Vorbei die Zeiten, als sich noch alle Nachbarn kannten – und Hilfe spontan und ohne spezialisierte Organisation angeboten wurde. Heute leben die Menschen zunehmend anonym: Laut Bundesamt für Statistik wohnen in der Schweiz bereits über ein Drittel aller Personen allein.

Vorab für allein stehende Betagte und Kranke kann so Alltägliches plötzlich zum Problem werden: Ein Arzttermin, doch die Familienangehörigen sind nicht zu erreichen; ein dringender Einkauf, aber die Nachbarin ist bei der Arbeit. Für solche Fälle gibt es eine patente Lösung: die organisierte Nachbarschaftshilfe, die zwischen Klienten und Helfern vermittelt.

Janine Binkert arbeitet in Zürich seit rund einem Jahr als Vermittlerin in Sachen Nachbarschaftshilfe. Jeweils an zwei Nachmittagen pro Woche bedient sie das Telefon und koordiniert Angebot und Nachfrage. «Besondere Fähigkeiten müssen die Freiwilligen nicht mitbringen, jeder kann mitwirken», sagt die 50-Jährige.

Das ehemalige Spitex-Vorstandsmitglied Binkert vermittelt den ersten Kontakt – spätere Einsätze machen Helfer und Kunden untereinander ab. Dabei ist es den Freiwilligen überlassen, ob sie einen Auftrag annehmen wollen oder nicht. Sagen sie Ja, gelten indes drei Spielregeln: Pünktlichkeit, Verlässlichkeit und Diskretion.

Ein einzelner Einsatz beschränkt sich in der Regel auf zwei bis drei Stunden, wobei gewisse Engagements aber Monate oder sogar Jahre dauern können. Am meisten gefragt sind die Helfer beim Gang zu Ämtern und Ärzten, bei Einkäufen, beim Hüten von Wohnung und Haustieren – oder auch nur für Gespräche über Gott und die Welt. Nicht im Angebot sind allerdings Pflege- oder Mahlzeitendienste sowie Putzarbeiten.

Bereits seit vier Jahren engagiert sich Sozialpädagogin Nicole Bruggmann, 33, im Zürcher Kreis 1 als Freiwillige. Während der Ausbildung empfand sie die Tätigkeit als «wohltuenden Ausgleich zum Studium». Sie wohnt in diesem Stadtkreis und fühlt sich durch die Einsätze noch mehr mit dem Quartier verbunden.

Der Lohn ist Anerkennung



Oft haben Betroffene Hemmungen, die Nachbarschaftshilfe in Anspruch zu nehmen. Wer dabei fürchtet, das Angebot gehe ins Geld, kann beruhigt sein: Die Dienstleistung, die in zahlreichen Gemeinden angeboten wird, gibt es fast überall zum Nulltarif. Generell erhalten die Freiwilligen bloss eine kleine Spesenentschädigung, dafür aber Anerkennung: «Es kommt hin und wieder vor, dass sich aus einem Einsatz auch eine Freundschaft entwickelt», sagt Vermittlerin Janine Binkert.

Die Finanzierung erfolgt in der Regel durch Spenden von Privatpersonen und Institutionen, in seltenen Fällen auch über Subventionen. Mit dem Geld werden zur Hauptsache administrative Kosten der Vermittlungstätigkeit bezahlt oder Weiterbildungsveranstaltungen für die Freiwilligen organisiert.

Der Leistungsausweis der Nachbarschaftshilfe ist eindrücklich. Zwei Beispiele: Im Zuger Verein Nachbarschaftshilfe Ägerital, ein Gebiet mit rund 15000 Einwohnern, arbeiteten im letzten Jahr 35 Freiwillige gegen 2000 Stunden. Und in der Stadt Zürich waren es im selben Zeitraum 1000 Freiwillige, die während über 50000 Stunden 2000 Personen zur Seite standen.

Für Monika Stocker, Vorsteherin des Sozialdepartements der Stadt Zürich, sind diese Angebote denn auch eine zwingende Ergänzung zu professionellen sozialen Institutionen: «Diese Form der Hilfestellung vernetzt Menschen verschiedenen Alters – Gesunde und Kranke. Sie bringt unterschiedliche soziale Schichten, Nationalitäten und Religionen in einem Quartier zusammen. Genau das ist die grosse Qualität der Nachbarschaftshilfe.»

Quelle: Renate Wernli
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Vermittlungsadressen und Internet

Buchtipps

  • «Freiwilligenarbeit»; ein Beobachter-Handbuch, das allen Interessierten hilft, die für sie richtige Tätigkeit zu finden; Beobachter-Buchverlag, 2000, 200 Seiten, Fr. 29.80, Bezug: Telefon 043 444 53 07, Fax 043 444 53 09

  • Sigrid Daneke: «Freiwilligenarbeit in der Altenhilfe: motivieren – organisieren – honorieren»; Urban & Fischer, 2003, 242 Seiten, 32 Franken
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