Beobachter: In Ihrem «städtebaulichen Porträt»* kommen die Agglomerationen nicht gut weg: gesichtslose Gebiete, in denen kleinkarierte Leute leben. Hier spricht der trendige Städter!
Christian Schmid: Ja, vielleicht. Sicher ist, dass sich darin ein Spannungsverhältnis widerspiegelt: Die Bewohner der Kernstädte und jene aus der Peripherie schauen zunehmend misstrauisch aufeinander und kultivieren ihre Vorurteile – gegenseitig.

Beobachter: Welche Vorurteile?
Schmid: Auf der einen Seite stehen hier die Urbaniten, also die Stadtmenschen, die sich für offen und kosmopolitisch halten und beim Blick in die Agglomeration Leute sehen, die tendenziell rückständig und egoistisch sind, mit wenig kulturellem und ökologischem Bewusstsein. Umgekehrt sind dort die Agglomeriten, die sich in der ländlich-dörflichen Idylle wähnen und aus sicherer Distanz auf die Städter herabschauen, die in Lärm und Chaos leben und in erster Linie sich selber gefallen.

Beobachter: Und die Städter haben Recht?
Schmid: Es gibt kein Richtig oder Falsch. Was aber in Bezug auf die Agglomerationen festzustellen ist: Hier klammert man sich an Vorstellungen, die mit den tatsächlichen Verhältnissen schon lange nichts mehr zu tun haben. Die Menschen halten die Illusion aufrecht, sie würden im Dorf und im Grünen leben – selbst wenn sie das Grüne nur noch durch die Schallschutzfenster sehen und die Autobahn direkt vor ihrem Einfamilienhaus durchführt. Dabei sind genau solche Infrastrukturbauten ein Ausdruck davon, dass die Schweiz längst urbanisiert ist, und zwar vollständig.

Beobachter: Das stört den Durchschnittsbürger nicht, denn die Schweiz wächst in den Agglomerationen am stärksten. Sind die Agglomeriten die wahren Trendsetter?
Schmid: Da muss man genauer hinsehen. Das Wachstum betrifft vor allem die äusseren Agglomerationsgürtel, wo die urbane Entwicklung in noch vergleichsweise intakte Landschaften vordringt. Hier ist das Landleben noch ein bisschen weniger Illusion als anderswo. Zugleich entscheiden sich die Menschen vermehrt dafür, in die «richtige» Stadt zu ziehen – sofern sie eine Wohnung finden. Unsere Untersuchungen haben ergeben, dass in den letzten fünf, zehn Jahren eine Entmischung stattgefunden hat: Eine Gruppe setzt bewusst auf städtische Situationen, während die andere ebenso bewusst das vermeintliche Land sucht.

Beobachter: Die Stadt soll Trend sein? Kennen Sie Schlieren?
Schmid: Selbstverständlich. Ein Vorort von Zürich, seit 100 Jahren industriell geprägt und somit durch und durch urban.

Beobachter: In Schlieren nennen die Leute das Stadthaus aber bis heute «Gemeindehaus». Statt Stadtpark heisst es «Dorfpark». Das klingt nicht so, als sei die Lust auf mehr Stadt besonders ausgeprägt.
Schmid: Obwohl die Schweiz eines der am frühesten industrialisierten Länder der Welt ist, hält sich bis heute der Mythos eines dörflich geprägten Landes. Daraus ergibt sich eine latente Stadtfeindlichkeit – was zu gross und zu dominant ist, das ist grundsätzlich suspekt. Stattdessen gibts gegen 3000 kleine Fürstentümer, deren Gemeindeautonomie man hartnäckig hochhält. Wenn nun die Schlieremer – zumindest die alteingesessene Schicht, die das Sagen hat – auf ihrem «Dorf» beharren, so sehe ich darin einen Versuch, die eigene kleine Welt überschaubar zu halten.

Beobachter: Ein nachvollziehbarer Wunsch.
Schmid: Sicher. Aber es ist ein Aufbäumen auf Zeit. Denn die verklärte Sehnsucht der Agglomeriten nach Land und Dorf bricht sich immer massiver an der Wirklichkeit. Man kann die Realität bis zu einem gewissen Grad von sich fern halten, aber auf Dauer lässt sich nicht verleugnen, dass man auch in der Agglomeration in einer urbanisierten Welt lebt. Zumal deren hässliche Seiten – Verkehr, Lärm, schlechte Luft – zunehmend sicht-, hör- und riechbar sind. Das macht den Menschen immer deutlicher klar, dass sie einem Mythos aufsitzen.

Beobachter: Das ist Ihre These – Wunsch oder Wirklichkeit?
Schmid: Es gibt ausreichend Belege dafür, dass das urbane Bewusstsein wächst. Nehmen Sie die Gemeinden im mittleren Glattal in der Zürcher Flughafenregion. Ich komme von dort, das war bis vor kurzem der Inbegriff von langweiliger Agglomeration. Doch heute ist man daran, sich zu einer Stadt zu formieren – mit allen städtischen Elementen wie etwa einem Tram. Und erstaunlicherweise steht man sogar dazu: Das Tram heisst Stadtbahn.

*Christian Schmid u. a.: «Die Schweiz – Ein städtebauliches Porträt»; Birkhäuser, 2005, drei Bände, 1'020 Seiten, Fr. 69.90