Wir haben nun seit fast 20 Jahren keinen schönen Winter mehr gehabt», klagt Marcel Blondeau. «Schnee, Regen, Schnee – es fehlt die Konstanz.» Dann springt er auf, verschwindet in seinem Büro und kommt mit einem Stapel schwarzer Notizbücher zurück. «Voilà: Samstag, 5. Januar 1985. Keine Wolke am Himmel, es ist windstill. Minus 40,5 Grad am Morgen», liest er. In seinen Augen flackert Fieber. «Am Sonntag, 6. Januar: minus 40,6 Grad. Am Montag, 7. Januar: minus 41,2 Grad. Es war dann fast eine ganze Woche lang unter 40 Grad. Das waren noch Winter. Da knisterte es, wenn man über den Schnee ging», so Blondeau begeistert.

Über eine Stunde hat er vom Wetter in La Brévine, dem kältesten Ort der Schweiz, erzählt. Nun ist es, als würde er sich zum ersten Mal mit den klimatischen Eigenheiten seiner Heimat auseinander setzen. Es ist ein ewiges Staunen. «Ich erinnere mich genau an jenen Samstagmorgen im Winter 1985. Es war einer meiner wenigen Freitage. Ich war beim Langlaufen in Les-Ponts-de-Martel, keine 20 Kilometer von hier, als wir von diesem Temperaturtief am Radio hörten. Ich konnte es erst kaum glauben. In Les Ponts-de-Martel war es nur minus 16 Grad», sagt er und lacht. «Es ist oft meine Vertreterin gewesen, die solche Kälterekorde übermitteln konnte.»

Das Klimaphänomen von La Brévine, weit hinten im Neuenburger Jura, ist gemäss Meteo Schweiz simpel: Das Hochtal auf gut 1000 Meter über Meer bildet im Winter einen so genannten Kaltluftsee. Das Tal ist rundherum relativ gut abgeschlossen, so dass die Kälte, die sich am Talgrund sammelt, nicht abfliessen kann. Bedingungen für extreme Kältetage sind ein klarer Himmel und Windstille.

Die Sonne drückt die Kälte ins Tal

Marcel Blondeau ist der Mann, der für Meteo Schweiz fast 30 Jahre lang – von 1969 bis 1997 – dreimal täglich die Wetterwerte von La Brévine erfasst und übermittelt hat. Es galt, jeden Morgen, Mittag und Abend Durchschnittstemperatur, Temperaturmaximum und -minimum, Windrichtung und -geschwindigkeit, Feuchtigkeit, Wolkenbildung und Niederschlag festzuhalten. «Exakt um 7.30 Uhr musste ich jeweils das Thermometer ablesen. Eigentlich zu früh, denn die wahren Tiefstwerte wurden bei uns immer erst eine Stunde später gemessen. Dann, wenn im Winter die Sonne über den Bergkamm kriecht und die Kälte nach unten in den Talboden drückt», weiss Marcel Blondeau.

In den Anfangsjahren bekam Blondeau für seine Tätigkeit 700 Franken im Jahr, später waren es gegen 5000 Franken. Daneben betrieb er jahrelang eine eigene Sägerei, danach arbeitete er auf der Post in La Chaux-de-Fonds. Das Erfassen der Wetterwerte «war mehr ein Hobby», sagt er. Heute verrichtet diese Arbeit ein Computer. Aber Blondeau ist noch immer ein passionierter Meteorologe. Drei Thermometer hat er um sein Haus montiert, um zu jeder Tageszeit die exakte Temperatur messen zu können. Und noch immer führt er Buch über die tägliche Wetterentwicklung.

«Im Tal kursiert die Sage, dass ein kalter Winter kommen wird, wenn die Eichhörnchen sehr viele Nüsse sammeln. Das ist natürlich Unfug», meint er. Dennoch gibt er den Mythos gern weiter. Denn irgendwie scheint jeder in der 700-Seelen-Gemeinde seine eigene Methode zu haben, das Wetter zu lesen. Messgeräte spielen dabei eine untergeordnete Rolle. «Das Wichtigste ist die Feuchtigkeit», erklärt Blondeau. «Wenn das Tal breit und weit ist, dann bleibt das Wetter gut. Wird es eng, steht ein Wetterumschwung bevor.»

Die Bauern lesen in der Natur. Auch Henri und Bluette Huguenin, die jeden Tag durch die Wälder ihres Tals streifen, seit sie ihren Bauernhof aufgegeben haben. Mit ihrem kleinen Regenschirm zeigt Bluette Huguenin auf ein dünnes, hochgewachsenes, strohgelbes Gewächs. «Das ist eine Gentiane. Man sagt, die Pflanze zeige, wie hoch im Winter der Schnee fallen wird», sagt sie in der Stille eines kalten Herbstmorgens. Die Gentiane ist fast so gross wie sie selbst. «In der Natur gibt es immer etwas zu lernen», murmelt sie und wandert langsam weiter.

