Der Häuserteppich überwuchert fast den ganzen Talboden und bedeckt bereits einen beachtlichen Teil der unteren Hänge der Oberengadiner Landschaft. Allein im vergangenen Jahr wurden etwa 400 Wohnungen erstellt – ein neuer Rekord. Doch trotz der Fülle von Neubauten finden Einheimische kaum Wohnungen, die sie bezahlen können.

Selbst Hotelbetten verschwinden zulasten von Ferienappartements. «Bei einer Umnutzung in Ferienwohnungen», erklärt Romedi Arquint, Engadiner SP-Grossrat, «bringt ein Hotel beim Verkauf ein Mehrfaches ein.» Seit 1970 hat sich die Zahl der Ferienwohnungen von 20000 auf über 65000 mehr als verdreifacht.

Lange blieben alle Versuche, diesen Wildwuchs zu stoppen, erfolglos. Doch jetzt verlangt eine in Rekordzeit zustande gekommene Initiative, dass künftig nur noch 100 statt der gegenwärtig 400 Zweitwohnungen pro Jahr gebaut werden dürfen. «Es ist der bisher radikalste Versuch, den wuchernden Zweitwohnungsbau einzudämmen», sagt Mitinitiant Arquint.

Zuständig für die Kontingentierung wäre der Kreisrat Oberengadin, in dem alle elf Gemeinden vertreten sind. Für die wäre das allerdings starker Tobak, würde doch damit eine der heiligsten Kühe verletzt: die Gemeindeautonomie. Deshalb hat wohl auch keiner der Oberengadiner Gemeindepräsidenten die Initiative unterschrieben, die von Architekten, Handwerkern, Hoteliers und Kurdirektoren wie Hanspeter Danuser von St. Moritz getragen wird.

«Vor allem Hoteltourismus fördern»


Dennoch ist auch den Gemeinden klar, dass etwas geschehen muss. «Es kann nicht mehr so weitergehen», sagt Gemeindepräsident Christian Brantschen von Celerina. Diese Gemeinde, auch «piccolo Milano» genannt, will die neu zu bebauende Wohnfläche in Zukunft auf die Hälfte des Durchschnitts der letzten Jahre beschränken. Der Haken: Eine solche Regelung hätte vor Bundesgericht vermutlich keine Chance.

Zurzeit wird selbst in St. Moritz, das oft als Hauptsünder für die Verstädterung des Engadins angeprangert wird, eine Verordnung für die Kontingentierung erarbeitet. Die Rede ist von 3000 Quadratmetern für Zweitwohnungen, was etwa 25 Wohnungen pro Jahr entspricht. Rechtlich befindet man sich allerdings auch mit diesem Paragraphen auf dünnem Eis.

Auch für Kreispräsident Reto Filli ist es Zeit zum Handeln: «Wir wollen im Engadin vor allem den Hoteltourismus fördern.» Doch dazu braucht es neben der freiwilligen Selbstkontrolle ziemlich drastische Umkehrmassnahmen. Denn nach Schätzungen von Mitinitiant Romedi Arquint ist gegenwärtig noch Wohnraum für etwa 30000 Betten eingezont.

«Die Initiative ist nötig, aber sie löst das Problem nicht», sagt Raumplaner und Architekt Marcel Hofmann. Das Engadin werde immer attraktiv bleiben, selbst wenn es völlig überbaut sei. «Im Oberengadin werden alle erstellten Wohnungen verkauft», sagt er, «weil die Menschen aus den Agglomerationen flüchten.» Zudem wird mit den bilateralen Verträgen die Nachfrage der EU-Ausländer nach Zweitwohnungen noch steigen. Hofmann plädiert deshalb für eine noch radikalere Lösung als die Initiative: Bauzonen nur noch für Wohnungen für Einheimische, Verbot des Verkaufs von Liegenschaften an Nichtansässige und Stopp des Zweitwohnungsbaus.

Wem dieses Szenario unrealistisch erscheint, sollte einen Blick aufs benachbarte Tirol werfen: Dort wurde dieses Vorgehen bereits realisiert.