Pater Lukas Niederberger lässt sich von der Staatsmacht nicht so leicht ins Bockshorn jagen. «Falls sie mich ins Gefängnis stecken, werde ich die Bibel wieder einmal von A bis Z durchlesen.» Der Direktor des Lassalle-Hauses Bad Schönbrunn im zugerischen Edlibach hatte fünf Jahre lang den abgewiesenen sri-lankischen Asylbewerber Kesavan Rasiah versteckt ein klarer Verstoss gegen das Gesetz. Als Rasiah bei einer Ausweiskontrolle der Luzerner Polizei ins Netz ging, flog das Versteck auf.

Bis Ende August hätte der 31-jährige Tamile ausreisen sollen, so die Order des Bundesamts für Flüchtlinge (BFF). Doch für Pater Niederberger war klar, dass hier ein Mensch in den sicheren Tod geschickt würde. Deshalb setzte er alle Hebel in Bewegung, um die Ausreise zu verhindern. Mit Erfolg. Das BFF hat Rasiahs Ausschaffung vorerst sistiert und will das Asylgesuchsverfahren von 1996 neu aufrollen.

Situation könnte sich noch zuspitzen

Pater Niederberger ist einer von mehreren Schweizer Kirchenmännern, die abgewiesenen Asylbewerbern Unterschlupf gewähren. «Doch diese Leute wollen verständlicherweise anonym bleiben», sagt Niederberger.

Kommt Bundesrätin Ruth Metzlers geplante Verschärfung des Asylgesetzes per Notrecht beim Parlament durch, könnte sich die Situation sogar zuspitzen. Asylsuchende, auf deren Gesuch nicht eingetreten wird, erhielten ab nächstem Januar keine Sozialhilfe mehr vom Bund. Dann würden noch mehr «abgewiesene Flüchtlinge an Kirchentüren und Klosterpforten anklopfen», glaubt Jürg Schertenleib, Leiter des Rechtsdienstes der Schweizerischen Flüchtlingshilfe. Denn die Leute «würden einfach auf die Strasse gestellt ohne Kleidung und Nahrung». 2002 wären davon 6445 Menschen betroffen gewesen, im ersten halben Jahr 2003 bereits 4391.

Der Ständerat hat der Verschärfung des Gesetzes bereits zugestimmt; der Entscheid des Nationalrats war bei Redaktionsschluss noch offen.

Da laut Bundesverfassung jedem Einwohner der Schweiz das Recht auf Hilfe in Notlagen zusteht, müssten die Kantone und Gemeinden in die Lücke springen. Weil jedoch die Kantone gleichzeitig auch für die Ausschaffung zuständig sind, würden sich an Leib und Leben bedrohte Flüchtlinge davor hüten, sich zu melden, sagt Peter Nideröst, Rechtsanwalt und Ko-Präsident der Hilfsorganisation Solidarité sans frontières. Er glaubt sogar, dass dies das Ziel der Gesetzesverschärfung sei: «Man möchte die Leute loswerden. Viele werden untertauchen.»

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Oder bei der Kirche Schutz suchen. Dass Verfolgte hier Hilfe finden, gründet in einer jahrtausendealten Tradition. Schon die Ägypter und Römer kannten das Tempelasyl. In der christlichen Kirche etablierte sich das so genannte Kirchenasyl: Das ungeschriebene Recht verfestigte sich im Lauf der Jahrhunderte und fand auch optisch Niederschlag an den Kirchentüren in Form eines Löwenkopfs, dessen Nase von einem Metallring durchbohrt wird. «Sobald ein Flüchtender im Kirchhof diesen Ring zu fassen bekam, war er vor seinen Verfolgern geschützt», erläutert der Könizer Pfarrer und Kirchenasylexperte André Urwyler den Brauch.

Vielen Politikern ist das Kirchenasyl heute ein Dorn im Auge. «Die Kirche darf sich nicht über staatliche Instanzen hinwegsetzen», sagt etwa CVP-Präsident Philipp Stähelin, «sonst untergräbt sie den Rechtsstaat.» Und BFF-Sprecherin Brigitte Hauser-Süess stellt fest: «Der Staat toleriert weder das Kirchenasyl noch eine kirchliche Immunität. Wer Menschen versteckt, die sich illegal hier aufhalten, riskiert eine Gefängnisstrafe oder Busse bis zu 100000 Franken.»

Fehlentscheide haben schlimme Folgen

Der Staat entscheide praktisch hundertprozentig richtig über die jährlich mehr als 20000 Asylgesuche, ergänzt BFF-Mitarbeiter Dominique Boillat. Bei den Bundesbehörden werde «professionell und mit Herz» gearbeitet. Zudem könnten Entscheide an die Asylrekurskommission weitergezogen werden.

Doch wo Menschen arbeiten, passieren auch Fehler. Und die können schlimme Folgen haben. «Wenn wir wissen, dass die Rückkehr eines Flüchtlings dessen sicheren Tod bedeutet, ist es unsere heilige Pflicht, ihm Kirchenasyl zu gewähren», sagt Agnell Rickenmann, Generalsekretär der Schweizer Bischofskonferenz.

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Der prominenteste Kirchenmann, der dies praktizierte, ist der ehemalige Bischof Hansjörg Vogel. Er hatte vor zehn Jahren, damals noch als Pfarrer in Bern, abgewiesene Kosovo-Albaner in seinem Pfarreiheim untergebracht. Das trug ihm eine Busse von 300 Franken wegen «Beihilfe zum illegalen Aufenthalt von Ausländern» ein. Später wusch die Staatsanwaltschaft seinen Talar wieder rein und hob das Urteil auf, weil Vogel sich keiner illegalen Handlung bewusst gewesen sei.

Beim Kapuzinerkloster Wil drückte die Polizei offensichtlich beide Augen zu. Das Kloster hatte vor fünf Jahren einem zur Ausreise verpflichteten 18-jährigen Tamilen Unterschlupf gewährt. «Es war Hilfe im Notfall», sagt Vikar Fidelis Stöckli. Und sein Mitbruder Amandes erklärt: «Wir sind dazu gestanden und vermuten, dass es die Polizei gewusst hat.» Stöckli verhehlt nicht, dass er im Notfall erneut Hilfe leisten würde, «wenn ein Menschenleben geschützt werden müsste».

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