Der Ausnahmezustand rückt näher: Spätestens zum Anpfiff der Euro 08 am 7. Juni um 18 Uhr werden auch die Letzten dem Fussballfieber erlegen sein. Die tägliche Arbeit wird für drei Wochen zur Nebensache, Chips und Bier werden zu Hauptnahrungsmitteln. Und jeder, der weiss, dass der Ball rund ist, wird plötzlich zum besserwisserischen Sportexperten. Es wird also alles sein wie an jeder Europa- oder Weltmeisterschaft - nur ist die Schweiz diesmal Gastgeber! In Zahlen bedeutet das gemäss einer vom Bund in Auftrag gegebenen Studie über die wirtschaftlichen Auswirkungen der Euro 08: total 800'000 bis 1,16 Millionen Logiernächte, davon 500'00 bis 640'000 in Hotels. Bleibt also einiges Potential für das sogenannte Private Housing: die Unterbringung von Fussballfans in den eigenen vier Wänden.

Man trifft sich im Internet

Damit sich Anbieter einer Privatunterkunft und Gäste finden, haben Roberto Greuter und Patrick Tschan im Internet eine Vermittlungsplattform geschaffen: sleep-in.ch. Das einfach gehaltene Design macht die kostenlos nutzbare Seite so attraktiv, dass sie derzeit ziemlich konkurrenzlos ist. Angespornt wurden der Informatiker und der Kommunikationsberater durch die ihrer Meinung nach lange einseitig geführte öffentliche Diskussion über die Fussball-EM. «Es ging nur um Gefahren und Sicherheit. Wir aber sagten uns: Es gibt auch die offene Schweiz, die sich nicht vor randalierenden Fans fürchtet, sondern sich auf eine riesige Party mit vielen ausländischen Gästen und entsprechendem kulturellem Austausch freut», erklärt Tschan. Und schon begannen die beiden, sleep-in.ch aufzubauen - mehrheitlich auf eigene Kosten, nur ein kleiner Teil des Aufwands wurde bislang durch Werbeeinnahmen gedeckt.

Schutz vor Wohnzimmer-Hooligans

Mit der Vermittlung eines Gastes ist es aber nicht getan, wenn Sie eine Schlafgelegenheit zur Verfügung stellen wollen. Die wichtigsten Bedingungen sollten unbedingt in einem schriftlichen Vertrag festgehalten werden (siehe Box «Private Housing: So gibts garantiert kein Eigengoal»). Schliesslich haben Sie es mit wildfremden Personen zu tun, von denen Sie kaum mehr wissen, als dass sie Fussball mögen. Und nur weil englische Hooligans an diesem Turnier bekanntlich ausbleiben, sollten Sie sich nicht in absoluter Sicherheit wähnen.

Was etwa, wenn Ihr holländischer Gast aus Frust über die erfolglose Ticketjagd und den ersten Treffer der italienischen Gegner schon am dritten Spieltag ihren neuen Flat-Screen-TV mit einer halbvollen Büchse eines Sponsorengetränks bewirft? Selbstverständlich haftet der Schütze - nicht der italienische auf dem Rasen, sondern der holländische in der Stube - für den Schaden, aber das Durchsetzen Ihrer Forderung wird schwierig, wenn er sich unter Hinweis auf höhere Gewalt seiner Haftung zu entziehen sucht.

Vollständig werden Sie sich nicht gegen mögliche Schäden absichern können. Auch für «gewöhnliche» Mieterschäden ist das nicht ganz einfach: Wer wird schon von seinen Gästen für den kurzen Aufenthalt den Nachweis einer Mieterhaftpflichtversicherung verlangen? Und für solche Risiken vorab eine Sicherstellung zu verlangen widerspricht irgendwie dem sportlichen Gedanken dieses Konzepts. Es bleibt nur, sich seine Gäste so sorgfältig wie möglich auszusuchen - mindestens ein vorgängiger telefonischer Kontakt kann dabei helfen.

