Der Hund war ein guter Hund, seine Halterin eine gute Halterin. Das war amtlich bescheinigt, denn sie hatte die im Kanton Genf vorgeschriebenen Hundeerziehungskurse besucht. Und der Hund - eine Mischung aus Pitbull und Boxer - hatte den ebenfalls vorgeschriebenen Verhaltenstest bestanden. Er galt offiziell als ungefährlich. Zugebissen hat er Anfang August trotzdem. Ins Gesicht eines 17 Monate alten Buben, der mit seiner Mutter im Stadtpark La Grange spazieren ging. Die Genfer Kantonsregierung verfügte daraufhin in Parks für alle Hunde einen Maulkorbzwang.

Nicht nur in Genf werden Hunde auf ihren Charakter geprüft. In vielen Kantonen ist das Abschneiden in einem so genannten Wesens- oder Verhaltenstest ausschlaggebend dafür, ob ein Hund als gefährlich oder als harmlos eingestuft wird. Basel-Stadt wendet das System schon lange an, in anderen Kantonen wie Neuenburg oder Appenzell Innerrhoden können die Behörden für Problemhunde Gutachten anfordern. Und im Kanton Zürich ist zurzeit ein Gesetz in Vorbereitung, das einen Wesenstest für die Bewilligung gefährlicher Hunde vorschreiben will.

Doch die Prüfungen sind umstritten. In Deutschland, wo die Kampfhundedebatte weiter fortgeschritten ist als in der Schweiz, kommt das Bundesverfassungsgericht in einem kürzlich gefällten Urteil zum Schluss: «Selbst wenn sie von sachkundigen Personen durchgeführt werden, bieten Wesenstests und tierärztliche Begutachtungen keine vollkommen verlässliche Grundlage für eine hinreichend sichere Gefährlichkeitsprognose.» Es lasse sich nicht ausschliessen, dass ein Hund, der die Prüfung bestehe, für den Menschen plötzlich doch zur Gefahr werde. Brisant: Sogar ausdrücklich als kinderlieb eingestufte Hunde bissen wieder zu - bei Kindern.

Die behördlichen Tests vermitteln eine trügerische Sicherheit. «Jeder Test ist eine simulierte Standardsituation. Der Halter weiss dabei, was der Prüfer will», sagt Thomas Kalbermatter, beim Veterinäramt des Kantons Luzern zuständig für gefährliche Hunde. So können Hund und Herrchen die Prüfungen vorher üben. «Falls der Hund nicht krankhaft verhaltensgestört ist, ist die Wahrscheinlichkeit gross, dass er den Test besteht.»

Hund fällt Kind an - und besteht Test

Gleicher Meinung ist Wolfgang Schönholzer, Präsident der Schweizerischen Vereinigung für Verhaltensmedizin: «Wesenstests sind im besten Fall eine Momentaufnahme. Eine Garantie, dass der Hund ungefährlich ist, hat man nicht.» Wichtig für die öffentliche Sicherheit sei, zu beurteilen, wie die Halter-Hund-Beziehung funktioniere. «Denn sobald das Tier in anderer Umgebung oder nicht mit seinem Besitzer unterwegs ist, kann es sich anders verhalten - und zu einer Gefahr werden.»

Wie etwa jener Rottweiler, der vor vier Monaten in Basel einem sechsjährigen Knaben ins Gesicht und in den Arm biss. Der Junge verlor beim Angriff beinahe ein Auge. Die Parallele zum tragischen Vorfall in Genf: Auch dieser Kampfhund war von Fachleuten geprüft und als ungefährlich eingestuft worden. Und wie in Genf hatte seine Halterin die vorgeschriebenen Kurse besucht. Der zuständige Kantonstierarzt Markus Spichtig suchte anschliessend die Schuld beim schwer verletzten Jungen, der den Hund provoziert habe: «Kinder sollte man nicht unbeaufsichtigt mit einem angebundenen Hund vor einem Laden lassen, wie dies die Halterin in diesem Fall getan hat.» Das Risiko sei gross, dass der angebundene Hund auf Kinder losgehe.

