Was haben Sie heute morgen als Erstes gehört, als Sie aus dem Haus kamen? Vogelgezwitscher? Das Rauschen des Windes?

Wenn Sie in der Stadt oder in der Agglomeration wohnen, war es wahrscheinlich eher das Brummen von Motoren, Hupen, Stimmengewirr vielleicht sogar das Dröhnen eines Flugzeugs. Und falls Sie sich durch den Lärm gestört fühlen, ergeht es Ihnen wie der Mehrzahl der Bevölkerung. Laut einer Studie des Sozialpsychologen Alexander Lorenz leiden 64 Prozent der Menschen in der Schweiz «an einem oder mehreren Orten» unter Lärm.

Am lärmigsten empfinden die Befragten den Einkaufsort, danach folgen Wohnquartier, Arbeitsplatz und Wohnhaus. Der Lärm des Strassenverkehrs wird zusammen mit den Autoabgasen als grösstes Umweltproblem im Land wahrgenommen. Die Weltgesundheitsorganisation WHO spricht sogar von «Lärmverschmutzung» und plädiert für ein «Recht auf Ruhe».

Jeder zehnte Mensch in der Schweiz ist einem Lärm ausgesetzt, der den Immissionsgrenzwert von 60 Dezibel überschreitet; das entspricht einem vorbeifahrenden Auto in 15 Meter Distanz (siehe Tabelle «Lärmquellen», Seite 6). Allein in der Stadt Zürich gibt es über 200 Kilometer Strassen, an denen dieser Wert jeden Tag überschritten wird. In den Landgemeinden des Kantons liegt jedes achte Gebäude in Gebieten mit übermässigem Lärm. Laut der Studie von Lorenz würde die Hälfte der Befragten einen höheren Mietzins in Kauf nehmen, um eine ruhigere Wohnung zu haben in der Regel 200 bis 500 Franken mehr pro Monat.

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Doch die wenigsten Lärmopfer handeln. Knapp zwei Drittel der lärmgeplagten Personen geben an, nichts unternommen zu haben. Lorenz: «Ob dieses Nicht-Verhalten als Hilflosigkeit, Gleichgültigkeit oder Resignation zu interpretieren ist, bleibt offen.»

Dabei hätten die Geplagten guten Grund zu handeln, denn die Folgen für die Gesundheit sind dramatisch: Ein konstanter Schallpegel von mehr als 60 Dezibel gilt als schädlich. Die häufigsten Folgen sind Konzentrations- und Kommunikationsschwierigkeiten, Schlafstörungen sowie allgemeines Unwohlsein. Ab einem durchschnittlichen Schallpegel von 85 Dezibel verursacht Lärm irreversible Schäden am Innenohr.

Der Lärm geht ans Herz

Chronische Lärmbelastung kann auch lebenswichtige Organe dauerhaft schädigen. «In Wohngebieten mit permanent hohem Lärmpegel treten häufiger Herzinfarkte auf», sagt Bernhard Aufdereggen, Präsident der Ärztinnen und Ärzte für Umweltschutz. Wichtig zu wissen: Eine Differenz von zehn Dezibel nehmen wir als Verdopplung des Lärmpegels wahr.

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Das Lärmempfinden ist allerdings sehr subjektiv: «Es gibt Leute, die sich bei Geräuschen von 80 Dezibel noch nicht gestört fühlen», sagt Markus Schwab, Akustiker in Basel. Auf der andern Seite leiden Lärmempfindliche auch schon bei weit tieferen Werten.

Grösste Lärmquelle ist der Verkehr rund 80 Prozent des störenden Lärms trägt er bei. In der Schweiz leben mehr als drei Millionen Menschen an Orten mit einem nächtlichen Lärmpegel von 46 Dezibel. Viele von ihnen wachen aber schon bei einem Lärmwert von 30 Dezibel auf. Sie können nur bei geschlossenem Fenster ruhig schlafen.

Das Gehirn filtert zwar den Lärm, damit man sich auf eine Tätigkeit konzentrieren oder ruhig schlafen kann. Doch permanente Lärmbelästigung überlastet diesen natürlichen Filter mehr und mehr. Als Folge davon schüttet der Körper Stresshormone wie Adrenalin, Noradrenalin und Cortisol aus. Puls und Atmung beschleunigen sich, der Blutdruck steigt, die Muskeln verspannen sich.

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Die Lärmgeplagten brauchen nicht einmal aufzuwachen, um die genannten Stresshormone auszuschütten. Bei lärmempfindlichen Menschen kann dies auch im Schlaf geschehen mit der Folge, dass der für die Erholung wichtige Tief- und Traumschlaf gestört wird.

Auch Musik kann Lärm sein

Allerdings ist es nicht nur der Umgebungslärm, der einem auf die Nerven gehen kann. Auch die laute Musik bei den Nachbarn oder das Surren eines Kühlschranks sind alltägliche Lärmquellen. Immerhin besteht in solchen Fällen noch die Möglichkeit, selber aktiv zu werden, sei es, dass man mit den Nachbarn redet oder mit der Hausverwaltung.

Weit aufwändiger ist es, sich gegen Lärmbelastungen von aussen zu schützen. Zwar gibt es eine Reihe von baulichen Massnahmen wie zum Beispiel das Installieren von Schallschutzfenstern. Doch das ist oft kostspielig und bringt auch nicht immer den gewünschten Effekt. Deshalb bleibt in vielen Fällen nur der Auszug aus der Wohnung.

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