Drei Personen lagen am Schluss der Keilerei aufeinander, alle über 50 und nicht vorbestraft: zuunterst Per Jacobsen (Name geändert), gebürtiger Däne, darauf Frederik Huizinga, gebürtiger Holländer, und zuoberst seine Frau Sandra. Auch Jacobsens Partnerin Helga Sacher hatte ihren Teil abbekommen, sich aber bereits ins Haus abgesetzt. In der Folge schwoll Frederik Huizingas Auge an und verschloss sich für einige Tage. Per Jacobsen trug einen gebrochenen Mittelhandknochen und ein paar weitere Verletzungen davon.

So geschehen in der Siedlung Nelkenhain, die dem Besucher als Idylle erscheint. Am Rand einer mittleren Zürcher Gemeinde erbaut, bietet sie den Bewohnern den Blick ins Grüne und das Naherholungsgebiet gleich vor der Tür. Als Eigentümer sind soziale Wesen gefragt: Die Hauseingänge liegen nahe beieinander, die Heizung ist gemeinsam, und die Terrasse des einen Hauses bildet die Wohnzimmerdecke des darunter liegenden.

«Das war nie ein Problem», betonen Sandra und Frederik Huizinga, die seit zwanzig Jahren im Nelkenhain wohnen, «da haben über ein Dutzend Kinder ihre Jugend verlebt, wir haben einander in den Ferienzeiten Katzen und Vögel gefüttert.» Streit habe es erst gegeben, als Per Jacobsen und Helga Sacher vor zwei Jahren eingezogen seien. Doch Jacobsen sieht sich nicht als Sündenbock: «Ich bin ein friedfertiger Mensch, aber ich lasse mir meine Rechte nicht beschneiden.»

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Nach seinem Einzug kämpfte Jacobsen zuerst gegen die Unbill der Witterung. Der Jahrhundertschnee von 1999 setzte sich auch auf den Pflanzen und Bäumchen fest, die Frederik Huizingas Terrassenrand schmücken. Ab und zu fiel eine Ladung der weissen Pracht auf Jacobsens Terrasse. «Das war wirklich gefährlich, mein junger Hund wäre beinahe erschlagen worden», sagt der Däne.

Jacobsen verlangte von Huizinga die Entfernung aller Pflanzen, was dieser ablehnte. Schliesslich entschied das Bezirksgericht: Die Sträucher können bleiben, dürfen aber nicht über den Rand von Huizingas Terrasse herausragen. Für Jacobsen war dieser Gerichtsentscheid ein Hinweis dafür, dass sich der Filz des Nelkenhains auch auf das Bezirksgericht und die Gemeinde erstreckte.

Weitere «Beweise» des Filzes offenbarten sich ihm recht schnell. In seinem neuen Heim stiess er auf feuchte Stellen. Seine Recherchen ergaben, dass vor zwei Jahren ein massiver Wasserschaden aufgetreten sei. Der frühere Eigentümer habe zwar Versicherungsleistungen bezogen, aber nichts saniert. Ein Versicherungsbetrug, dessen Leidtragender er nun sei! Auch Huizinga habe das gewusst. Als er beim Bezirksgericht vorsprach, habe er einen Präsidenten «voll Hass und Abneigung» angetroffen.

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Dann war da noch die Auseinandersetzung mit einem Jugoslawen, der in der Nähe des Nelkenhains zu schnell gefahren sei. Er, Jacobsen, habe ihn angehalten und ihm an die Schulter getippt. Wahrscheinlich sei es ein Drogenhändler gewesen. Und wer hat diese Begebenheit komplett verdreht und behauptet, er habe den Mann ins Gesicht geschlagen? Natürlich eine Bewohnerin des Nelkenhains.

Rasch stellte der diplomierte Elektroinstallateur Jacobsen auch fest, dass die gemeinsame Heizung aller Terrassenhäuser dilettantisch gewartet wurde. Er gab den Tarif durch: Sollte dies so bleiben, werde er den Abrechnungsschlüssel nicht mehr akzeptieren. Eventuelle Schäden an seinen Bodenbelägen werde er dann verrechnen.

