Der Parkplatz des «Rössli» ist wie gemacht für eine verdeckte Kontrolle. Von der Strasse, die vom unbewachten Grenzposten Schmitter ins Dorfzentrum von Diepoldsau führt, fällt der graue Kombi neben dem mannshohen Gebüsch kaum auf. Umso geschärfter sind die Blicke im Innern des Autos. Die Grenzwächter Marcus Camenisch und Bruno Lehmann haben ihre Ferngläser gezückt und verfolgen mit synchronen Bewegungen alles, was draussen vor sich geht.

Viel tut sich nicht an diesem kalten Donnerstagnachmittag. Und wenn, dann sind alte Bekannte unterwegs: «Der Gasser ist heute aber spät dran», brummt Einsatzleiter Camenisch vor sich hin. 80 Prozent der Leute, die den Grenzverkehr in der Region bestreiten, seien ihnen bekannt, sagt er. Als Grenzwächter interessiere sie vor allem der Rest: «Wir sind sensibilisiert auf das, was nicht hierher gehört.» So wie das Auto mit Zürcher Nummernschild, das beim Posten parkiert ist. Lehmann ist erst beruhigt, als er erfährt, dass der Wagen zum Beobachter-Team gehört. «Berufskrankheit», meint er achselzuckend, als müsse er sein Misstrauen erklären.

Wachtmeister Lehmann, 39, gelernter Metzger, ist seit 16 Jahren beim Grenzwachtkorps, sein Vorgesetzter und Postenchef, Adjutant Camenisch, 45, ursprünglich Landwirt, seit 20 Jahren. Zusammen mit 30 Kollegen sind sie als «Mobile» für die rückwärtige Kontrolle im Abschnitt Heerbrugg zuständig – 141 Kilometer Grenzlinie von Rorschach zum Piz Buin, inklusive der liechtensteinischen Grenze nach Österreich. Die mobilen Patrouillen betreiben bereits heute Grenzschutz, wie er nach einem Beitritt der Schweiz zum Schengen-Abkommen verstärkt würde: verdeckte Überwachungen im Hinterland, sporadische Kontrollen an den unbesetzten Grenzposten, Einsätze im Feld.

«Wir tauchen auf, wo man uns nicht erwartet», umschreibt Marcus Camenisch die Einsatzdoktrin – Unberechenbarkeit als Antwort der Kontrolleure auf die gesteigerte Raffinesse der zu Kontrollierenden. Geduld brauche es für diesen Job, sagt der Grenzwächter in breitem Bündner Dialekt, ebenso die Fähigkeit zur schnellen Lageeinschätzung. Und ja, wohl auch so etwas wie Jagdinstinkt.

Am Nachmittag geht die Jagd in Montlingen weiter, ein paar Kilometer rheinaufwärts. Die mobilen Grenzwächter sind bewaffnet mit Pistolen und Tränengasspray. Die Schusswaffe hat Camenisch in all den Jahren nie gebraucht. Das führt er darauf zurück, dass er stets mit einem Schutzhund unterwegs ist: «Das ist die beste Präventionswaffe.» Heute ist Nino dabei, ein belgischer Schäfer. Camenisch hat ihn selber für den Grenzdienst erzogen.

Es dämmert, die Zeit verstreicht ereignislos. Die verdeckten Grenzwächter sehen keinen Grund zum Eingreifen. Doch letztlich fischen sie ohnehin im Trüben: Jener Durchschnittstyp im Durchschnittswagen, der eben unbehelligt die Grenze passiert, könnte genauso gut Drogen dabeihaben. Die Zöllner müssen mit der Gewissheit leben, dass die Grenze alles andere als dicht ist. Ist es nicht frustrierend, Sisyphusarbeit zu verrichten?

Marcus Camenisch, ein ruhiger Mann, wird etwas energisch. «Unsere Arbeit zeigt Wirkung», sagt er, «das beweist die Statistik.» Seine Unterlagen besagen, dass die Grenzwächter zwischen Januar und November 2004 allein im Abschnitt Heerbrugg 1492 gesuchte Personen, 269 Illegale und 41 Schlepper erwischt haben, dass 75 gestohlene Fahrzeuge, 158 Fälle von Drogenschmuggel und 3660 Fiskaldelikte registriert wurden.

Mischung aus Ärger und Unverständnis


In Montlingen wird an diesem Tag die Statistik nicht weiter aufgebessert. Es geht zurück nach Diepoldsau: Ausreisekontrolle am Übergang nach Hohenems. Der Feierabendverkehr hat eingesetzt – Einsatzgrund genug für die Grenzwächter: «Wir gehen dorthin, wo wir etwas erwarten dürfen», sagt Camenisch. Er taxiert jeden heranfahrenden Wagen; die meisten werden mit knapper Geste durchgewinkt.

Zur «Vollkontrolle», wie es im Jargon heisst, wird einzig ein junger, bärtiger Italiener gebeten – «ein Bauchentscheid», begründet Camenisch diese Auswahl. Der Ausweis des Ausreisenden wird ins Zollhäuschen genommen und per Scanner auf seine Echtheit untersucht. Die Miene des Mannes, als EU-Europäer an freie Durchfahrt gewöhnt, zeigt eine Mischung aus Ärger und Unverständnis über die strenge Kontrolle der Schweizer. Aber er sagt nichts. Das ist meist so: «Manchmal gibts einen faulen Spruch», sagt Bruno Lehmann, «aber Ausfälligkeiten sind selten.»

Am frühen Abend ist der mehrstündige mobile Einsatz zu Ende. Bilanz: null Delikte. Die Rückfahrt zur Basis erfolgt durch das Waldstück entlang dem alten Flusslauf, der Diepoldsau umschliesst – ohne Licht, dafür mit Nachtsichtgeräten: Man weiss ja nie. Doch die einzige Begegnung bleibt die mit Reitern auf nächtlichem Ausritt. Man kennt und grüsst sich.

So kurz vor Feierabend bleibt Zeit für Reminiszenzen. Just an dieser Stelle sind dem Rheintaler Grenzwächter Camenisch einst drei Offiziere des rumänischen Geheimdienstes Securitate in die Fänge gelaufen, wenige Tage nach dem Sturz Ceausescus. Noch mehr Geschichte verbirgt sich weiter vorne beim so genannten Rohr. Das mannshohe Entwässerungsbauwerk, das unter dem alten Rhein hindurch auf österreichischen Boden führt, wurde in Kriegszeiten rege als Flucht- und Schmuggelweg benützt – damals, als die Schweizer Grenze und mit ihr die Schweizer Grenzwacht ihren Mythos begründete.

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