Detroit ist Heimat der drei grossen US-Automarken GM, Ford und Chrysler. Der Volksmund spricht deshalb von Motown, von der Motorenstadt. Weil die Autoindustrie in den Sechzigern sehr gute Löhne zahlte, wurde Motown zum Inbegriff eines unbeschwerten, von Soulmusik geprägten Lebensgefühls.

Heute sieht Detroit aus wie eine Stadt nach einem Krieg. Viele Häuser sind ausgebrannt, die Strassen voller Schlaglöcher und menschenleer. Zwischen 2000 und 2010 hat Detroit ein Viertel seiner Einwohner verloren. Mit verheerenden Folgen: Die Infrastruktur verlotterte, die Schulen wurden immer schlechter. Wer konnte, der flüchtete. Zurück blieben die Ärmsten.

Doch so schnell wird Detroit nicht sterben. In den Ruinen regt sich neues Leben. Die Liegenschaften sind so billig geworden, dass ehemalige Herrschaftsvillen oder Geschäftsgebäude zu Spottpreisen erhältlich sind. Das lockt junge und smarte Geschäftsleute an. Upstarts aus der Technologie- und der Dienstleistungsbranche beginnen, Det­roit wiederzuentdecken, und die Stadtverwaltung unternimmt alles, um diese attraktive Klientel bei der Stange zu halten: Sie legt Parks an, baut Wanderwege entlang des Flusses und schafft Platz für Radwege.

Quelle: Thinkstock Kollektion

Radwege in Motown – ein eindrückliches Sinnbild für die Stadtentwicklung im 21. Jahrhundert. Wenn man nicht mehr die Heckflosse des Cadillac oder das Offroad-Monster feiert, sondern das Fahrrad, dann hat sich etwas Grundlegendes verändert. Naturnahes Leben ist heute nicht mehr gleichzusetzen mit dem Engagement eines Bruno Manser, der im Urwald lebte und gegen skrupellose Holzfäller kämpfte. Das neue ökologische Ideal entsteht in der Stadt. Oder wie es der Harvard-Professor Edward Glaeser in seinem Buch «Triumph of the City» ausdrückt: «Städte sind viel geeigneter für einen ökologischen Lebenswandel als das Land. Im Wald zu wohnen ist möglicherweise eine gute Art, die Liebe zur Natur auszudrücken, aber im Betondschungel zu wohnen ist sehr viel ökologischer. Wer die Natur liebt, der lässt sie möglichst in Ruhe.»

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Grün leben in der Stadt? Für viele ist das eine groteske Vorstellung. Schliesslich verlief die Entwicklung im letzten Jahrhundert in die entgegengesetzte Richtung. Das Auto hat den Menschen ermöglicht, dem Schmutz, der Gewalt und dem Lärm in den Städten zu entfliehen und auf dem Land ein vermeintliches Idyll einzurichten. Vor allem in den siebziger und achtziger Jahren setzte eine regelrechte Stadtflucht ein, während viele amerikanische Innenstädte sich zu Gewalt- und Drogenhöllen entwickelten. Auch in der Schweiz begann man, von «A-Städten» zu sprechen: von Orten also, die Arme, Alkoholiker und Ausländer beherbergen. Zürich machte sich noch in den neunziger Jahren ernsthafte Sorgen, zur A-Stadt degradiert zu werden, und bangte um gute Steuerzahler und junge Familien.

Heute erleben wir das Gegenteil. Städter empören sich darüber, dass man sich selbst mit einem Jahreseinkommen von 150'000 Franken keine Eigentumswohnung mehr leisten kann oder dass Mietpreise für Durchschnittswohnungen sich über Nacht verdoppeln. Zürich und Genf, aber auch New York, London, Berlin oder Paris leiden unter der Gentrifizierung, unter dem Umstand, dass die «vornehme Gesellschaft» die Stadt wiederentdeckt. Die neuen Reichen strömen in die Städte zurück, fliehen vor verstopften Autobahnen, überfüllten S-Bahnen oder einer hoffnungslos zersiedelten Landschaft der Agglomeration.

