Rund ein Dutzend Pferde – Isländer, Haflinger, Quarter-Horses und eine Araberstute – weiden friedlich in der Talsohle des Gebiets «Pfendel» in Gränichen AG. Bewaldete Hänge umschliessen das kleine Tal. Ein einzigartiges Kleinod.

Einzigartig ist auch die Situation des Ehepaars Corinne und Marcel Schnetzler, das den Pferdebetrieb führt und das ältere, am Eingang des Tals gelegene Haus bewohnt: Die Familie ist seit Monaten vom Trinkwasser abgeschnitten.

Am Leitungsnetz der Gemeinde war das Haus nie angeschlossen, doch eine Quelle hat die Familie stets mit frischem Trinkwasser versorgt. Seit dem heissen August 2003 liefert sie aber nur noch eine braune, modrige Brühe.

Für die Mieter des Hauses bedeutet dies eine massive Einbusse an Lebensqualität. Zwar stellt ein 1000-Liter-Wassertank das Trinkwasser sicher. Doch dieses Wasser können sie nicht in die Hausleitungen einspeisen; sie schleppen es eimerweise ins Haus. «Kommt das Quellwasser auch nur einigermassen klar aus dem Hahnen, rase ich zur Waschmaschine, um die Wäsche zu besorgen», sagt Corinne Schnetzler. Und schmutzige Wäsche fällt von der Arbeit im Stall und auf der Weide zur Genüge an. Auch die zweieinhalbjährige Tochter sorgt stets für Nachschub.

Schnetzlers haben die Liegenschaft für immerhin 3000 Franken pro Monat von Eigentümer Roland Mösch gemietet. Sie vertraten die Ansicht, der Vermieter habe auch für einwandfreies Trinkwasser zu sorgen. Doch Roland Mösch, selbst Jurist, stellt sich noch heute auf den Standpunkt, die Wasserqualität sei nie schlecht gewesen. Nötig sei lediglich eine Reinigung der Brunnenstube und der Leitungen. Die Kosten dafür seien von den Mietern zu bezahlen.

Gespräche zwischen dem Beobachter und den beiden Parteien ergaben das kaum überraschende Resultat: Mit dem schmutzigen Wasser hat die Natur nur eine Zugabe zum juristischen Streit geliefert, der seit rund zwei Jahren das Verhältnis zwischen Mieter und Vermieter trübt.

Stein des Anstosses ist ein Pferdestall

Der Streit entbrannte um ein scheinbar problemloses Bauvorhaben: die Errichtung eines neuen Pferdestalls. In der Zusatzvereinbarung zum Mietvertrag von 2001 gab der Vermieter die Einwilligung dazu. Darin hatte sich der Mieter von Beginn weg verpflichtet, die entstehenden Kosten zu übernehmen.

Was jedoch nicht in der Vereinbarung steht: Der Bau ist nur möglich, wenn der Vermieter auch einer Umnutzung zustimmt. Denn mit dem neuen Pferdestall musste die Liegenschaft als landwirtschaftlicher Betrieb ins Grundbuch eingetragen werden.

Für das Ehepaar Schnetzler, das von Pferdezucht, Pferdeausbildung und von einer Pferdepension lebt, ist die Umnutzung eine Frage des wirtschaftlichen Überlebens. Nur in einem landwirtschaftlichen Betrieb dürfen sie auf den fünf Hektaren Land rund ein Dutzend Pferde halten. Ansonsten toleriert das Gesetz die Pferdehaltung lediglich als Hobby, was bedeutet, dass nur vier Grosspferde oder sechs Kleinpferde erlaubt sind.

«Umnutzung wäre immenser Verlust»

Von einer Nutzung als Landwirtschaftsbetrieb will aber der Eigentümer nichts wissen. «Für mich wäre die Umnutzung ein immenser Verlust», sagt Mösch. «Mein Land würde damit dem bäuerlichen Bodenrecht unterstellt.» Die Miete würde zur Pacht, die schwieriger zu kündigen ist, und das Grundstück dürfte nur noch als Ganzes und nicht mehr parzellenweise verkauft werden. Beides hat eine Wertminderung zur Folge.

