Seit sie auf der Welt ist, muss sich Armina Maissen mit wenig Platz begnügen. Als jüngste von zwölf Schwestern hatte sie als Kind nie ein eigenes Zimmer. Verzichten hat die Dominikanerin von Kindsbeinen an gelernt. Gestört hat sie dies nie, im Gegenteil, verzichten wurde Teil ihrer Lebensphilosophie. Ihr Weg verlange von ihr nicht nur Gehorsam und Ehelosigkeit, sondern auch Armut und Anspruchslosigkeit. Nur so sei sie solidarisch auch mit den Menschen, die noch weniger zum Leben hätten. «Sonst hätte ich ein schlechtes Gewissen», sagt die Schwester. Trotzdem fällt ihr von allen Entbehrungen der Verzicht aufs Reisen am schwersten.

Auch in ihren eigenen vier Wänden herrscht die auferlegte Kargheit: ein Bett, ein Tisch, ein Büchergestell, ein CD-Spieler. Auf dem Balkon kann man sich gerade mal um die eigene Achse drehen. An den Wänden hängen einige Bilder und ein Kreuz, über dem Lavabo ein Spiegelschränkchen. Mehr braucht Schwester Armina Maissen nicht. «Ich möchte gar kein grösseres Zimmer», sagt die Generalsekretärin des Dominikanerinnen-Klosters Ilanz. «Es gibt ein erfülltes Leben, trotz vieler unerfüllter Wünsche», zitiert sie ihren Leitspruch des deutschen Theologen Dietrich Bonhoeffer.

Als sie 1966 ins Kloster eintrat, musste sie sich das Zimmer noch mit sechs anderen Schwestern teilen. 38 Jahre später würde es sie «viel kosten», wenn sie ihre Bleibe wieder teilen müsste. Das eigene Zimmer im Kloster ist ihr Zufluchtsort, wenn sie sich von der Gemeinschaft der 110 Mitschwestern zurückziehen möchte. Von der Gemeinschaft, die ihr zur Familie geworden ist. «Es ist nicht einfach eine heile Welt, aber die Gemeinschaft gehört zum Inhalt meiner Berufung zum Ordensleben», sagt Armina Maissen. Wenn sie aus den Ferien zurückkehrt, erklärt sie den Leuten nicht, sie gehe zurück ins Kloster, sondern sagt, sie gehe nach Hause.

«Ich kann auch sehr gut allein sein, ohne mich einsam zu fühlen», sagt sie. Dann hört sie gerne in ihrem Zimmer klassische Musik: Mozart, Bach, Beethoven. Musik habe ihr schon über so manches Loch hinweggeholfen. Wenn sie es schwer hat, legt sie sich einfach aufs Bett, hört Musik und tut gar nichts. Das kleine Zimmer zwingt sie dazu, sich immer wieder von lieb gewordenen Dingen zu trennen. «Bei mir sammeln sich rasch viele Dinge an. Von diesen muss ich mich von Zeit zu Zeit wieder befreien.»

Die meiste Zeit verbringt Armina Maissen in den Gemeinschaftsräumen. Zwei Stunden pro Tag ist sie in der Kirche, betet, singt im Chor und meditiert oder, wie sie sagt, macht eine Betrachtung. Zwölf farbige Fenster in der Kirche sind auf die vier Wände verteilt und erzählen die Geschichte des christlichen Heils, vom Paradiesfenster in leuchtenden Grüntönen bis hin zum feurig roten Pfingstfenster. Die Wände sind weiss und kahl, nur ein Kreuz hängt an der Wand hinter dem Altar. Ein Strauss Sonnenblumen steht auf dem Betonboden. Es ist still. «Der Raum ist gefüllt mit Gebet», flüstert Schwester Armina. Als «Zweite Cantorin» ist sie mit zuständig für die Liturgie, stellt die Lieder zusammen, die die Schwestern gemeinsam singen. Sie lobt die Akustik, der Gesang werde kräftig getragen. Nur beim Sprechen verlören sich die Worte gerne im Raum. «Ich fühle mich sehr wohl hier, weil es so hell ist», sagt Armina. Als hellste aller Jahreszeiten ist ihr der Sommer denn auch die liebste. Wenn die Tage dunkel sind, müsse sie mehr an sich arbeiten, um heiter zu sein. Dunkle Tage schlagen ihr aufs Gemüt. Auch im kleinen Gebetsraum, in den sie sich gerne zurückzieht, fühlt sie sich sehr geborgen.

Wie anderen Ordensgemeinschaften in Europa fehlt auch den Dominikanerinnen von Ilanz der Nachwuchs. Seit 15 Jahren ist keine Frau mehr in dieses Kloster eingetreten. Die älteren Schwestern der Gemeinschaft werden zunehmend pflegebedürftig. Gepflegt werden sie von den Jüngeren und von Angestellten. «Wir können gar keine neuen Aufgaben anreissen, denn wir wissen nicht, ob wir die letzten sind», sagt Schwester Armina. Doch resignieren will sie nicht, denn dies sei für die Gemeinschaft auch ein Stück Armut. Und das werde schon einen Sinn haben.

