreieinhalbjährige Salome und die fünfjährige Eliette im Kajütenbett schlafen.

«Der Boden ist hier meistens belegt, weil die Mädchen alles rausholen und nicht gern aufräumen», sagt die Mutter. Ein kindgerechtes Stausystem ist da gefragt. Das bisherige Tablargestell ist so hoch, dass die Kinder nur den unteren Teil nutzen können. Fachfrau Rechsteiner schlägt deshalb vor, stattdessen niedrige Bänke oder U-förmige, tischartige Elemente aufzustellen. Unter diese Elemente könnten kleine Container auf Rollen oder durchsichtige Plastikkisten geschoben werden. Weiter empfiehlt die Innenarchitektin niedrige Regalsysteme mit herausziehbaren Weidenkörben.

Ruhe lässt die Zimmer grösser wirken



Nadines Zimmer ist mit seinen knapp sieben Quadratmetern Fläche extrem klein und wird von einem fast raumhohen Regal mit integriertem Klappbett aus Eichenholz dominiert. Durch zusätzliche Möbel wie Pult, Schrank und Regal sowie Vorhänge in starken Farben und Häkelvorhänge im Fenster wirkt und ist der Raum stark überfüllt. Regula Rechsteiner schlägt fürs Kinderzimmer vor:

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  • Den Schrank und das Pult «entsorgen».

  • Das Bücherregal mit den Ordnern und einen Teil der Kleider im Elternschlafzimmer unterbringen.

  • Das Klappbett aus Eichenholz wirkt sehr schwer. Abhilfe schafft eine vor dem Klappbett angebrachte Vorhangschiene von Wand zu Wand mit einem blickdichten pastellfarbenen Vorhang (Hellblau, Hellgelb, leichtes Orange).

  • Denselben Vorhangstoff vor dem Fenster anbringen. Raumhohe Vorhänge lassen das Zimmer optisch höher wirken, der unifarbene, helle Stoff bringt Ruhe: Der Raum wird «grösser», weil das Auge weniger irritiert wird.

  • Auf der ganzen Wandlänge eine fest verankerte Tischplatte montieren mit integriertem Regal im Bereich hinter der Tür – dadurch wird das Zimmer «in die Länge gezogen». Das Bett kann trotzdem problemlos heruntergeklappt werden, ohne dass die Möbel ständig verschoben werden müssen.

  • Statt der Hängeleuchte ein Band aus Indirekt- und Direktlicht an der Wand über dem Tisch anbringen: So wirkt der Raum breiter und höher.

  • Eine Garderobenstange zwischen der Wand und dem Klappbett dient dazu, die Kleider ordentlich zu verstauen.


Im Elternzimmer müssen der Arbeitsbereich mit dem grossen Pult sowie der Schrank neben der Tür beibehalten werden. Die Problematik ist hier ähnlich wie im Kinderzimmer: Zu viele Farben, Muster und verschiedene Elemente lassen den Raum überfüllt und kleiner erscheinen. Die Innenarchitektin Regula Rechsteiner rät deshalb zu folgenden Veränderungen:

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  • Das Bücherregal wird um 90 Grad gedreht, sodass es links vom Bürotisch steht.

  • Über dem Tisch können auf dessen ganzer Länge Tablare für die Ordner aus dem Kinderzimmer montiert werden, rechts vom Tisch zusätzlich eine Kleiderstange.

  • Um dem Zimmer Ruhe zu geben und den Arbeitsbereich etwas zu «verstecken»: den Raum trennen durch ein vierläufiges Flächenvorhangsystem mit vier hellen, unifarbenen, schiebbaren Paneelen; die Fenstervorhänge im selben Stoff wählen.

  • Unifarbene Bettwäsche wirkt grosszügiger.

  • Die Hängeleuchte über dem Bett durch indirekte Beleuchtung ersetzen, die auf dem Deckenanschluss montiert wird; indirektes Licht gibt Volumen.


Familie Reiss will mindestens einen Teil von Regula Rechsteiners Vorschlägen in die Tat umsetzen: «Das Volumen vom Kinderzimmer zum Arbeitsbereich im Elternzimmer zu verschieben und diesen Raum dann abzutrennen ist eine gute Idee. Diesen Vorschlag werden wir auf jeden Fall realisieren.»

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