Schutz vor solchen Risiken bieten professionelle Vermittlungsdienste wie der Untermietservice (UMS). Allerdings richtet sich dieser Service nicht an Fans, sondern an Offizielle, Medienvertreter und dergleichen. Solche Dienste sind nicht kostenlos: 30 Prozent eines Monatsmietzinses bezahlt ein Untermieter an den UMS, im Minimum 800 Franken. Nik Kleiner vom UMS: «Wir sehen uns die angebotenen Wohnungen persönlich an und verwenden professionell ausgearbeitete Mietverträge - für die Euro 08 haben wir sogar speziell einen entworfen.» Wer seine Wohnung zur Verfügung stellt, kann auf eine Bonitätsprüfung der Untermieter zählen, der angemessene Mietzins wird vom UMS berechnet und vorgeschlagen, zudem ist im Leistungspaket eine Haftpflichtversicherung für Mieterschäden enthalten.

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Der Ausnahmezustand

Der UMS weist die Anbieter von Unterkünften darauf hin, dass sie die Zustimmung ihres Vermieters zum Untermietvertrag benötigen - so schreibt es das Mietrecht vor. «Um ganz auf Nummer sicher zu gehen», wie Kleiner betont. Denn ob tatsächlich eine Untermiete vorliegt, ist rechtlich unklar. Der Zürcher Hauseigentümerverband hat in seiner Monatszeitschrift unlängst Entwarnung gegeben: Weil nicht der mietrechtliche Aspekt im Vordergrund stehe, sei eine Zustimmung des Vermieters nicht nötig. Juristisch ist das zwar eher schwer nachzuvollziehen - aber angesichts des dreiwöchigen Ausnahmezustands darf man sich guten Gewissens an diesen pragmatischen Ansatz der Vermieterseite halten und auf das Einholen der Bewilligung verzichten.

Sicher ist: Stellen Sie Ihr Bett gratis zur Verfügung, braucht es keine Zustimmung des Vermieters. Falls Sie aber ein Entgelt vereinbaren, machen Sie auf jeden Fall Vorauszahlung ab. Sofern es sich nicht bloss um einen symbolischen Betrag handelt, dürften Ihre Gäste Verständnis dafür haben, wenn Sie das Geld vor dem Einzug in den Händen haben möchten.

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Private Housing: So gibts garantiert kein Eigengoal

Vertragliche Absicherung: Folgendes sollten Sie beachten, wenn Sie Ihre Wohnung, ein Zimmer oder ein Bett zur Verfügung stellen wollen.

  1. Machen Sie einen schriftlichen Vertrag, in dem mindestens folgende Punkte geregelt sind:
  2. die Personalien Ihrer Gäste;
  3. die Anzahl der Gäste;
  4. Beginn und Ende des Vertragsverhältnisses;
  5. die genaue Beschreibung der erlaubten Nutzung des Wohnobjekts und der Einrichtungsgegenstände (allenfalls des Parkplatzes);
  6. allfällige Verpflegung;
  7. gegebenenfalls Entschädigung, falls ja: Bezahlung im Voraus.
  8. Lassen Sie sich schriftlich bestätigen, wie viele Schlüssel Sie Ihren Gästen überlassen haben.
  9. Verräumen Sie Ihre Wertgegenstände so gut wie möglich.
  10. Ihre Einnahmen müssen Sie in der nächsten Steuererklärung deklarieren. Mehrwertsteuerpflichtig sind sie aber nicht.


Berechnen einer angemessenen Entschädigung: Je nach Ihrer Motivation verlangen Sie für die Beherbergung der Fans eine günstige oder gar eine symbolische Gegenleistung. Wollen Sie ihnen aber die ganze Wohnung überlassen und sich dadurch Ihre Euro-08-Flucht ins ruhigere Ausland finanzieren lassen, kommen Sie mit der folgenden Berechnung zu einem angemessenen Entgelt:

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  • Ihr Nettomietzins für die Dauer der Überlassung
  • plus Nebenkosten pauschal (entsprechend Ihren bisherigen Nebenkosten)
  • plus 20 Prozent des Nettomietzinses als Möblierungszuschlag
  • plus 10 Prozent des Nettomietzinses als Verwaltungszuschlag

Damit läge auch ein Untermietzins vor, der Ihrem Vermieter keinen Anlass geben könnte, die Untermiete zu verweigern - wenn denn überhaupt von einem Untermietverhältnis auszugehen wäre.

Quelle: Gian-Marco Castelberg
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