Die Nachbarin der serbischen Familie in der Gemeinde Rain LU erinnert sich genau: «Es war schon Nacht, als die vier Mädchen ohne Schuhe und Strümpfe zu mir flohen. Ihr Vater hatte sie fürchterlich verprügelt.» Ein Arzt stellte bei allen Kindern Hämatome am ganzen Körper fest, bei einem auch eine Gehirnerschütterung. Die Schwestern wurden in einer betreuten Jugendsiedlung in Luzern untergebracht.

Seit dieser Nacht vom 28. zum 29. Juni 2001 steht der Entschluss der Mädchen, heute zwischen 10 und 18 Jahre alt, fest: Sie kehren nie mehr nach Hause zurück. Zu oft hätten sie rohe Gewalt erlebt. «Wenn wir eine eigene Meinung vertraten, schlugen uns die Eltern mit allem, was greifbar war», erzählen sie.

Der Vater liess weiter prügeln

Den Behörden war dies seit langem bekannt, denn sie waren von Nachbarn und Lehrern informiert worden. Zudem hatte eine andere Tochter, heute 21-jährig, schon vor Jahren bei der Gemeinde Schutz vor Misshandlungen gesucht.

Diese verbot dem Vater, Alexandar Ducanovic (Namen der Eltern geändert), weiterhin die Kinder zu schlagen. Mit dem Ergebnis, dass die Mutter Josipa und der Sohn auf Geheiss des Patriarchen die Mädchen verprügelten. Nach einigen Monaten fiel auch der Vater wieder in seine alten Gewohnheiten zurück unbehelligt von der Gemeinde.

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Nach der Flucht der Mädchen brachte im September 2001 eine Aussprache zwischen Gemeindepräsident Robert Zemp, Alexandar und Josipa Ducanovic, den vier Kindern und deren neuem Beistand Erschreckendes ans Licht: Alexandar Ducanovic führte aus, er habe nie ernst zu nehmende Morddrohungen gegen die Töchter ausgesprochen. Seine Erziehungsmethoden bezeichnete er als normal; Kinder zu schlagen gehöre zur Kultur seines Heimatlandes.

Offensichtlich berührte dies den Gemeinderat nicht. «Unsere Sozialvorsteherin hat Sie bereits orientiert, dass der Gemeinderat die Rückkehr Ihrer Kinder in den gemeinsamen Haushalt beschlossen hat», schrieb er dem Vater kurz darauf. Der Zeitpunkt werde noch festgelegt. Im Übrigen schärfte die Behörde Alexandar und Josipa Ducanovic ein, die Kinder nicht mehr zu schlagen. Zudem sollte der Beistand die Rechte der Töchter wahren.

Unter Berufung aufs Amtsgeheimnis verweigern Gemeinde und Beistand jede Auskunft zum Fall. Dass auch finanzielle Erwägungen für eine rasche Heimkehr der Töchter sprechen, geht jedoch aus einem Schreiben der Gemeinde hervor, das dem Beobachter vorliegt. Sie beklagt «erhebliche Aufenthaltskosten», die sich in der Jahresrechnung niederschlügen. Laut Auskunft der Jugendsiedlung in Luzern belaufen sich die gesamten Ausgaben auf 55000 bis 60000 Franken pro Jahr für ein 1800-Seelen-Dorf tatsächlich kein Pappenstiel.

Allerdings eröffnete sich eine Möglichkeit, die Kosten auf null zu reduzieren und allen Ärger loszuwerden. Wegen Misshandlung seiner Kinder wurde der Vater zu zwei Monaten Gefängnis bedingt und einer Busse verurteilt damit verlor er auch den Anspruch auf eine Aufenthaltsbewilligung.

Die Mädchen sind integriert

Alexandar Ducanovic hatte immer erklärt, er verlasse die Schweiz nur zusammen mit seinen Kindern. Das stellte ihm das Migrationsamt Ende Dezember 2001 denn auch in Aussicht: «Sobald die Kinder wiederum in der Obhut ihrer Ehefrau sind, werden wir die Wegweisung Ihrer Ehefrau und Kinder prüfen, so dass Sie in absehbarer Zeit in Ihrem Heimatland mit Ihrer Familie zusammen leben können.» Die Aufenthaltsbewilligungen der Kinder wurden zunächst nicht verlängert.