Noch bevor der Kampf ums saubere Wasser begann, füllte der juristische Landkrieg bereits ganze Ordner. Immerhin werden inzwischen an der Wasserfront, wenn auch verhalten, weisse Fähnchen geschwenkt. «Ich lasse die Brunnenstube und die Leitungen nun reinigen – völlig freiwillig, niemand zwingt mich dazu», lässt Roland Mösch den erstaunten Beobachter wissen.

Unklar ist der Grad der Freiwilligkeit. Mösch erhielt im letzten Oktober vom Kanton die Auflage, wieder für einwandfreies Trinkwasser zu sorgen. Dies nachdem das kantonale Labor mit zwei Proben festgestellt hatte, die Wasserqualität sei ungenügend. Mösch rekurrierte und verlangte nach aufschiebender Wirkung seiner Einsprache. Beides wurde ihm versagt.

Die Kosten für die Quellensanierung veranschlagt Mösch mit 2500 Franken. Brunnenmeister Rolf Schneider, der eben mit der Reinigung begonnen hat, sieht die Sache anders. Ob die Reinigung der Brunnenstube genüge, werde sich erst Wochen später erweisen. Wenn nicht, müsse das Biotop, das sich neben der Quellfassung gebildet hat, beseitigt werden. Genüge auch das nicht, erfolge die Sanierung der Quellfassung. Die Kosten könnten dann auf 20000 bis 30000 Franken klettern.

Viel Geld für Vermieter Mösch, der sagt, er habe bereits über 100000 Franken in die Liegenschaft gesteckt. Vor zehn Jahren habe er sie recht teuer gekauft – und noch nichts damit verdient. Zudem zahle das Ehepaar Schnetzler, seit der Streit im Gange sei, den Mietzins auf ein Sperrkonto ein. Schnetzlers bestätigen dies.

Mösch will einer Umnutzung auf keinen Fall zustimmen. Eine solche Wertverminderung würde auch die Bank, die die Hypothek gegeben habe, nicht hinnehmen. «Das bäuerliche Bodenrecht ist hier total fehl am Platz. Die Schnetzlers verdienen ihr Geld zur Hauptsache mit Pferdepensionen. Das sind doch keine Bauern.» Möschs Anwalt führt zusätzlich ins Feld, Schnetzler habe sein erstes Baugesuch für den Stall zurückgezogen. Damit sei der Vermieter nicht mehr an seine einstige Zusage zum Bau des Stalls gebunden.

Dramatischer Wettlauf gegen die Zeit


Corinne und Marcel Schnetzler argumentieren dagegen, es sei üblich, dass ein zweites, überarbeitetes Baugesuch eingereicht werde, wenn das erste auf Widerstand stosse. Mösch könne seine Zusage doch nicht einfach rückgängig machen. «Er ist immerhin Jurist», sagt Marcel Schnetzler. «Er musste wissen, dass wir nur eine Baubewilligung erhalten, wenn er auch der Umnutzung in einen landwirtschaftlichen Betrieb zustimmt.»

Der Streitfall ist nun vor dem Bezirksgericht Aarau hängig. Entscheidet sich das Gericht gegen die Umnutzung, müssen die Eheleute Schnetzler wohl den «Pfendel» verlassen. Doch nicht einmal ein Sieg garantiert ihnen das wirtschaftliche Überleben. Für sie ist der Streit längst zum Wettlauf gegen die Zeit geworden.

Der Kanton hat bereits letztes Jahr klar gemacht, dass bis Anfang April der rechtmässige Zustand hergestellt werden muss: Nicht mehr als vier Grosspferde oder sechs Kleinpferde dürfen sich dann auf dem Land aufhalten, falls keine Umnutzung erfolgt sei.

Anfang März hat Eigentümer Mösch beim Bezirksgericht Aarau um einen Terminaufschub von sechs Wochen nachgesucht, um zu einer Frage Stellung nehmen zu können. Er macht auch kein Geheimnis daraus, dass er einen für ihn negativen Entscheid ans Obergericht und, wenn nötig, ans Bundesgericht weiterziehen werde. Damit würden wieder Monate, wenn nicht Jahre verstreichen. Der Apriltermin wäre jedenfalls nie und nimmer zu halten.

«Dann müssen wir den Laden dichtmachen», sagt Marcel Schnetzler. «Einen neuen Standort finden wir innert nützlicher Frist kaum.»

Quelle: Ursula Meisser