Sein Blick fährt gemächlich den Stamm hoch und bleibt bei der Krone in 25 Metern Höhe hängen. «Dem Baum geht es super», sagt Oliver Hess. Eigentlich kein Wunder: Bei einer Lebenserwartung von bis zu 300 Jahren gehört eine Eiche noch lange nicht zum Brennholz. Und doch ein Wunder: Der Baum auf dem Landwirtschaftsbetrieb Neuhof in der Luzerner Gemeinde Hildisrieden trägt eine exklusive Last. Er beschirmt das erste und grösste frei schwebende Baumhaus der Schweiz und steht bei einer Belegung von maximal 30 Personen für eine Gesamtlast von 24 Tonnen grad.

Dass es dem Baum «super» geht, ist für Oliver Hess, Lebenskünstler und Initiator der ausgeklügelten Konstruktion in luftiger Höhe, erstes Gebot. Der Respekt vor der Natur überzeugte auch seinen ehemaligen Schulkollegen Urs Amrein. Der Meisterlandwirt und Betriebsleiter des elterlichen Hofs erklärte sich bereit, ein geeignetes Objekt zu suchen. Die Wahl fiel auf eine 70-jährige Eiche. «Mein Vater sah den Baum heranwachsen», sagt Jungbauer Amrein. «Dieser ist tief im Boden verwurzelt.» Keine andere heimische Baumart sei so sturmfest und habe so hartes Holz.

Bevor Oliver Hess die Ausführung seines Traumprojekts an die Hand nahm, kletterte er einen halben Tag lang mit nackten Füssen im Geäst der Eiche herum und fühlte ihr den Puls. «Die positiven Energien bestätigten mich in der Wahl», resümiert der 34-jährige Ex-Junkie und Vater zweier Söhne. Also gelobte der ebenso feinfühlige wie feingliedrige Tausendsassa: «Die Integrität des Baums bleibt unangetastet.»

Die Auserwählte hielt allen Kriterien stand. Auch an der momentanen Statik gab es nichts zu rütteln. Ob und wie sich die Festigkeit und Härte von lebendigem Holz verändert, konnte aber niemand voraussagen. Von den rund 20 Förstern, die den Baum begutachteten, war jeder von seiner eigenen, sprich anderen Meinung überzeugt, wie Amrein erzählt.

Auf verschlungenen Wegen wandelten auch die Verantwortlichen der Gemeindebehörde und der kantonalen Gebäudeversicherung: Sie konnten sich auf keine Vorschriften oder Richtlinien für die Gestaltung und Sicherheit von Baumhäusern abstützen. Generell müssen landwirtschaftliche Nutzbauten im Hofinnern erstellt werden. So weit, so gut. Die Eiche steht aber unverrückbar in der Landwirtschaftszone. Mehr noch: Sie hat mit ihren Wurzeln just auf der Grenze zweier Landwirtschaftsbetriebe und der beiden Gemeinden Hildisrieden und Sempach Fuss gefasst; also mussten zusätzlich ein Näher- und ein Überbaurecht eingeholt werden.

Gewohnt werden darf hier nicht

Behörden und Initianten einigten sich, das Bauwerk mit Terrasse für Seminare, Schulungen, Sitzungen und Apéros freizugeben. In der Miete des Hauses ist eine kurze Betriebsführung auf dem Neuhof inbegriffen. Als privater Wohn- und Schlafraum hingegen darf das Rondell nicht genutzt werden.

Oliver Hess sitzt auf der südlich ausgerichteten Terrasse knapp sechs Meter über dem Boden und späht hoch ins Eichenlaub. Ein breites Stirnband über den Ohren hält seine blonden Locken zusammen. «Super», sagt er einmal mehr und zeigt auf einen versteckten Vogel. «Das ist ein Kleiber, der einzige Vogel Europas, der mit dem Kopf voran an Baumstämmen nach unten klettern kann.»

Der Baum hatte stets das letzte Wort

Für das Wort «super» findet er inzwischen noch eine Steigerung: «Der Baum ist genial.» Er vertraue ihm und bringe ihm Respekt entgegen. Im Baumhaus sieht er eine «Symbiose aus Mensch und Natur». Hier fühle er sich abgehoben und doch in der Erde verwurzelt. Als er zusammen mit Urs Amrein für das technische Konzept und die Konstruktion mit Fachleuten verhandelte, hielt er sich immer an den Leitsatz: «Der Baum ist unser Architekt, wir haben uns nach ihm zu richten.» So stand etwa nie zur Diskussion, Äste abzusägen, nur um die Plattform höher bauen zu können.

