Einfamilienhaus zu verkaufen: 200 Quadratmeter Wohnfläche, unverbaubare Lage, Innenausbau frei wählbar, Verkaufspreis ab 720000 Franken.» Ein Inserat wie viele andere. Mit dem Unterschied, dass es sich hier um ein Haus nach «Minergie-Standard» handelt.

Minergie ist ein Qualitätslabel für Bauten, die haushälterisch mit Energie umgehen. Ein Haus mit diesem Prädikat verbraucht jährlich für Heizung und Warmwasser weniger als die Hälfte eines herkömmlichen Hauses: höchstens 45 Kilowattstunden Energie pro Quadratmeter, das entspricht 4,5 Liter Heizöl.

Die Nachfrage nach «Energiesparhäusern» nimmt laut Branchenkennern stark zu. Letztes Jahr wurden hierzulande gut 400 Einfamilienhäuser nach dem Minergie-Standard zertifiziert. Das bedeutet eine Verdoppelung gegenüber dem Vorjahr.

Nicht alle Ökohäuser sind individuelle Bauten. Mittlerweile führen rund 20 Hersteller Fertig- oder Systemhäuser mit Minergie-Label im Programm, einige Modelle sind bereits für rund 400000 Franken zu haben.

Indiz für den wachsenden Markt sind auch die zahlreichen Ausstellungen zum Thema. Die Schweizer Hausbau- und Minergie-Messe findet dieses Jahr bereits zum dritten Mal statt – vom 8. bis 11. November in Bern, mit über 200 Ausstellern. Und auch die grösste Schweizer Baumesse, die Swissbau, widmet sich dem Thema; sie bildet im Januar 2002 den Rahmen für die europäische Passivhaus-Tagung. Das Passivhaus ist das deutsche Pendant zum Schweizer Minergie-Standard mit noch strengeren Anforderungen an den Heizwärmeverbrauch.

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Was spricht für den Kauf oder den Bau eines Niedrigenergiehauses? Sicher einmal die Tatsache, dass die innovative Minergie-Bauweise von vielen Kantonen mit Förderbeiträgen und von verschiedenen Banken mit zinsgünstigen Hypotheken unterstützt wird. Weitere Gründe sind:

Ein Plus an Komfort: Der tiefe Energieverbrauch wird in erster Linie durch eine gute Wärmedämmung der Gebäudehülle erreicht. 20 Zentimeter Dämmstoff in Fassade, Wand und Dach gelten als Richtwert. Dazu kommen hoch isolierende Fenster mit Wärmeschutzverglasung.

Diese Massnahmen sparen nicht allein Energie – sie tragen auch zu einer massgeblichen Erhöhung des Komforts im Gebäude bei. Der Aufenthalt in Fensternähe und im Bereich der Aussenwände ist beispielsweise selbst bei Aussentemperaturen unter null behaglich. Denn Bewohner von Minergie-Häusern kennen keine kalten Wände oder unangenehme Zugluft. Das gilt sogar bei grossen, raumhohen Fenstern, die viel Tageslicht ins Haus lassen. Im Sommer schützt die verbesserte Dämmung zudem vor Überhitzung.

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Die eingebaute Komfortlüftung macht das Minergie-Haus noch angenehmer. Der Minergie-Standard schreibt eine solche Anlage zur ständigen Lufterneuerung im Gebäude vor: Die Frischluft wird über die Schlaf- und Wohnzimmer ins Haus geführt, die verbrauchte Luft in Küche und Bad wieder abgesaugt. Das erhöht die Luftqualität und reguliert die Luftfeuchtigkeit. Gegenüber der Lüftung mit offenen Fenstern ergeben sich nur Vorteile: Lärmimmissionen und Luftzug fallen weg, und Pollen werden aus der Zuluft herausgefiltert – ein Vorteil für Allergiker.

Sinkende Nebenkosten: Der geringe Heizenergiebedarf und die Wärmerückgewinnung der Komfortlüftung führen zu tiefen Energiekosten. Der St. Galler Architekt Bruno Locher beispielsweise rechnet damit, dass sein Minergie-Systemhaus «Primo» mit einem Franken Kosten pro Tag für Raumheizung, Wassererwärmung und Frischluft auskommt.