Regiert werden die Städte in der Regel von einer Rot-Grün-Variation. Bei den nationalen Wahlen im Oktober waren es erneut Grüne, Grünliberale und Sozialdemokraten, die in der Gunst der Stadtbevölkerung besonders gut abgeschnitten haben. Auch in Sachfragen ist die urbane Bevölkerung deutlich umweltbewusster als das Land: Noch vor dem Unglück von Fukushima sprachen sich die Stadtberner gegen den Bau weiterer Atomkraftwerke aus, während das Land dafür stimmte. Und die Zürcher haben schon vor Jahren einer 2000-Watt-Gesellschaft zugestimmt.

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In kleinen Schritten hat sich der urbane Lebensstil in Richtung Grün verändert: Biomärkte von Bauern aus der Umgebung sind in New York genauso angesagt wie in Basel. Die Schrebergärtner, einst Inbegriff verbohrter Kleinbürgerlichkeit, sind zur Speerspitze des Fortschritts geworden. «Urban gardening» lautet das Motto, und jedes Trendmagazin, das etwas auf sich hält, hat diesem Thema schon eine Titelgeschichte gewidmet. Porsche- oder Maserati-Fahrer müssen damit rechnen, mitleidig belächelt zu werden. Punkten kann, wer mit dem Fixie unterwegs ist – dem Puristen-Fahrrad mit nur einem Gang und ohne Bremsen.

Das alles ist weit mehr als ein flüchtiger Trend, der die Städte grün und die Städter ökologisch bewusst werden lässt. Es ist Ausdruck einer demografischen Entwicklung: Sieben Milliarden Menschen leben auf der Erde, bis Mitte dieses Jahrhunderts werden es neun Milliarden sein. Bereits über die Hälfte dieser Menschen lebt in Städten, wobei «Stadt» im herkömmlichen Sinn eine krasse Untertreibung ist. Im Fachjargon spricht man von «Megalopolen», Städten, in denen mehr als zehn Millionen Menschen leben. 1950 gab es zwei solcher Riesenstädte, 1975 waren es drei, 2007 waren es 19 – und 2025 werden es 27 sein.

Megalopolen entstehen vor allem in Asien und Afrika. Sie gelten heute noch als Vorhof zur Hölle. In den Slums leben die Menschen unter unwürdigsten Bedingungen: keine Kanalisation, keine geteerten Strassen, keine Trinkwasserversorgung. Als besonders übles Beispiel gilt Lagos in Nigeria: 24 Millionen Menschen leben in diesem Moloch. Lagos wird bald die grösste Stadt der Welt sein. Nach wie vor strömen Landbewohner in Scharen in die City, denn trotz den katastrophalen Bedingungen ist der Zugang zu sauberem Trinkwasser hier besser als auf dem Land. Selbst die korrupte Regierung Nigerias hat eingesehen, dass die chaotische Entwicklung nicht weitergehen kann. Die grösste Beratungsfirma der Welt, Booz & Co., hat die Entwicklung von Lagos untersucht und kommt zum Schluss: «Die Stadt hat das Abfallwesen signifikant verbessert, hat grüne Inseln angelegt und eine Infrastruktur für Solarenergie gebaut.»

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Selbst in den Slums entstehen minimalste Umweltstandards, denn gerade hier ist der demografische Druck am stärksten. Das Siedlungsprogramm der Uno geht davon aus, dass 2050 rund drei Milliarden Menschen in Favelas, Bidonvilles oder Ghettos leben werden. Stadtentwickler, Architekten, Designer und Sozialarbeiter sind daran, Instrumente zu entwickeln, die auch diesen Menschen ein anständiges Leben ermöglichen. Nebst einem funktionierenden Abwassersystem steht das Recycling im Vordergrund. In Nairobi wird mit riesigen, mit Abfall beheizten Gemeinschaftsküchen experimentiert, in Bangladesch werden Schulen auf Fähren eingerichtet, und in Indien werden gar Busse zu rollenden Schulzimmern umgewandelt.