Für die Töchter wäre die Rückkehr nach Serbien eine Katastrophe. Die Kinder haben ausschliesslich Schweizer Schulen besucht; sie sprechen zwar Serbokroatisch, können aber die Schrift nicht lesen. Das älteste der vier Mädchen hat eine Ausbildung im Verkauf begonnen, die Schwester, eine gute Sekundarschülerin, sucht eine Lehrstelle als medizinische Laborantin.

Während der Vater mit einem Rekurs seine Rückschaffung verzögern konnte, drohte den Kindern immer noch die Rückkehr ins Elternhaus. Der Beistand der Kinder hielt dies für einen gangbaren Weg und war plötzlich des Lobes voll über die Eltern: «Sie bringen ihnen (den Kindern, die Red.) Zuwendungen, sie fragen nach Wünschen, geben an, in der Familie mehr Demokratie zuzugestehen. Sie möchten den Beweis, gewaltlos erziehen zu können, unbedingt antreten.» Schlechter kamen die Kinder weg: «Die Mädchen spüren, dass die Eltern unter der Situation leiden. Sie sind aber der Meinung, dass ihnen wegen ihrer Vergehen recht geschehe.»

Die Gemeinde stellt sich taub

Grosse Schuld an dieser Haltung trügen, so der Beistand, die Sozialpädagoginnen der Jugendsiedlung. Diese stellten sich stets schützend vor die Kinder, hätten ihnen eine Therapie ermöglicht, ohne dies mit den Eltern abzusprechen, und sie ohne Bewilligung der Gemeinde an einem Snowboardlager teilnehmen lassen. Tatsächlich sprechen sich die Sozialpädagoginnen und die Leitung der Jugendsiedlung entschieden gegen eine schnelle Rückkehr aus. Gestützt werden sie dabei von psychologischen Gutachten, die betonen, die Mädchen müssten erst einmal zur Ruhe kommen.

Das lässt den Gemeinderat von Rain kalt. Letzten Oktober stellte er die vier Schwestern wieder unter die Obhut der Mutter. Alexandar Ducanovic sei nach Serbien zurückgekehrt, womit kein Grund mehr für die Fremdplatzierung bestehe, hiess es. Kein Wort darüber, dass auch Mutter Josipa und der Sohn wegen der Tätlichkeiten mit einigen hundert Franken gebüsst worden waren. Und kein Wort darüber, dass Josipa Ducanovic verlauten liess, sie werde ihrem Mann nach Serbien folgen.

Groteske Behördenerlasse

Zwar hat die Zeit einige Wunden geheilt; die Töchter freuen sich auf Besuche der Mutter und vor allem ihrer zweijährigen Schwester. Doch eine Rückkehr zu Josipa Ducanovic lehnen sie weiterhin ab. Sie haben einen Anwalt beauftragt, der die Verfügung der Gemeinde angefochten hat. Seine Aufgabe ist nicht einfach: Der Beistand lehnt sein Eingreifen ab, und um die elementarsten Voraussetzungen wird hart gekämpft. Allein die Akteneinsicht machte einige Rechtsschriften nötig. Die Eingaben an Gemeinde, Regierungsstatthalter und Regierungsrat sowie die jeweiligen Gegenanträge füllen inzwischen einen Ordner.

Die Gemeinde liess sich in jüngster Zeit zu grotesken Erlassen hinreissen. So muss ihr die älteste der vier Töchter ihren gesamten Lehrlingslohn überweisen und erhält nur 80 Franken Taschengeld. Das reicht zum Leben nicht aus, muss sie sich doch am Mittag auswärts verpflegen. Allerdings muss die Gemeinde diesbezüglich nochmals über die Bücher, denn der Statthalter hat eine Beschwerde des Anwalts der jungen Frau gutgeheissen. Die Zeit arbeitet für die Jugendlichen: Die Älteste ist volljährig, und ihre Schwester wird nächstes Jahr 18. Ihnen kann kein Gemeinderat die Rückkehr zur Mutter befehlen.

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