Im Tal liegt dichter Nebel, und je weiter Henri und Bluette Huguenin auf ihren verschlungenen Pfaden den Berg in Richtung französische Grenze hinaufsteigen, desto dichter und heller wird der Dunst. Plötzlich reisst es auf: Die Sonne schlägt sich durch das Geäst, und der Nebel gibt die Sicht auf das weite Tal frei. Es sind dichte Mischwälder, die das Vallée de la Brévine einfassen, durchzogen von niedrigen Trockenmauern, die das Tal in rechteckige Parzellen unterteilen.

«Früher hatte jeder Bauer ein Stück Land, das von der Talmitte bis zum Bergkamm reichte», erklärt Henri Huguenin, der selbst 45 Jahre in dieser mystisch-herben Landschaft gewirtschaftet hat. Im Tal wurde einst Torf gestochen, am Hang weidete das Vieh, am Berg wurde Holz geschlagen. Im Tal der kalten Winter mussten die spärlichen Ressourcen geteilt werden. Die eigenwilligen Jurassier teilten auch mit Fremden, wenn ihnen deren Sache einleuchtete.

«Über diesen Hügel kam während des Zweiten Weltkriegs regelmässig Michel Hollard», berichtet Henri Huguenin. Hollard, ein Held der französischen Résistance, passierte mehr als 100 Mal die französisch-schweizerische Grenze bei La Brévine und schmuggelte Kriegspläne der Nazis nach Bern, wo er sie dem englischen Botschafter überbrachte. Der «Retter von London» hatte so seine Tricks. «Er lief auf den Zäunen, um im Schnee keine Spuren zu hinterlassen», weiss Huguenin. Und die abgelegene Talschaft unterstützte ihn nach Kräften: Um Hollard etwa zu signalisieren, dass die Luft rein war, liessen die Bauern jeweils ihre Scheune offen stehen. Waren aber Nazis in der Nähe, waren die Tore verschlossen.

«Von hier aus konnte man früher den Alpenbogen sehen», sagt Bluette Huguenin auf der Krete beim Grenzstein 74. Das hier sei einst mehr Weide denn Wald gewesen. «Es ist wie mit den Pilzen: Auch Bäume wachsen Tag und Nacht», sagt sie. Dann wandern die beiden wieder heimzu, sie in einem leuchtend roten Regenmantel, er in seinem blauen Übergewand.

Gentiane ist ihr Lebenselixier

«Ich bete, dass ich keine 100 Jahre alt werde», brummelt Gabriel Cuenot im Nachbardorf Le Cerneux-Péquignot. Schon sein Vater sei 91 geworden, sagt er. Ein Diktator sei er gewesen. «Keinen einzigen Tag in seinem Leben hat er im Bett verbracht – dank der Gentiane», ist Cuenot überzeugt. «Glücklicherweise absolvieren wir nur ein Leben. Ich möchte nicht noch einmal 50 Jahre ranmüssen», sagt er und trinkt einen Schluck seines Elixiers.

Bereits in der dritten Generation destilliert Gabriel Cuenot aus den Wurzeln der Gentiane einen Schnaps. Noch vor 50 Jahren gab es im Vallée de la Brévine 20 anerkannte Gentiane-Destillerien. Die Gentiane war sozusagen das Lebenselixier des Tals, ein Begleiter durch lange und kalte Winter, ähnlich dem Absinth im Nachbartal Val de Travers. «Ich sage schon seit mehr als zehn Jahren, dass ich aufhören will», meint der 74-Jährige. Einst habe er 30 Fässer jedes Jahr gefüllt, heuer seien es nur noch sechs gewesen. «Die Gentiane wird mit mir verschwinden», ist Cuenot überzeugt.

Die Gentiane ist ein eigenwilliges Gewächs. Der Bauer mag das wilde Kraut nicht, die Kühe fressen es nicht, aufziehen lässt es sich auch nicht. Und um daraus Schnaps zu machen, ist die Pflanze denkbar ungeeignet, da ihr Zuckergehalt sehr niedrig ist. «Es braucht schon eine gute Portion Leidenschaft, um mit diesem Gewächs einigermassen erfolgreich zu sein. Allein die Fermentation der Wurzeln in Gang zu setzen ist sehr anspruchsvoll», meint Gabriel Cuenot. Aber was man aus der Pflanze gewinnen kann, sei mehr Medizin als Schnaps, gut für die Verdauung und den Kreislauf. «Man muss sie trinken, bevor man Schmerzen hat, hat mein Grossvater immer gesagt.»

«Wer einen Winter in La Brévine verbringt, muss toll sein, um es nicht dort zu werden», schrieb einmal der französische Schriftsteller André Gide. «Ich hoffe nur, dass der Mythos mit der Schneehöhe und der Gentiane nicht stimmt», sagt Gabriel Cuenot. Denn so schön wie dieses Jahr habe er die Gentiane noch nie blühen sehen. «Ich bin überzeugt: Die Kälte hält uns länger am Leben. Aber je älter ich werde, desto weniger ertrage ich sie.»

Quelle: Alexander Jaquemet
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