Beobachter: Sie leben in Malta, einem Inselstaat, der am 1. Mai der EU beitritt. Ihre Heimat, die Schweiz, liegt mitten in Europa und pflegt das Inseldasein.
Jürg Martin Gabriel *: Der maltesische Sonderfall führte das Land in die EU, der schweizerische Sonderfall entfernt das Land von der EU. Treibende Kraft in Malta war die Nationalist Party, die gar nicht nationalistisch, aber sehr wirtschaftsnah ist. Damit ist sie EU-kompatibel. Etwas Eigennutz steckt auch dahinter: Die Malteser warten sehnlichst auf den Geldsegen aus Brüssel.

Beobachter: Die Schweiz, angeführt von der SVP, wendet sich von der EU ab. Woher kommt dieses grenzenlose Misstrauen?
Gabriel: In meinen Vorlesungen sage ich immer: Wir waren die ersten Europäer und werden nun die letzten sein, die der EU beitreten.

Beobachter: Die ersten Europäer – das ist wohl etwas hoch gegriffen.
Gabriel: 1848 verwirklichten wir den ersten föderalistischen Verfassungsstaat in Europa – wie ihn die EU nun aufbaut. Wir praktizierten bereits im 19. Jahrhundert den sprachlichen und religiösen Pluralismus. Damit nahmen wir eine Pionierrolle ein.

Beobachter: Das sollte uns eigentlich nicht hindern, uns an der europäischen Integration zu beteiligen.
Gabriel: In der Schweiz herrscht eben die Meinung vor, wir hätten Europa gar nicht nötig. Wir sind wirtschaftlich erfolgreich – was brauchen wir da die EU?

Beobachter: Und warum brauchen wir die EU?
Gabriel: Der europäische Zusammenschluss hat diesem Kontinent endlich den Frieden gebracht. Das national zerrissene Europa hat uns zwei Weltkriege mit rund 35 Millionen Toten beschert. Nach dem Zweiten Weltkrieg schuf Jean Monnet die Montanunion, die europäische Gemeinschaft für Kohle und Stahl. Damit wurden Kohle und Stahl supranational – Deutschland und Frankreich brauchten sich deswegen nicht mehr zu bekriegen. Das war der Kern der EU und der Beginn der Friedensepoche.

Beobachter: Der Friede der EU funktioniert aber auch ohne die Schweiz.
Gabriel: Natürlich. Die Schweiz braucht die EU – nicht umgekehrt.

Beobachter: Gerade dies aber scheint die Mehrheit der Schweizerinnen und Schweizer nicht einzusehen. Warum?
Gabriel: Weil sie die Supranationalität nicht verstehen. Ihre Auffassung von Souveränität steht ihnen im Weg.

Beobachter: Gibt es denn überhaupt eine spezifisch schweizerische Souveränität?
Gabriel: Die Schweiz versteht unter Souveränität die absolute Selbstbestimmung. Das verhindert den Beitritt zu einer supranationalen Gemeinschaft. Dort ist die Souveränität als Mitbestimmung innerhalb eines grösseren Zusammenschlusses möglich.

Beobachter: Ist es so falsch, wenn die Schweiz ihre absolute Selbstbestimmung verteidigt?
Gabriel: Sie verteidigt nur eine Scheinsouveränität. Und sie merkt dies nicht einmal. Es bleibt ihr doch nichts anderes übrig, als sich dem EU-Recht anzupassen.

Beobachter: Die Nationalbank kann doch neben dem Euroriesen keine eigenständige Geldmengenpolitik mehr betreiben. In meiner Heimat, im Bündner Oberland, kontrollieren EU-Funktionäre die Hygienestandards der Käsereien.
Gabriel: Sonst gibts keinen Export in die EU.

Beobachter: Nicht gerade erfreulich, dass wir, nur der Not gehorchend, beitreten müssen.
Gabriel: Die Schweiz kann nur gewinnen. Sie wird dort mitentscheiden, wo Europas Zukunft gestaltet wird. Dafür muss sie einzig ihre Scheinsouveränität opfern. So wie die Kantone ihre Souveränität aufgegeben und dafür die Geschicke des Bundesstaates mitbestimmt haben.

* Jürg Martin Gabriel, beurlaubter Professor für Internationale
Beziehungen der ETH Zürich, leitet die Mediterranean Academy of Diplomatic Studies in Malta.

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