Nach der Beissattacke wurde der Rottweiler zu einem Verhaltenstest ins Basler Veterinäramt gebracht. Dort kam man - nach gerade mal 15 Minuten und einem Gespräch mit der Halterin - zu einem eindeutigen Resultat: Der Hund sei «in der Hand dieser Halterin nicht unproblematisch», so Kantonstierarzt Spichtig. Der Rottweiler habe nicht zu seiner Besitzerin gepasst: «Er dominierte seine Halterin. Bei einer ausgewiesenen Fachperson hätte der Hund keine Probleme gemacht.» Zu diesem Schluss kam nicht etwa Spichtig selbst. Ein Zahnarzt prüfte das Tier, «einer von zwei Hundeexperten, die wir für die Verhaltenstests zuziehen», so Spichtig.

Wäre es nach dem Willen der Basler Behörden gegangen, hätte der Kampfhund einen neuen Platz erhalten. «Wir hatten bereits einen anderen Halter gefunden, der ihn übernommen hätte», sagt Spichtig. Dazu kam es nicht mehr: Die Halterin liess den Rottweiler einschläfern.

Ein weiser Entscheid, denn bei den Wesens- und Verhaltenstests herrscht Wildwuchs. «Es gibt sicher ein Dutzend verschiedene Prüfungen. Zudem kann sie praktisch jeder durchführen», sagt Verhaltensmediziner Schönholzer. Wenn die Tester nicht kompetent und einheitlich ausgebildet seien, «ist der Willkür Tür und Tor geöffnet». In Hamburg etwa wurde der Kampfhund Sugar dreimal getestet - jedes Mal mit einem anderen Ergebnis.

In den Kantonen Basel und Zürich setzt man auf Kurzvarianten des deutschen Niedersachsen-Modells, das 1997 - lange bevor Kampfhunde in Mode kamen - entwickelt wurde. Während des Tests provozieren die Prüfer den Hund unter anderem mit Luftballons, Blechdosen, Regenschirm und Fahrradklingel. Zudem wird der Hund von einem stockschwingenden Mann bedroht und wütend angeschrien. Der Hund muss gelassen auf die Provokationen reagieren und jederzeit abrufbar bleiben.

Der Bundesrat will kein Verbot

Ausgerechnet Situationen mit dem höchsten Gefahrenpotenzial aber können - aus ethischen und praktischen Gründen - in keinem Test geprüft werden: die Reaktion des Hundes auf die Anwesenheit von Kindern. Dabei zeigen alle einschlägigen Studien eindeutig, dass Kinder besonders häufig Opfer von Hundebissen sind. Zwar versuchen die Tester, mit Kinderwagen, gebrauchten Windeln oder Kindergeschrei ab Band die Situation zu simulieren. Die Resultate lassen jedoch kaum Rückschlüsse auf das reale Verhalten des Tieres zu: «Wenn eine Situation nicht geprüft wird, ist der Test in diesem Bereich nicht aussagekräftig», sagt Thomas Kalbermatter.

Geeigneter als Verhaltens- und Wesenstests sind Einfuhr- und Verkaufsverbote für Kampfhunde. Zu diesem Schluss kam das deutsche Bundesverfassungsgericht. So liesse sich die Zahl der gefährlichen Beissvorfälle verringern. In dieselbe Richtung ging auch das Schweizer Parlament. Eine Initiative des jurassischen CVP-Nationalrats Pierre Kohler für ein Pitbullverbot fand in der nationalrätlichen und am 28. August auch in der ständerätlichen Kommission eine Mehrheit.

Nur der Bundesrat will die Dringlichkeit nicht erkennen. Er setzte im Mai eine Verordnung in Kraft, die statt eines Verbots lediglich eine Meldepflicht für aggressive Hunde und Beissunfälle vorsieht. Diese bundesrätliche Massnahme konnte die Bissattacken in Basel und in Genf nicht verhindern. Wen erstaunts.

Quelle: Archiv
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