Ob in der Ersten oder in der Dritten Welt – grüne Städte werden zu einer Überlebensfrage der Menschheit. Die Folgen des komplexen Phänomens Klimawandel in den Griff zu bekommen ist zur wichtigsten Herausforderung geworden. Städte spielen dabei eine zentrale Rolle, denn fast 80 Prozent der CO2-Emis­sionen stammen aus dem urbanen Raum. Eine Alternative zum radikalen ökologischen Umbau der Metropolen gibt es nicht. Autoritäre Staaten in Asien nehmen ihn bereits energisch in die Hand. In vielen chinesischen Städten etwa sind nur noch Elektroroller zugelassen. Die Chinesen treiben die Entwicklung des Elektroautos voran und sind auf dem Gebiet der Solarzellenentwicklung bereits Weltmarktleader.

Billig wird der ökologische Umbau nicht. «Neue Studien zeigen, dass die Städte in den nächsten 30 Jahren bis zu 350 Billionen Dollar aufwenden müssen, um die Infrastruktur zu bauen und zu unterhalten – das entspricht rund dem Siebenfachen des aktuellen globalen Bruttosozialprodukts», stellen die Experten von Booz & Co. fest. Laut dem australischen Umweltak­tivisten und ehemaligen Chef von Greenpeace, Paul Gilding, stehen wir vor einem regelrechten Krieg gegen den Klimawandel. «Dazu sind Aufwendungen nötig, wie wir sie nach dem Zweiten Weltkrieg erlebt haben», sagt er. «Das ist machbar. Die technischen Voraussetzungen und das Kapital sind vorhanden.»

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Dank ihrem Wohlstand ist die Schweiz in diesem Krieg eine Grossmacht. Die Messlatte liegt hoch; in Sachen Minergiestandards sind die Schweizer weltweit führend. Und Minergiehäuser werden vor allem in Städten gebaut: Nirgends gibt es mehr davon als im urbanen Kanton Zürich und nirgends im Kanton wiederum mehr als in der Stadt. Selbst ihr neues Wahrzeichen, der Prime Tower in Zürich West, entspricht strengsten Minergie-Richtlinien.

Zugleich gibt es rund 900'000 Einfamilienhäuser in der Schweiz. Lange waren sie der Traum des Mittelstands. Heute ist ihr Glanz am Verblassen, denn Ein-familienhäuser sind Energie- und Landfresser zugleich, selbst wenn sie dem höchsten Minergiestandard genügen. Die graue Energie, also die Energie, die verbraucht wird, um solche Häuser zu bauen und sie mit Strassen und Kanalisation zu erschliessen, ist oft höher als die Energie, die danach eingespart wird. Der Berner Architekt Rolf Schoch wollte es genau wissen und hat eine detaillierte Energierechnung für Einfamilienhäuser durchgeführt. Das Resultat ist niederschmetternd: Selbst ein sogenanntes Kraftwerkhaus, ein freistehendes Einfamilienhaus, das mit modernster Umwelttechnologie mehr Energie erzeugt, als es verbraucht, schneidet in der Ökobilanz schlecht ab. Es braucht pro Quadratmeter und Jahr zehn Liter Heizöl mehr als ein heruntergekommener Bau in der Stadt.

Die Konsequenz liegt für Schoch auf der Hand: «Wir dürfen auf keinen Fall alle Einfamilienhäuser in der Schweiz auf Minergiestandard aufrüsten. Wenn wir die Häuser einzeln sanieren, dann zementieren wir für die nächsten 80 Jahre das schlechte Verhältnis von Wohnraum und verbrauchter Fläche. Gleichzeitig festigen wir das energiefressende Erschliessungssystem, das den Individualverkehr fördert.»

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Was der Berner Architekt berechnet, deckt sich mit den Erkenntnissen des Stadtökonomen Edward Glaeser. Er hat in den USA verschiedene Lebensformen auf ihre Ökobilanz untersucht. Sehr schlecht haben dabei vermeintlich ökofreundliche Vorstädte mit Einfamilienhäusern in künstlich angelegten Wäldern abgeschnitten. «Menschen, die in solch schwach besiedelten Ökostädten leben, fahren sehr viel Auto, und sie wollen grosse Häuser, die komfortabel gekühlt und beheizt sind», stellt er fest. «In den Städten hingegen teilen sich die Menschen öffentliche Räume wie Parks, Restaurants, Bars und Museen. Das urbane Modell ist grün, wenn es von realen Menschen bewohnt wird. Das zeigen die Daten, und wir können das auch erklären: Die hohen Bodenpreise in der Stadt schränken den privaten Platzbedarf ein, und die Menschendichte macht den Gebrauch des Autos unattraktiv. Urbane Lebensweise ist deshalb nachhaltige Nachhaltigkeit. Ländliche Ökostädte sind es nicht.»