Der 18. Dezember stellte den Wendepunkt dar: Der verbale Streit wurde handgemein. An diesem Tag installierte Per Jacobsen einen Abzugsschlauch für seine Küche, der unterhalb des Büros von Frederik Huizingas Haus endete. Huizinga schaute sich die Sache an, fummelte auch daran herum, worauf Helga Sacher erschien. Er bezeichnete die neue Einrichtung als «Scheiss», denn er fürchtete die Gerüche der dänischen Küche. Über den Fortgang der Geschichte gibt es zwei Varianten:

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  • Gemäss Jacobsen/Sacher rastete Huizinga aus. Er habe Helga Sacher einen Stoss versetzt, dass sie förmlich in ihren Hauseingang «flog». Jacobsen sei herbeigeeilt und habe zuschlagen müssen, um den rasenden Holländer abzuwehren.

  • Frederik Huizinga aber erzählt, dass ihm Jacobsen ohne Vorwarnung einen Schlag aufs Auge versetzt und ihn nachher in den «Schwitzkasten» genommen habe. Seine Frau sei ihm zu Hilfe geeilt. Am Schluss seien alle drei gestürzt.

Zeugen dafür gibts keine. Das Bezirksgericht sprach Per Jacobsen schuldig und verurteilte ihn zu 45 Tagen Gefängnis bedingt. Seine Schilderung taxierte es als wenig glaubwürdig. Die Affäre mit dem Jugoslawen zeige, dass er gelegentlich zu Brutalität neige. Das Urteil listete auch weiteren Streit auf, was den Eindruck erweckte, Jacobsen sei ein ruheloser Störenfried.

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Für Jacobsen war es bereits eine ausgemachte Sache, dass das Bezirksgericht Teil des Filzes ist, der den Nelkenhain regiert. Er zog das Urteil ans Obergericht weiter. Und die Optik des Obergerichts war tatsächlich eine andere: «Nicht die menschlichen Qualitäten des Angeklagten sind ausschlaggebend, sondern der materielle Gehalt der Aussagen. … Ob er bei anderer Gelegenheit nicht die Wahrheit gesagt hat, ist nicht von Bedeutung.» Die Affäre mit dem Jugoslawen wurde nicht mehr geprüft, da sie in einem anderen Zusammenhang stehe. Auch auf die anderen Streitigkeiten im Nelkenhain ging das Obergericht nicht mehr ein.

Nach dem Urteil neue Schikanen
Die Aussagen Jacobsens aber taxierte das Obergericht als nicht unglaubwürdig. Zum selben Schluss kam es bei den Aussagen des Ehepaars Huizinga. Die Folge: Alle vier Personen mussten freigesprochen werden. Frederik Huizinga hat Mühe mit dem Urteil, doch er akzeptiert es.

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Jacobsen und seine Partnerin aber sehen sich in ihrer Ansicht bestätigt, dass nur eine höhere Instanz in der Lage ist, den Filz am Nelkenhain auszuschalten. Doch nicht für immer. Nach dem Urteil hätten die Schikanen wieder begonnen – und er habe sich wieder wehren müssen.

So habe Huizinga von der Dachterrasse her die Isolation seines Wohnzimmers beschädigt. Das Bezirksgericht muss sich demnächst damit befassen. Im Weiteren führte Jacobsen einen Rechtsstreit gegen seine Nachbarin zur Rechten; sie habe ohne Baubewilligung einen Wintergarten errichtet. In diesem Fall hat das Verwaltungsgericht entschieden – der Wintergarten kann bleiben. Probleme hat Jacobsen auch mit dem Statthalter, der ihm und seiner Partnerin den Waffenschein verwehrt hat. «Ich werde auf mein Recht pochen», sagt er, «schliesslich hat das Obergericht festgestellt, dass ich nicht brutal bin.»

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Ein Ende der Querelen ist nicht abzusehen. Und so fragt denn ein beteiligter Anwalt, «ob die Justiz überhaupt jemals den Bewohnern im Nelkenhain den Frieden bringen kann».