Doch stimmt das überhaupt? Ist die sogenannte Wohnungsnot nicht ein furchtbar hochgespieltes Thema? Ein «Medienspektakel», wie der Hauseigentümerverband vor ein paar Wochen verlauten liess?

Nehmen wir zum Beispiel meinen Wohnort Zürich und schauen auf eines der grossen Immobilienportale im Internet. Sofort finden wir zahlreiche Angebote!

  • Hier: eine lauschige Zweizimmerwohnung im Tiefparterre für 2600 Franken. Schön gelegen am Stadtrand, wo sich Fuchs und Autobahn gute Nacht sagen.
  • Und hier: zentral gelegene Dreizimmerwohnung. Direkt an der Rosengartenstrasse. Balkon mit guter Fernfahrersicht, überdachter Innenhof mit Feinstaubpartikelfilter, Spannteppich mit apartem Muster sowie Fototapete, nur 2250 Franken.
  • Oder weiter: exklusiv möblierte Wohnung an bester Lage. Raumhöhe 4,5 Meter, Food-Center, Dachterrasse, eigenes Kellerabteil mit Schwimmbad, Helikopterlandeplatz. Für nur 11'800 Franken zu haben (exkl. Nebenkosten).

Gewiss, einige Leute klagen, dass es zwar Wohnungen gebe, diese aber trotz gesunkenem Referenzzinssatz für viele Familien zu teuer seien. Dass es vor allem an bezahlbarem Wohnraum fehle und der Mittelstand durch Reiche verdrängt werde.

Doch was ist eigentlich schlimm daran, wenn in der Stadt nur noch Superverdiener leben und ein Teil der Leute wegziehen muss? In der Stadt ist es ja im Grunde nicht so toll. Die wahre Schweiz findet man auf dem Land, nah an der Scholle. Die Schweiz, das ist das Mittelland. Nicht Zürich-West und Langstrasse, sondern die Autowaschstrasse am Samstag. Nicht «Kronenhalle», sondern Raststätte Würenlos. Nicht Bahnhofstrasse, sondern Shoppi und Tivoli Spreitenbach.

Die Kinder in den Fernen Osten

Wie heisst es doch noch so schön: «Aggloluft macht frei.» Und das tägliche Pendeln mit dem öffentlichen Verkehr hat unübersehbare Vorteile: Man bleibt zum Beispiel immunologisch immer up to date. Niest einem in der S-Bahn der Mann vis-à-vis aus voller Nase ins Gesicht, ist man gratis und franko mit den neusten Viren geimpft. Das spart Gesundheitskosten.

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Und fährt man im Vierertram ins Seefeld, wird man in naher Zukunft seine Englischkenntnisse auffrischen können: «Information of the Züri-Line. Watertubebreak at the Opera. The route Kreuzstrasse–Ledermannstrasse is underbroken.»

Wer es nicht lassen kann und in der Stadt wohnen will, muss sich halt anstrengen. Nicht immer nach dem Staat rufen. Kreativität und Flexibilität sind gefragt!

Wenn einem also der Vermieter nach langer Suche die passende 4,5-Zimmer-Wohnung nicht geben will, weil er meint, mit den drei Kindern sei die 120 Quadratmeter grosse Bleibe definitiv überbelegt, dann muss man halt eines der Kinder weggeben. Outsourcen! In den Fernen Osten. Zu den Grosseltern in den Thurgau.

Hat man keine Grosseltern und wird der Platz in der bestehenden Wohnung wegen des Nachwuchses knapp, so verlege man zum Beispiel das Kinderzimmer auf den Küchenbalkon. Frische Luft ist gesund, und in der Waldspielgruppe sind die Kleinen ja auch den ganzen Tag draussen.

Bei Platzmangel überdenke man die Funktionen der Inneneinrichtung. Die Winterstiefel können auch im Gefrierfach verstaut werden. Bücher finden auf dem Fenstersims Platz. Kochtöpfe sind auch Fussschemel. Das Bett auch ein Tisch. Und überhaupt: Braucht jedes Familienmitglied ein Bett? Man kann mit etwas gutem Willen auch in der Badewanne schlafen.

Also, wo ist das Problem?