Damit die Eiche unbeschadet wachsen kann, nahmen sich die Bauherren vor, ganz ohne Schraubenverbindungen zum Stamm auszukommen. Ergebnis: Die sechseckige Plattform ist mit verstellbaren Gurten an der Gabelung des Hauptstamms fixiert, sechs Strebenböcke mit Stabdübelverbindungen halten die Tragkonstruktion zusammen. Nur für den Balkon kamen zur Abstützung zwei Rundhölzer zum Einsatz.

Weil Kupfer der Eiche nicht zuträglich ist, wurde für den Blitzableiter eine Speziallegierung gewählt. Im Hausinnern selbst ist der Stamm mit Holz eingeschalt, damit ihn im Winter die Heizung nicht aus dem Konzept bringt. Ein Fenster gibt den Blick auf den Baum frei. Der offene Raum ist auf diese Weise optimal isoliert. Bautechnisch ist das Baumhaus auf mindestens 20 Jahre ausgerichtet.

Die einstigen Schulkollegen Oliver Hess und Urs Amrein sind ein auffallend ungleiches Paar – «Kontrastprogramm», wie der mittlerweile geerdete Luftibus Hess lachend feststellt. Während das Leben des Meisterlandwirts und Buchhalters Amrein bis zum Betriebsleiter des elterlichen Hofs seinen geregelten Lauf nahm, kratzte der rebellische Hess schon während der Schulzeit die Kurve, fand aber auf den geraden Kurs zurück.

Nach dem Drogenausstieg klemmte sich Hess hinter eine vierjährige Lehre als Offsetdrucker und schloss die Ausbildung mit Bestnoten ab. Dann baute er in Luzern in Eigenregie eine alte Metzgerei zu einem trendigen Trekkingladen um; später verkaufte er das Geschäft, um vorübergehend ganz für seine heute acht- und elfjährigen Buben da zu sein – «mein Heiligtum». Seinem Traum vom Schafhirten kam er einen Schritt näher, nachdem er ein Bauernjahr auf dem Amreinschen Neuhof absolviert und die Mutterkuhhaltung kennen gelernt hatte. Dazwischen liess er es sich immer wieder auf fremden Kontinenten wohl sein, mit Vorliebe auf der Karibikinsel Tobago, gab sich dem Bogenschiessen hin und begeisterte sich fürs Segelfliegen.

Inzwischen hat Oliver Hess mit einem Fuss wieder in Sempach Tritt gefasst und seinen Lebenstraum vom Schafhirten teilweise in die Tat umgesetzt: In einer Scheune in Hildisrieden hegt und pflegt er heute eine Herde von 30 Walliser Schwarznasenschafen. Die lockigen Felle dieser archaischen Rasse – der einzigen gehörnten der Schweiz – lässt er zu Modeaccessoires verarbeiten. Muss eines der Tiere geschlachtet werden, fährt Hess das Schaf auf dem Beifahrersitz seines Autos zur Metzgerei und betäubt es selber. Wenn er spürt, «dass es kein Tag zum Sterben ist», verschiebt er den Termin.

Auch was die Welt im Innersten zusammenhält, fasziniert das Multinaturtalent. Begeistert nahm er darum das Angebot an, während zehn Tagen pro Monat in die Wunderwelt der Nanotechnologie einzutauchen und an einem Projekt für die Baubranche mitzutüfteln. Auf seiner «rollenden Traumliste» steht neben dem Leben als Schafhirt das Leben in einem eigenen Wohnbaumhaus – einem sechsstöckigen. «Ich werde es bestimmt einmal bauen», sagt Hess. So bestimmt, wie aus ihm einmal ein richtiger Schafhirt werde.

Auf seiner rollenden Traumliste steht zudem das Wort Rotmilan, einer der elegantesten Vögel dieser Welt. Für ein Leben nach dem Tod.

Buchtipp

David Pearson: «Baumhäuser»; AT-Verlag, 2001, 96 Seiten, Fr. 26.90

Quelle: Andreas Eggenberger
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