Das Protokoll vermerkt «Heiterkeit». «Ich selber habe keine Hypothek mehr – ich freue mich darauf», scherzte Kaspar Villiger vor zwei Monaten im Ständerat. Thema: Der geplante Systemwechsel beim Besteuern von Wohneigentum. Dabei ist dem Finanzminister überhaupt nicht spassig zu Mute, denn es drohen happige Steuerausfälle.

So funktioniert das Modell: Besitzer von Häusern und Wohnungen müssen den Eigenmietwert – einen fiktiven Mietzins – nicht mehr als Einkommen versteuern. Dafür dürfen sie dann aber die Zinskosten ihrer Haushypothek nicht mehr abziehen. Wortführer sind ausgerechnet Villigers Freisinnige. «Es ist stossend, wenn Betagte vorzeitig aus ihrem Haus gedrängt werden, weil sie einen hohen Eigenmietwert versteuern müssen und keine Schuldzinsen abziehen können», sagte FDP-Präsident Franz Steinegger vor einem Jahr im Beobachter.

Der Kampf des Kassenwarts
«Ertragsneutral» müsse die Ubung sein, verlangt Kaspar Villiger von einer Expertengruppe, die Ende März Bericht erstatten muss. Das heisst: Der Finanzminister will, dass nach der Änderung gleich viel Geld in seine Kasse fliesst wie bisher. Doch daran glaubt er selber nicht mehr. Am Drücker sind nämlich vor allem Parlamentarier, die auf eine Steuersenkung drängen.

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Vielleicht müsse er «gewisse Ausfälle in Kauf» nehmen, gab Villiger inzwischen zu Protokoll. Diese dürfen aber nicht grösser sein als ursprünglich von der Initiative «Wohneigentum für alle» gewollt. Schliesslich hat das Volk diese im Februar 1999 abgelehnt. Dort war von jährlich bis zu zwei Milliarden Franken Steuerausfällen die Rede. Villiger ist deshalb froh, wenn er heute sagen kann, man dürfe «den Volkswillen nicht schnöde missachten».

Die Angst des Kassenwarts ist berechtigt. Dem Beobachter liegen Zahlenbeispiele aus der Steuerverwaltung vor, über die sich viele Wohneigentümer freuen können. Die Experten haben am Beispiel der Stadt Bern drei konkrete Fälle durchgerechnet (siehe Tabelle). Fazit: Mit dem neuen Modell werden Neuerwerber massiv entlastet. Und wer seine Hypothek abstottert, spart viel Geld. Die Details:

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  • Neuerwerber:
    Statt 3701 Franken bezahlt ein 30-jähriger Familienvater mit einer hohen Hypothekarverschuldung nur noch 1606 Franken Steuern. Dies, weil der Eigenmietwert wegfällt, die Schuldzinsen aber weiterhin abgezogen werden dürfen. Um Kaufwillige nicht abzuschrecken, müsse man «diesen Steuerabzug für eine beschränkte Zeit zulassen», sagt ein Mitglied der Expertenkommission. Ob für 5, 10 oder 15 Jahre, müssen die Politiker entscheiden.

  • 50-jähriger Hausbesitzer:
    Wenig verändert sich bei einer Person, die ihr 600'000-Franken-Haus über die Jahre zur Hälfte abgezahlt hat. Die Steuern steigen minim von 8390 auf 8510 Franken. Das Beispiel zeigt: Wer heute hohe Schulden hat, wird mit dem neuen Recht bestraft. Nicht nur deshalb wird das Abstottern der Hypothek interessant. Denn in Zukunft müssen die Schulden weiterhin verzinst werden, aber dies ganz ohne Steuervorteile. Parallel dazu verliert ein immer beliebteres Modell an Attraktivität: die Hypothek zu erhöhen und dieses Geld möglichst rentabel anzulegen.

  • 65-jähriger Rentner:
    Auf bessere Zeiten können jene hoffen, die ihr Wohneigentum ganz oder weitgehend abgezahlt haben. Im konkreten Berner Beispiel hat ein Rentner 200'000 Franken Hypothekarschulden stehen lassen – dennoch sinkt die Steuerrechnung von 11'485 auf 10'428 Franken. Wäre das Haus ganz abgezahlt, könnte der Besitzer sogar rund 3000 Franken Steuern sparen. Die Mentalität der älteren Generation, Schulden möglichst zu tilgen, wird damit belohnt.Entschieden ist noch nichts, doch der Systemwechsel scheint sicher. «Erstmals ist von links bis rechts der Wille zu einer Neuregelung spürbar», sagt Rudolf Strahm, Präsident der nationalrätlichen Kommission für Wirtschaft und Abgaben (WAK). Als Mieterpräsident pocht der SP-Nationalrat aber wie Villiger auf eine ertragsneutrale Lösung: «Es darf kein Steuergeschenk für Hauseigentümer geben.»

Rechnung mit vielen Variablen
Umstritten ist der Weg zum Ziel. Das Departement Villiger verspricht eine Vorlage bis Ende Jahr, die WAK will aber zusätzlich einen eigenen Vorschlag einbringen. Das Gerangel erstaunt nicht. Was auf den ersten Blick einfach tönt, erweist sich im Detail als Hochseilakt. «Es ist eine Rechnung mit vielen Variablen», sagt Strahm. Mit welchem Hypothekarzinssatz wird gerechnet? Dürfen die Kosten für den Gebäudeunterhalt weiterhin von den Steuern abgezogen werden? Und wie lang darf ein Neuerwerber die Hypozinsen abziehen? Das sind nur drei von vielen Fragen.

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Hauptpunkt ist der Zinssatz für Hypotheken. Die Steuerverwaltung hat in ihren Vergleichen mit 4,5 Prozent kalkuliert. Marktüblich sind momentan vier Prozent. Für eine ertragsneutrale Lösung ist eine realistische Zinsschätzung entscheidend. «Im heutigen Steuermodell gehen die Einnahmen für Bund, Kantone und Gemeinden pro halbes Prozent um rund 500 Millionen Franken rauf oder runter», rechnet Rudolf Strahm vor.

Programmiert ist der Streit bei den Unterhaltskosten. «Bei einem sauberen Wechsel des Systems müssen auch die Abzüge für Unterhaltskosten gestrichen werden», tönt es aus der Expertenkommission. Denkbar sei allenfalls «ein kleiner Pauschalabzug». Daran haben die Hausbesitzer gar keine Freude. «Das hätte negative Auswirkungen auf das Baugewerbe und würde den heutigen Standard unserer Wohnbauten gefährden», warnt FDP-Ständerat Toni Dettling, Präsident des Hauseigentümerverbands.

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Auch wenn die neue Regelung beschlossene Sache scheint – Grund zur Panik besteht auch für Hausbesitzer mit hohen Schulden nicht. Denn das neue Steuerrecht würde zweifellos in Etappen eingeführt. Der Bündner CVP-Ständerat Theo Maissen fordert «eine Ubergangszeit von zwölf Jahren – so dass sich die Steuerpflichtigen auf die Neuordnung einstellen können».

In einem Vorstoss von alt Ständerat Hans Bisig (FDP) ist sogar von 20 Jahren die Rede. Mal sehen, in welchem Tempo die andern Parlamentarier und Parlamentarierinnen den Systemwechsel wollen.