Der Laie hält oft eine Verordnung, eine Vorschrift oder eine Verfügung in der Hand und stutzt: «Gemäss den versicherungsmedizinischen Aspekten der Militärversicherung ist zur Feststellung der Behebung der Verschlimmerung»

Falsch gelesen oder schwer von Begriff? Weder noch. Der Verfasser hat bloss einen unüberschaubaren Salat an Substantivierungen kreiert.

«Die Grundlage zur Entstehung der Chondropathie der Kniescheibe ist nicht nur auf eine Einzelursache beschränkt», schreibt das Militärdepartement. Warum stellt es nicht einfach fest: «Das Leiden hat mehrere Ursachen»? Das wäre wesentlich leichter zu verstehen.

Oder die vom Bundesrat erlassene «Verordnung zur Regelung der Kondome». Sie liefert eine gesetzliche Beschreibung der Präservative («Membrane aus Kunstgummi oder Naturkautschuk für Männer»), die hergestellt werden «mit dem Ziel, sie in Verkehr zu bringen» und zwar «für den Gebrauch in der Schweiz». Zudem unterliegen sie der «Prüfung des Baumusters» und bedürfen eines «Konformitätsbewertungsverfahrens». Alles klar?

Sprachlich bizarre Gesetze

«Viele Juristen meinen, sie würden nicht ernst genommen, wenn sie klar und verständlich schreiben», sagt der Germanist Vinzenz Rast. Das Gegenteil sei der Fall. «Einfachheit zeugt oft von Klarsicht.» Rast, der mit seinem Kollegen Urs Albrecht Sprachkurse für Richter und Gerichtsschreiber anbietet, schätzt Klartext: «Oft sind schreibende Juristen ganz einfach zu faul, den Bürokratenschwulst auf überlange Genitivketten und unverständliche Schachtelsätze zu prüfen.» Was sich jedoch lohnen würde. Jährlich produziert und publiziert Bundesbern gegen tausend neue Gesetze, Verordnungen, Reglemente und Botschaften. Inhaltlich sind sie korrekt, sprachlich oft bizarr.

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Aufgeblasen wie ein bretonisches Hochzeitsbaiser präsentiert sich etwa eine Richtlinie über Aufzüge: «Als Aufzug gilt ein Hebezeug, das zwischen festgelegten Ebenen mittels eines Fahrkorbs verkehrt.» Einmal abgesehen davon, dass hier das Hebezeug statt der Fahrkorb verkehrt: Braucht es so viel Wortmaterial für dieses leicht zu verstehende Gerät?

Ballast abwerfen, heisst die Devise der Sprachkritiker, Wortsümpfe vermeiden. Warum etwa handelt es sich immer «um den Tatbestand der Nötigung» und nicht schlicht um Nötigung die ohnehin ein Tatbestand ist? Statt «Schuldpflicht» reicht «Schuld», da sie immer eine Pflicht ist, und nichts rechtfertigt den Satz: «Die Klägerin macht eine Forderung geltend», wenn man besser sagt: «Sie fordert.»

Immerhin Sinn für Humor

Dass es keiner komplexen Materie bedarf, um umständliche Formulierungen zu finden, illustriert eine Urteilsbegründung des Amtsgerichts Mönchengladbach aufs Eindrücklichste. Es verweigerte einem Paar den «Schadenersatz wegen nutzlos aufgewendeter Urlaubszeit» obschon es im Hotel zwei Einzelbetten statt wie vereinbart ein Doppelbett vorfand. Sex, so das Gericht, könne man auch auf einem Bett haben. Immerhin haben die Juristen Sinn für Humor, schreiben sie doch nicht ohne Selbstironie: «Dem Gericht sind mehrere allgemein bekannte und übliche Variationen der Ausführung des Beischlafs bekannt, die auf einem einzelnen Bett ausgeübt werden können, und zwar durchaus zur Zufriedenheit aller Beteiligten.»

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