Beobachter: Wir befinden uns im Neubau des Bundesamts für Energie. Das Gebäude hat kein Minergielabel. Frustriert Sie das nicht, als Leiter des Programms Energie Schweiz?
Michael Kaufmann: Ich finde das sogar ziemlich absurd, denn ich bin ein grosser Verfechter von Minergie. Wir haben uns stark dafür eingesetzt, dass unser Gebäude den Standard erfüllt. Doch aus Kostengründen verzichtete das für das Projekt zuständige Bundesamt für Bauten und Logistik auf eines der zentralen Kriterien: die kontrollierte Lüftung. Davon abgesehen entspricht das Gebäude bezüglich Technik und Energieverbrauch aber durchaus dem Standard eines Minergiebaus.

Beobachter: Auch andernorts scheint man sich mit Minergie schwer zu tun. Letztes Jahr wurden nur gerade 15 Prozent aller Neubauten nach diesem Standard erstellt. Warum erklärt man ihn nicht für verbindlich?
Kaufmann: Genau diese Stossrichtung verfolgen wir. Für mich ist klar, dass Minergie in wenigen Jahren der Standard für Neubauten sein muss. Entsprechend werden die Normen des Schweizerischen Ingenieur- und Architektenvereins (SIA-Normen) laufend verschärft. Ich gehe davon aus, dass sie spätestens in 15 Jahren dem Minergielevel entsprechen. So gesehen ist das Label derzeit eine Messlatte und eine Auszeichnung für besonders grosse Anstrengungen, ähnlich der Bio-Knospe. Das treibt die Entwicklungen massiv an.

Beobachter: Ziel der schärferen Vorschriften ist die Senkung des CO2-Ausstosses. Eigentlich ist das eine Bundesaufgabe, federführend bei der Umsetzung sind aber die Kantone. Wäre es nicht sinnvoll, wenn der Bund die Vorschriften macht?
Kaufmann: Wir haben ein föderalistisches System - auch bei der Energiegesetzgebung. Es gibt jedoch eine gute Koordination zwischen Bund und Kantonen, um die Bauvorschriften zu harmonisieren. Der Weg dazu führt beispielsweise über die Konferenz der Energiedirektoren. Wir machen hier oft Druck und geben Inputs, aber manchmal ist dieser Weg halt auch sehr mühsam. Anderseits hat das föderalistische System auch grosse Vorteile: Wenn der Bund die Vorschriften machen würde, müsste ein breiter eidgenössischer Konsens gefunden werden. Das Resultat wäre dann sicher schlechter als die aktuellen Normen derjenigen Kantone, die momentan in Sachen Energieeffizienz führend sind. Die Spitzenkantone - Genf, Zürich und die beiden Basel - treiben uns alle voran.

Beobachter: Förderbeiträge für Bauherren, die energetisch etwas verbessern wollen, sind ziemlich mager. Wären denn nicht gerade finanzielle Anreize eine gute Motivation?
Kaufmann: Nach meiner Auffassung braucht es für eine gute Energiepolitik einen Mix aus Anreizen und Fördersystemen. Was ich ablehne, ist ein reines Subventionsprogramm. Es macht keinen Sinn, 300 Millionen Franken pro Jahr mit der Giesskanne übers Land auszuschütten. Wir haben zwar bei Energie Schweiz auch ein Förderprogramm, das ist aber - zusammen mit den Kantonsbeiträgen - nur mit 40 Millionen Franken unterstützt. Dazu kommen künftig noch Gelder aus dem Klimarappen-Fonds in etwa der doppelten Höhe. Das sind erste wichtige und gezielte Impulse.

Beobachter: Und wie lauten die weiteren?
Kaufmann:Ein weit wichtigeres Element wäre eine wirksame CO2-Abgabe. Sie würde all denen einen direkten finanziellen Vorteil verschaffen, die auf fossile Energie verzichten und ihre Gebäude energetisch in Schuss halten - ohne Kontrollen und komplexe Förderadministration. Der Grossteil der Wohnbauten in der Schweiz ist 20 und mehr Jahre alt. Entsprechend gehen 40 Prozent des CO2-Ausstosses zulasten der bestehenden Gebäude.

Beobachter: Das sieht nach einem Sanierungsstau aus.
Kaufmann: Das ist richtig. Deshalb ist die Sanierung von Altbauwohnungen auch ein Schwerpunkt im Programm Energie Schweiz. Das Ziel ist klar: Der Schweizer Wohnungsbestand muss innert 30 Jahren umgebaut und saniert werden. In einigen Fällen wird es aus energietechnischer Sicht sogar nötig sein, ein Gebäude abzureissen.

Beobachter: Freiwillig wird nur selten energetisch saniert. Das zeigen Untersuchungen aus Ihrem Amt.
Kaufmann: In der Tat gibt es zu viele Hemmschwellen: Der Besitzer eines Mehrfamilienhauses beispielsweise hat heute keinen Anreiz, etwas zu tun, weil er die Kosten für das Heizöl einfach auf die Mieter abwälzen kann. Und die Mieter haben keinen Hebel, um Gegensteuer zu geben. Allein mit ein paar Progrämmchen und etwas Geld erreichen wir das Ziel also sicher nicht. Es braucht eine gemeinsame Strategie von Bund, Kantonen, Gemeinden, Hauseigentümern, Investoren und Banken - und gemeinsame Massnahmen!

Beobachter: Dabei scheint es aber nicht nur an Strategien, sondern auch an Wissen zu fehlen.
Kaufmann: Es gibt ein grosses Informationsdefizit und einen Nachholbedarf in der Aus- und Weiterbildung der Baubranche. Auch die Kenntnisse der Hausbesitzer lassen zu wünschen übrig. Allerdings hat die Branche teilweise schon vor längerem reagiert. Die Verbände und viele Haustechnik-Unternehmen sind in Sachen Energiesparen heute schon viel weiter als die Politik. Stichworte wie die 2000-Watt-Gesellschaft sind dort gängige Begriffe, während man damit in einer Politikerrunde meist noch auf fragende Blicke stösst. Einen Informationsnachholbedarf gibt es also vor allem bei der Politik und in der Öffentlichkeit.

Beobachter: Würde es nicht Sinn machen, die energetische Sanierung von Altbauten mit einer Übergangsfrist von beispielsweise 25 Jahren für obligatorisch zu erklären?
Kaufmann: Das ist ein richtiger Ansatz. Ziel muss es sein, dass jedes Gebäude, das in den nächsten 30 Jahren renoviert wird, auch eine energetische Sanierung erhält. Die bestehenden Anreize reichen da nicht aus. Vielmehr muss man jetzt dafür sorgen, dass die neuen Energievorschriften auch für kleinere Sanierungen gelten, für die es keine Baubewilligung braucht.

Beobachter: Ist das Ziel erreichbar?
Kaufmann: Das ist eine Frage des Miteinanders von öffentlicher Hand, Investoren und Bürgern. Wir von Energie Schweiz werden alles tun, um das Ziel zu erreichen, und unterstützen überall gute Projekte. Zwischen unserer Vision und dem, was real möglich ist, klafft jedoch eine Lücke. Das kann man aber nicht uns anlasten, das ist eine Frage von Finanzpolitik und Wille im Parlament.

Quelle: Béatrice Devènes