Lautes Schimpfen im Treppenhaus stört die Abendruhe. Die ältere Frau aus dem ersten Stock des Zürcher Mehrfamilienhauses beklagt sich über ihre Nachbarn: über die Kinder aus der Parterrewohnung, die immer mit schmutzigen Stiefeln über den Flur laufen. Und über das junge Ehepaar aus dem vierten Stock, das wieder den Waschmaschinenschlüssel nicht pünktlich übergeben hat. Ihre Ermahnungen, sich an die Hausordnung zu halten, scheinen die Nachbarn jedoch kalt zu lassen: «Das ist die reinste Schikane», meinen sie.

«Wenn kein Gespräch mehr möglich ist, kann oft nur noch eine aussenstehende Person weiterhelfen», sagt Leonie Meier von «Wohnkultur Zürich». Vor drei Monaten hat sie das Pilotprojekt mit ins Leben gerufen als neuen Fachbereich des Vereins Domicil, der Wohnraum für sozial Schwächere vermittelt. «Wohnkultur Zürich» will Konflikte in Siedlungen reduzieren. In der Schweiz ist das Angebot einmalig, weil es für Mieter einen kostenlosen Beratungsservice anbietet. Bezahlt wird es grösstenteils von Stadt, Kanton und Bund.

Leonie Meier selbst hilft als Mediatorin beim Lösen der Konflikte. Wer mit seinem Nachbarn nicht klarkommt, kann zunächst am Beratungstelefon Hilfe suchen. Genügt ein Telefongespräch nicht, treffen sich alle am Streit Beteiligten zu so genannten Mediationssitzungen. Unter Mediation versteht man einen Prozess, bei dem die Streitenden die Lösung für ihr Problem mit Unterstützung einer neutralen Drittperson selbst erarbeiten.

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Auch der Streit im Zürcher Mehrfamilienhaus bekommt jetzt eine neue Wendung: Der Verwalter sucht nach diversen eigenen Schlichtungsversuchen Hilfe bei der Telefonberatung von «Wohnkultur Zürich». Zwei Wochen später sitzen die streitenden Hausbewohner zusammen am Tisch von Mediatorin Meier. Endlich gibt man ihnen die Möglichkeit, ihren Ärger an den Mann oder an die Frau zu bringen. «Meine Aufgabe ist es, eine faire Diskussion zu ermöglichen und die schwächeren Gesprächsteilnehmer zu unterstützen», sagt Meier. Im Gegensatz zu einem Verfahren vor Gericht gibt es keine Gewinner und Verlierer. Die Lösung des Problems muss für beide Seiten stimmen.

Laute Tür reicht zum Krach

Dies muss jedoch hart erarbeitet werden. In der ersten Sitzung sollen die Hausbewohner versuchen, die Meinungen und Lebensweisen der anderen zu verstehen. Stattdessen überhäufen sie sich mit Vorwürfen. Das Urteil der schikanierten Nachbarn bleibt hart: Schuld an der Zankerei sei allein die tyrannische Frau aus dem ersten Stock. «So kommt man nicht weiter», sagt Meier und fordert alle einzeln auf, die Fehler auch bei sich selbst zu suchen.

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Oft sind einem selbst die eigenen Fehler erst gar nicht bewusst. In einem städtischen Wohnblock, wo viele Menschen dicht nebeneinander leben, kann schon ein fremdartiger Geruch im Treppenhaus oder eine Zimmertür, die unvorsichtig zugeschlagen wird, den Nachbarn provozieren. Gereizt fühlen sich Junge ebenso wie Alte, Ausländer wie Schweizer. Die Alten wünschen sich Ruhe und Ordnung. Die Jungen dagegen möchten vor allem eine billige Wohnung, wo sie sich ausleben können. Ausländer haben oftmals gänzlich andere Vorstellungen vom Wohnen. Alteingesessene wiederum tun sich manchmal schwer, mit Menschen aus einem anderen sozialen oder kulturellen Umfeld im gleichen Haus zu leben.

Wer aber glaubt, es handle sich vor allem um ein Problem zwischen verschiedenen Kulturen, täuscht sich. «Neunzig Prozent der Hilfe suchenden Anrufer bei Wohnkultur sind Schweizer, und in achtzig Prozent der Fälle haben diese Streit mit ihren eigenen Landsleuten», sagt Meier.

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Den Nachbarn verstehen

Der Fall des Zürcher Mehrfamilienhauses geht in die nächste Runde: Als sich die Bewohner zur zweiten Sitzung treffen, ist die Stimmung schon etwas gelöster. Das Erkennen eigener Fehler weicht die Fronten auf: Der Familienvater räumt ein, dass er für Schmutzspuren im Hausflur von seiner kinderlosen Nachbarin kein Verständnis erwarten kann. Und dem Ehepaar wird bewusst, dass es die Schuld am Konflikt nie bei sich selbst, sondern immer nur bei der Nachbarin gesucht hat. Von dieser wiederum fällt nun eine grosse Belastung. Denn sie hat, mehr als sie es wahrhaben wollte, unter ihrer Rolle als Sündenbock gelitten. Es besteht Aussicht auf Besserung, und das stimmt alle positiv.

Jetzt ist es an der Zeit, Lösungen zu suchen. Die Kinder könnten ihre Stiefel in Zukunft doch vor der Haustür ausziehen, schlägt die alte Frau vor. Sie selbst wolle dafür nachsichtiger sein. Für den Waschküchenschlüssel könnte man ausserdem im Keller einen Nagel in die Wand schlagen, damit die Übergabe weniger umständlich wird. Am Ende der Sitzung werden die Vorschläge schriftlich festgehalten und zur Gedankenstütze an alle verteilt.

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Ein paar Wochen später überprüft Mediatorin Leonie Meier die Wirkung ihrer Arbeit mit einem Anruf an den Hausverwalter. Er klingt optimistisch. Es gibt zwar immer noch Meinungsverschiedenheiten, doch die Bewohner wissen jetzt besser, wie sie damit umgehen können. Sie sprechen über ihre Anliegen und finden oft gemeinsam Lösungen. Leonie Meier ist zufrieden: «Die Hilfe zur Selbsthilfe ist uns in diesem Fall offensichtlich gelungen.»

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