Die Lehmhütten in indischen Slums, die Wickiup genannten Grashäuser der Apachen, die Jurtenzelte der Taiga-Nomaden, die Flechtwerkhütten der Osterinsel-Bewohner und die Rundhäuser der Matakam in Kamerun – alle diese Behausungen haben über sämtliche geografischen Distanzen hinweg eine architektonische Gemeinsamkeit: Sie haben oder hatten keine Fenster.

Klimatisch gesehen haben Wände ohne Löcher nämlich grosse Vorteile: Sie halten die Räume bei Hitze kühl, verhindern bei Kälte den Verlust von Wärme und schützen vor Wind.

Dennoch war und ist das Leben in den fensterlosen Räumen kein Zuckerschlecken: Die Luft ist stickig, oft russgeschwängert von Öllampen und offenen Feuerstätten. Menschliche Ausdünstungen tun ein Übriges, um die Atmosphäre zu verpesten. Mit Teppichen oder Fellen verhangene Luken konnten zwar das leidige Problem der schlechten Luft teilweise lösen. Dunkel blieb es dennoch.

Erst Fenster schafften den Durchblick. Doch nicht nur das aus Quarzsand und verschiedenen Zusatzstoffen hergestellte, durchsichtige Glas hilft, Innenräume zu erhellen. Die in der Arktis lebenden Inuit etwa brachten auch ohne Glasscheiben Licht ins Dunkel ihrer Behausungen. Sie versahen ihre Iglus mit Fenstern aus klar polierten Eisplatten oder durchsichtigem Seehundsdarm.

Bereits im imperialen Rom leiste-ten sich reiche Bürger Glasfenster. Und wer die römischen Caracalla-Thermen besuchte, konnte sich in den warmen Bädern der Anlage, den so genannten Caldarien, hinter bis zum Boden reichenden Glasfenstern von der Sonne bestrahlen lassen. Auch sonstige Badesäle verfügten über Fenster, kleine runde Räume sogar über Glaskuppeln.

Schon in frühester Zeit kannten die Römer ein Wort für Licht- und Lüftungsluken an Gebäuden: Fenestra. Handelsreisende brachten das Wort in die besetzten Gebiete des nördlichen Europa, wo es sich als Lehnwort festsetzte: Fenster, fenêtre, fönster, venster, fenstar. Nur der angelsächsische Sprachraum blieb renitent – dort behauptete sich das altisländische Wort «vindauga» (Windauge), aus dem das heutige «window» entstand.

Gläser mit wenig Durchblick


Das römische Fensterglas, das mit vier bis fünf Millimetern Dicke eher durchscheinend denn durchsichtig war, wurde folgendermassen hergestellt: Die Glasschmelze wurde auf eine nasse, flache und mit dünnen Randlatten eingefasste Holzplatte gegossen, die vorgängig mit Sand bestreut worden war. Mit einem Haken wurde die Glasmasse ausgezogen und so über die Platte verteilt.

Vor der Entwicklung des Flachglases wurde die Schmelze zu einer Kugel geblasen. Diese liess man so lange rotieren, bis eine grosse, flache Rundscheibe entstand. Dieses Verfahren wurde ab dem Mittelalter bis weit in die Neuzeit hinein angewandt. Die Scheiben wurden mit Blei eingefasst und zusammengelötet – es entstand die Butzenscheibe. Den wahren Durchblick brachte sie allerdings auch nicht. Noch herrschte Dämmerlicht in Kammern und Stuben.

Der Zufall half wohl doch nicht


Gemäss dem römischen Schriftsteller Plinius dem Älteren sollen Kaufleute per Zufall beim Kochen am Strand aufs Glas gekommen sein. Sie hätten ein Feuer unter dem Kochtopf entzündet, der auf Sodablöcken stand. Am nächsten Morgen hätten sie bemerkt, dass Sand und Soda zu Glas zusammengeschmolzen waren.

Die Geschichte hört sich zwar hübsch an, dürfte aber nicht den Tatsachen entsprechen. Ein Lagerfeuer reicht nämlich kaum aus, um Glas herzustellen. Dazu sind Temperaturen zwischen 500 und 1650 Grad Celsius nötig.

Das älteste überlieferte Rezept zur Glasherstellung stammt aus dem 7. Jahrhundert vor Christus. Im Grossen und Ganzen hat die Rezeptur bis heute ihre Gültigkeit behalten: «Nimm 60 Teile Sand, 180 Teile Asche aus Meerespflanzen, 5 Teile Kreide, und du erhältst Glas», heisst es auf einer Tontafel aus der Tontafelbibliothek des assyrischen Königs Ashurbanipal.
Bereits im 9. Jahrhundert war die aus Mesopotamien überlieferte Kunst des Glasmachens im europäischen Raum praktisch wieder erloschen – das dunkle Mittelalter hielt im wahrsten Sinne des Wortes auch in den Gebäuden Einzug. Erst mit der Renaissance erinnerte man sich wieder der alten Handwerkskunst.

Das Fenster lässt nicht nur Licht herein, sondern es holt gewissermassen auch die Umgebung ins Haus. Wo diese Verbindung zur Aussenwelt nicht vorhanden war, wurde sie bereits bei den Römern gerne mit Hilfe so genannter Trompe-l’Œils – zu deutsch: Täuschung des Auges – simuliert. Diese Illusionsbilder gaukeln meist eine nicht vorhandene Öffnung des Raumes und damit mehr Weite vor: Eine Kuppel gibt scheinbar den Blick frei auf den Himmel, eine Wand wird zur Veranda, die in einen tropischen Garten hinausführt.

Seehundsdarm und Butzenscheiben haben heutzutage weitgehend ausgedient. Das Fenster, mittlerweile wirklich durchsichtig, ohne Flussfehler und störende Bleifassungen, hat schon lange die Ebene der reinen Nützlichkeit verlassen und ist zu einem dominanten gestalterischen Element der modernen Baukunst geworden. Der weltberühmte Architekt Le Corbusier vertrat gar den Standpunkt, dass die Geschichte der Architektur die Geschichte des Fensters sei.

Doch auch in Sachen Nützlichkeit hat sich in der Zwischenzeit einiges getan. Es gibt splitterfreies Sicherheitsglas, wärmedämmendes Glas, Sonnenschutzglas, Brandschutzglas und sogar Fensterscheiben, die sich selber sauber halten. Ihre spezielle Beschichtung zersetzt zuerst organische Verschmutzungen, die anschliessend mit dem Regenwasser weggespült werden.

Quelle: Agentur Gettyimages