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Eine zusätzliche Reduktion der Ressourcenkosten ergibt sich durch den Einsatz effizienter Leuchten und Strom sparender Haushaltgeräte – etwa Raumluftkondensationstrockner oder Wärmepumpentumbler für die Wäschetrocknung. Daneben senken durchdachte Sanitärarmaturen und sparsame WC-Anlagen die Wasserkosten; viele davon sind heute bereits ohne Mehrinvestition erhältlich. Lässt das Budget etwas mehr zu, kommen in zahlreichen Minergie-Häusern Regenwasseranlagen und Grasdächer zum Einsatz. Je nach örtlichem Gebührenreglement senkt dies die Wasser- und Abwasserkosten.

Gute Bauqualität: «Neben dem tiefen Ressourcenverbrauch weisen Niedrigenergiehäuser eine generell hohe Bauqualität auf», sagt Rudolf Graf von der Energiefachstelle des Kantons Zürich. Graf ist zuständig für die Zertifizierung von Minergie-Bauten. In dieser Funktion prüft er jedes Bauprojekt, das die anspruchsvollen Anforderungen zu erfüllen glaubt. Die Prüfung durch eine unabhängige Fachstelle kommt für die Bauherrschaft einer Qualitätssicherung gleich. Eine Ausführungskontrolle ist sie freilich nicht.

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Aufgrund seiner Erfahrungen attestiert Graf den Architekten und Generalunternehmern, die nach Minergie-Standard bauen, ein «überdurchschnittliches» Engagement und Bewusstsein für gute Bauqualität. Als Beispiel nennt er die Luftdichtigkeit der Gebäudehülle. Lecks in der Gebäudehülle können zu Bauschäden durch Feuchtigkeit führen. Die Gefahr ist umso grösser, je dichter die Fugen von Fenster und Türen sind. Der Passivhaus-Standard verlangt daher eine Kontrolle der Luftdichtigkeit von Fassade und Dach.

Weiter hat Rudolf Graf festgestellt, dass auch die Wahl der Baustoffe in Minergie-Häusern häufiger ein Thema ist als bei konventionellen Bauten. Zum Einsatz kommen oft schadstofffreie Materialien und Baustoffe, die sich später einmal umweltverträglich abbauen lassen.

Werterhaltung: Hoher Komfort, gute Bauqualität und tiefer Energieverbrauch sind gewichtige Faktoren für die Werterhaltung eines Gebäudes. Hanspeter Bürgi, Leiter der Agentur Bau des Vereins Minergie, ist daher überzeugt, dass Niedrigenergiehäuser auf dem Immobilienmarkt bei einem Verkauf künftig bessere Preise erzielen werden: «Minergie-Häuser weisen schon heute den Baustandard der Zukunft auf. Sollten die Energiepreise ansteigen oder die Dämmvorschriften weiter verschärft werden, sind diese Bauten immer noch im Rennen.»

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Architekt Hans Bänninger aus Winterthur kann das bestätigen. Vor rund 30 Jahren hat er ein Mehrfamilienhaus mit zwölf Zentimeter Wärmedämmung erstellt. Als das Haus kürzlich für den bevorstehenden Verkauf saniert wurde, genügten eine Erneuerung von Küchen und Bädern und der Ersatz der Wärmeerzeugung. Bei jedem konventionellen Bau hätte die Gebäudehülle in diesem Zusammenhang nachgedämmt werden müssen – mit erheblich höherem Kostenaufwand.

Mehrpreis von bis zu zehn Prozent
Das Beispiel zeigt, dass sich die Investitionskosten von Bauten mit überdurchschnittlicher Wärmedämmung und effizienter Haustechnik auszahlen können. Kommt hinzu, dass der Mehrpreis sich in Grenzen hält: Laut Reglement des Minergie-Vereins beträgt er maximal zehn Prozent der Bausumme.

Dennoch fällt der Kaufentscheid nicht immer leicht. «Die Mehrinvestition stellt für viele Käufer, gerade für junge Familien, eine Hürde dar», sagt Beat Renggli, der führende Anbieter von Minergie-Konzepthäusern in der Schweiz. «Andere Bedürfnisse wie zum Beispiel eine Garage haben vielfach Priorität.» Laut Renggli verkaufen sich Niedrigenergiehäuser am besten bei einer Kundschaft, die in jeder Hinsicht den etwas gehobeneren Standard sucht.

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