Moderne Technologie, intelligente Systeme und urbane Lebensformen sind unsere besten Waffen im Kampf gegen die Klimaerwärmung. Singapur gilt dabei als vorbildlich. Die asiatische Metropole entwickelt sich zu einem lebendigen Labor für smarte Strom- und andere Netze. «Singapur ist ein gutes Beispiel dafür, wie ein starkes Bevölkerungs- und Wirtschaftswachstum bei kluger Steuerung eine Stadt wachsen lassen kann, die nicht nur eine weit entwickelte Wirtschaft hat, sondern auch technisch fortgeschritten, kulturell lebendig und ein angenehmer Ort zum Wohnen ist», sagt Laurence C. Smith, Geologieprofessor an der University of California in Los Angeles und Autor des Buches «Die Welt im Jahr 2050».

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Vier Schlüsselfaktoren muss die ökologische Mus­terstadt der Zukunft unter einen Hut bringen: Energie, Wasser, Abfall und Verkehr. Im Idealfall entwickelt sie sich zu einem weitgehend autonomen Ökosystem mit einer CO2-freien Energieproduktion, einem vernetzten öffentlichen Verkehrsnetz, das die Menschen vom Auto weg, hin zum Laufen, Rad- und Tramfahren bringt, einem Abfallsystem, das Recycling an die oberste Stelle setzt, und einer Kanalisation, in der kein Tropfen Wasser ungenutzt versickert. Die Bewohner grüner Städte bepflanzen Dächer nicht nur, um ein paar Tomaten zu ziehen, sondern vor allem, um die Klimaanlage einzusparen. Solarzellen werden dort aufgestellt, wo es sich lohnt. Der holländische Stararchitekt Jacob van Rijs denkt bereits über Schweinezucht-Wolkenkratzer nach, in denen man die Tiere in der Stadt aufzieht, schlachtet und verarbeitet.

Solche Städte werden mit ihrem Einzugsgebiet zu Megaregionen. Verbunden mit umweltfreundlichen Hochleistungszügen, bilden sie das Rückgrat der Weltwirtschaft von morgen. Davon ist der Wirtschaftsgeograph Richard Florida überzeugt. In seinem jüngsten Buch, «Reset», stellt er fest: «Nicht einzelne Staaten, sondern die Megaregio­nen sind der eigentliche Motor der Weltwirtschaft. Die 40 grössten Megaregionen der Welt bringen zusammen zwei Drittel der globalen Wirtschaftsaktivität hervor und 85 Prozent der weltweiten technologischen Innovationen, obwohl dort nur 18 Prozent der Weltbevölkerung leben. Megaregio­nen sind die strategischen Machtzentren der Wirtschaft.»

Schlagwörter wie «Zehn-Millionen-Schweiz» oder «Stadtstaat Schweiz» zeugen von dieser Entwicklung. Politisch stösst sie auf Widerstand; in einer grossen Beobachter-Umfrage im Frühjahr haben sich rund zwei Drittel der Bevölkerung gegen einen Stadtstaat ausgesprochen. Ökonomisch gesehen ist sie aber bereits Tatsache: 84 Prozent der Schweizer Wirtschaftsleistung werden im urbanen Raum erbracht. Die Schweiz ist im Begriff, eine Megaregion zu werden.

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Philipp Löpfe gehört zu den prononciertesten Wirtschaftsautoren der Schweiz. Sein aktuel­les Buch (in Zusammenarbeit mit Werner Vontobel): «Aufruhr im Paradies»; Orell-Füssli-Verlag, 2011, 176 Seiten, CHF 29.90