Auf dem Markt für Mietwohnungen in den Zentrumsregionen von Zürich über Winterthur bis nach Zug und Luzern herrschen Zustände wie im Wilden Westen. Mieter und Kaufinteressenten kämpfen mit allen Mitteln um die besten Wohnungen, nicht selten fliesst Geld unter der Hand. Es sind die Symptome eines Verteilkampfs, der immer härter geführt wird und dessen Auswirkungen auf das Sozialgefüge für die Schweiz dramatischer sind als alle Abzockerboni oder Steuerprivilegien.

Was ist passiert? Die Mietpreise kletterten in den letzten zehn Jahren in fast allen grösseren Agglomerationen um 35 bis 60 Prozent. An guten Lagen werden Mieten auch mal verdoppelt. Die Devise auf dem Markt, so berichtete der «Tages-Anzeiger» unlängst, heisst «Vogel friss oder stirb».

Dieselbe Entwicklung ist beim Wohneigentum zu beobachten. Kostete etwa eine Vierzimmerwohnung an einigermassen guter Lage in Zürich vor vier Jahren noch eine Million, sind es heute mindestens 1,3 Millionen. Der Traum von den eigenen vier Wänden rückt damit für die Mittelschicht trotz allen Sparanstrengungen mit jedem Jahr in immer weitere Ferne. Das ist eine neue Entwicklung – und sie ist brandgefährlich.

Leistung zählt immer weniger

Ein wachsender Teil der Bevölkerung fühlt sich mehr und mehr chancenlos oder gar betrogen. Denn während die steuerbegünstigten Liegenschaftsbesitzer ohne Anstrengungen immer vermögender werden, haben die meisten Mieter jedes Jahr weniger im Portemonnaie. Statt auf eine finanziell unsichere Zukunft hin sparen zu können, geht immer mehr Geld drauf fürs Wohnen.

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Schliesslich sind die Wohnkosten neben den Gesundheitskosten der wichtigste Budgetposten im Haushalt. Wenn diese Aufwendungen Jahr für Jahr deutlich stärker steigen als das Einkommen, bleibt Resignation zurück: Was man auch tut, wie sehr man auch rackert, auf einen grünen Zweig wird man es nicht mehr bringen.

Diese Entwicklung trifft die Schweiz ins Mark. Es ist der Leistungsgedanke, der die Schweiz stark gemacht hat und im Inneren zusammenhält. Wer will, wer sich nur genügend einsetzt, der kann es schaffen. Dieser Kernsatz, der Glaube an diese für alle offenstehenden Möglichkeiten macht – bei all unserer kulturellen Vielfalt – unsere Identität erst aus.

Wer aber mag sich noch bis zum Letzten einsetzen, wenn er keine Chance mehr sieht, irgendwann dafür belohnt zu werden? Eine Gesellschaft, die ihren künftigen Leistungsträgern den Glauben, vorwärtszukommen, beschneidet, gräbt an ihrem eigenen Fundament.

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Und genau das passiert. Denn die Hauptleidtragenden der absurden Preisentwicklung sind alle, die neu auf den Wohnungsmarkt kommen, also vorab jüngere Leute. Grade jene also, die für eine Zukunft planen müssen, in der die Rentensicherheit aufs Alter alles andere als garantiert erscheint. Das macht vielen Angst.

Das Dramatische daran: Die ungünstige Entwicklung wird sich verschärfen. Schon heute muss der Staat mit Ergänzungsleistungen einspringen, weil Rentner keine bezahlbaren Wohnungen mehr finden. Je weniger junge Familien sparen können, desto grösser wird auch für sie das Risiko, irgendwann staatliche Hilfe zu brauchen.

Die Schweiz riskiert also nicht nur, ihre künftigen Leistungsträger zu demotivieren, sie handelt sich zudem noch höhere Sozialkosten ein. Ausserdem wird sie mit einer zunehmenden Segregation zwischen Besitzern und Nichtbesitzern konfrontiert, was Neid weckt und soziale Unruhen begünstigen kann.

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Was ist zu tun? Zuerst einmal müssen die Ursachen benannt werden. Es sind dies der Druck durch die Zuwanderung, aber auch das Renditedenken der Investoren. Namentlich die Pensionskassen, die hohe Renditeziele erfüllen müssen, investieren massiv in den Häusermarkt.

Sodann müssen alle Massnahmen getroffen werden, um die gefährliche Entwicklung zu bremsen. Dafür stehen alle in der Pflicht. Der Staat muss genossenschaftlichen Wohnungsbau fördern und dafür Land bereitstellen. Es sind die Möglichkeiten für eine Kontingentierung der Zuwanderung auszuloten. Arbeitgeber sollen Schweizer einstellen, wo sie gleich gut qualifiziert sind wie Bewerber aus dem Ausland. Vermieter sollen bei Wohnungswechseln die Höhe der Vormiete offenlegen.

Zuallererst aber muss die Politik dieses Thema energisch angehen. Alle Lösungen müssen ideologiefrei auf den Tisch. Die Zeit drängt.

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