Ein Leben auf Achse


Wer auf der Autobahn A1 die Ausfahrt St. Gallen-St. Fiden passiert hat, fährt geradewegs unter dem Zuhause von Elisabeth Stammler durch. Ihr Wohnwagen steht diesen Herbst auf dem Dach der Autobahngalerie. Stammler ist Schaustellerin und verbringt die meiste Zeit in ihrem Wohnwagen, dem «King of the Road», dem König der Strasse. Ihr momentaner Standplatz kann königlichen Ansprüchen kaum genügen. Doch die lärmgewohnte Schaustellerin benötigte nur zwei Nächte, um sich ans Rauschen des Verkehrsflusses zu gewöhnen. «Ab der zweiten Nacht hört man den Lärm nicht mehr», sagt sie. Meist ist sie nach getaner Arbeit ohnehin so hundemüde, dass sie trotz des Lärms schlafen kann. Nur an eine Lärmquelle kann sie sich nicht gewöhnen: an die Betrunkenen, die sich spät in der Nacht einen Spass daraus machen, um die Wette zu brüllen oder an den Wohnwagen zu klopfen.

Mit dem Lastwagen durch die Schweiz


Zwölfeinhalb Meter lang ist ihr Mobilhome. Kein Auto bringt genügend Kraft auf, um sie über Land zu ziehen, der König der Wohnwagen lässt sich nur von einem Lastwagen bewegen. Neun Monate im Jahr sind Elisabeth Stammler und ihr Lebenspartner auf Achse. Unterwegs mit ihrem 34 Meter hohen Riesenrad, der wilden Bahn «Breakdance», einem Trampolin oder mit einer Rutschbahn.

Wenn die Schaustellerin am Morgen aufwacht, weiss sie manchmal nicht, wo in der Schweiz sie gerade übernachtet hat. In Luzern, Zürich, Pfäffikon, Winterthur, Thun, Payerne, Herisau, Wetzikon, Weinfelden, Döttingen und St. Gallen haben Stammler und ihr Partner in diesem Jahr schon ihre Zelte aufgeschlagen. Kreuzlingen steht noch bevor. «An viele Orte gehe ich deshalb gern, weil ich die Altstadt sehr schön finde – wie in Thun», so Stammler. Auf andere Städte freut sie sich, weil sie Bekannte trifft oder Erinnerungen damit verknüpft. Doch am liebsten geht sie dorthin, wo ihr Geschäft gut läuft.

Trotz dem knappen Platz ist der mit Parkett ausgelegte Wohnwagen mit Sofa, Dusche, WC, Fernsehapparat, Backofen, Tiefkühler, Kaffee-, Waschmaschine und Tumbler ausgestattet.

Für Rückzug gibts keinen Platz


Die Orchidee in der Vase ist aus Plastik. Sie kommt ohne Wasser aus und ist beim nächsten Umzug rasch versorgt. In der kleinen Küche mit Glaskeramikkochherd, Backofen und Spülbecken kocht Elisabeth Stammler alles, auch Pommes frites. «Nach dem Essen kann man sehr gut lüften», sagt sie. Wenn die Waschmaschine schleudert, vibriert der Boden in der Stube, und das Licht flackert schwächlich. Um sich bei schlechter Laune zurückzuziehen, fehlt schlicht der Platz, allerdings liegt Unmut sowieso nicht drin bei der Selbständigerwerbenden. Das Geschäft muss schliesslich weitergehen.

Unverzichtbar allerdings sind für Elisabeth Stammler fliessendes Wasser und die wohnwageneigenen sanitären Einrichtungen. «Ich könnte nie auf einem Campingplatz Ferien machen. Ich würde es nicht aushalten, wenn ich die Massenduschen benutzen müsste», sagt die Nomadin. Auch wenn es sie jedes Mal Nerven kostet, wenn einer sein Auto auf dem Wasserschlauch des Wohnwagens abgestellt hat oder das Gas für warmes Wasser ausgerechnet dann ausgeht, wenn sie unter der Dusche steht.

Es gebe nichts Schöneres, als wenn spät in der Nacht der Regen auf das Dach des Wohnwagens trommle, schwärmt die Schaustellerin. «Das Geld ist verdient, und der Regen kommt wie bestellt: Dann vermiest er uns das Geschäft nicht mehr», sagt Stammler. Doch wenn der Regen anhält und es beim Aufstehen immer noch trommelt, wandelt sich die gute in schlechte Laune. Dann ist Arbeit im Regen angesagt.

Im Winter, wenn das Geschäft ruht, gönnt sie sich jedes Jahr ein paar Wochen Ferien. Dann geht sie mit ihrem Partner weg, etwa nach Thailand: je weiter und wärmer, desto besser – und keine Rundreisen! Im Urlaub bleibt sie stets stationär.

Der feste Wohnsitz lockt sie nicht


Wenn sie im Januar zurück aus den Ferien kommt, verbringt sie den Rest des Winters in ihrer Stadtwohnung in Zürich. «Es fällt mir jedes Mal schwer, mich wieder in der Wohnung einzurichten», sagt die Schaustellerin. Kaum hat sie sich nach drei Monaten an das sesshafte Leben gewöhnt, ist es schon wieder Zeit aufzubrechen, zur nächsten Tour quer durch die Schweiz.

Quelle: Gerry Nitsch